Kaiserreichs, von dem Glanz der Vorzeit oder von ihrer Not erzählte, immer würde an mein Ohr der Ruf des lebenden Volkes tönen, dem noch so Vielerlei zu wünschen bleibt. Ich würde es für eine Sünde halten, zur blossen Belustigung Märchen zu schreiben, während noch wichtige Arbeit im vaterland zu tun ist.
Mit dem Roman lässt sich aber die Welt trotz alle dem nicht reformiren, meinte Teophil.
Aber Denen, die sich nicht mit den Ereignissen des Tages beschäftigen, denen die Bestrebungen der Zeit fremd bleiben würden, wenn man ihnen in wissenschaftlicher Form davon spräche, den Menschen kann der Roman sagen, was ihnen zu wissen Not tut, und das soll er tun. Nicht nur grosser Granitblöcke bedarf man, den Bau der Zukunft zu gründen, auch die leichtere Arbeit des Bildhauers gehört dazu und fördert, wenn sie an rechter Stelle und zu rechter Zeit getan wird.
Wohin wird man sich nur vor dem Lärm der Arbeitenden flüchten? Wie wird man sich einen Augenblick Ruhe schaffen können? fragte Teophil.
Man wird, wie ich schon vorhin sagte, wenn man nervenschwach ist, sich selbstsüchtig in die Vergangenheit versenken und unter Illusionen von der glücklichen Gegenwart müssig auf eine herrliche Zukunft hoffen, die nie kommen wird, wenn wir sie uns nicht schaffen.
Teophil erbleichte und eine heftige Entgegnung schwebte auf seinen Lippen, das sah Terese. Auch Reichenbach war in einer ihr unerklärlichen Aufregung, und sie fühlte, dass es Zeit sei, vermittelnd zwischen die Streitenden zu treten.
Nun! rief sie, Sie, meine Freunde, stehen mindestens nicht ausserhalb der Zeit und der Partei, das beweist die Lebhaftigkeit Ihres Streites, die es mir bisher unmöglich machte, eine Frage einzuschalten. Ich möchte wissen, Herr von Reichenbach, ob Sie Ihre eigenen Erlebnisse zum Stoff für Ihre arbeiten benutzen?
Es bedurfte nur der Erinnerung Teresen's, um beide Männer empfinden zu lassen, dass sie zu weit gegangen waren. Sie nahmen sich zusammen, verbargen den Unmut, der in ihnen herrschte, und Alfred sagte: Darauf kann ich Ihnen ja und nein antworten. Ich gebe die Erfahrungen, die mich das Leben machen lassen, in der Form, welche mir die geeignetste dafür scheint. Die Erlebnisse selbst in nackter Wahrheit darzustellen, würde ich, falls es nicht eben eine biographische Arbeit gilt, für eine Indiscretion gegen mich selbst und gegen Andere halten, die mit mir auf dem Lebenswege zusammentrafen.
Aber die Charaktere entnehmen Sie dem Leben? Es scheint mir wenigstens, als ob ich die Originale zu manchen der Gestalten in Ihren arbeiten erkennen könnte.
Da ich mich bis jetzt nur mit den Ereignissen unserer Zeit beschäftigte, da jede Zeit sich ihre eigenen Charaktere schafft, so müssen Sie notwendig in meinen arbeiten auf Erscheinungen stossen, die Ihnen nicht fremd sind, ohne deshalb Portraits zu sein. Die äusseren Verhältnisse bilden den Menschen, wie er andrerseits die Verhältnisse gestaltet. Sobald ich also neue Verhältnisse erfinde, muss ich auch die Gestalten der Gegenwart, die mir vorschweben, jenen erfundenen Verhältnissen so eng anzupassen suchen, dass sie sich gegenseitig bedingen. Gelingt mir das, so gewinnt die Dichtung Wahrheit, den Schein des Lebens, und dieser ist es, der dann zu dem Glauben verleitet, man schreibe das Leben ab, man gebe sich selbst und die nächste Umgebung wieder. Freilich kann ich die Welt nur mit meinen Augen betrachten und daraus entsteht die Subjectivität jeder Dichtung; aber ich kann, wenn ich gesunde Augen habe, in die Weite blicken, ich brauche nicht beständig meinen Nachbar oder mich selbst im Spiegel anzusehen.
Es entstand eine Pause, wie sie nie ausbleibt, wenn sich eine Misstimmung in einen kleinen Kreis eingeschlichen hat. Teophil benutzte sie, sich mit dem Bemerken, dass er heftiges Kopfweh habe, zu entfernen, aber auch nach seinem Fortgehen dauerte ein gewisser Zwang fort. Terese besiegte ihn zuerst.
Mich beunruhigt Teophil's Zustand! sagte sie. Er kann seit einigen Tagen wieder nicht die geringste Aufregung ertragen, ohne von seinen Nervenleiden geplagt zu werden. An arbeiten ist gar nicht zu denken, er ist häufig niedergeschlagen und ich bin sehr erfreut, dass er sich gewöhnt, diese übeln Tage bei mir, statt einsam in seinem Zimmer zuzubringen.
Ihr Mitleid wird ihn noch mehr verweichlichen, als er es schon ist, wendete Alfred ein. Er ist nur zu träge, sich in ernster und anhaltender Tätigkeit Kraft zu suchen. Man hat ihm das Leben immer leicht gemacht, das Glück hat ihn begünstigt, so dass er lange nur zu geniessen und mit dem Dasein zu spielen brauchte. Das Tändeln ist ihm darüber zu einer andern natur geworden, und als dann endlich ein Leid über ihn kam, spielte er kindisch mit dem Schmerz. Ich hasse das an Männern, wenn schon Sie diese Schwäche interessant zu finden scheinen, schloss er, mit einer Bitterkeit, die ihm sonst nicht eigen war.
Terese sah ihn lange ruhig an, als wolle sie in seinen Zügen lesen; dann sagte sie: Was fehlt Ihnen, mein Freund! denn so hart urteilen Sie nicht, wenn Ihre Seele ruhig ist. Können und wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen geschehen ist?
Die Worte sagten nichts mehr, als jede Frau in ähnlichem Falle äussern würde; aber der Ton der Teilnahme, der Besorgniss machten sie für Alfred unschätzbar. Es schien, als ob er eines quälenden Zweifels ledig würde. Er ergriff Teresen's Hand und küsste sie. Sie