, dass die Gewohnheit, Terese täglich zu sprechen, wieder feste Wurzel in ihm geschlagen habe; dass ein Tag, an dem er sie nicht gesehen, ihm ein verlorener scheine. Schon wollte er sich entfernen, als er sich besann, dass er sie heute jedenfalls besuchen müsse, um sich von ihr zu beurlauben, ehe er nach seinem Gute hinausgehe, Felix zu holen, was am nächstfolgenden Abende geschehen sollte. Sein Gesicht überflog ein Freudenstrahl; er zog schnell die Glocke und eilte in das Haus.
Er fand die Freundin daheim wie fast beständig; sie arbeitete und Teophil las ihr aus geschriebenen Heften vor. Er war sichtlich erregt und legte die Blätter aus den Händen, als Alfred bei ihr eintrat.
Was lasen Sie? fragte ihn dieser freundlich nach den ersten Begrüssungen.
fräulein von Brand erlaubte mir, ihr aus den Aufzeichnungen Einiges mitzuteilen, welche ich für mich zu machen pflegte, sagte Teophil.
Und es war sehr viel Schönes darunter, fügte Terese hinzu. Ich habe während des Lesens mehrmals an die Bemerkung gedacht, welche Sie, Herr von Reichenbach, uns neulich machten. Es ist wirklich töricht, wenn die Schriftsteller in weiter Ferne den Stoff für ihre arbeiten suchen. In jedem Menschenleben liegt Poesie verborgen und es kommt nur darauf an, das Blatt zu finden, auf welchem sie verzeichnet steht.
Das ist natürlich, sagte Teophil, denn kein Menschenleben ist so arm, dass die Liebe mit ihrem belebenden Strahl es nicht ein Mal erleuchtet hätte. Wo sie nur erscheint, wird es Frühling und Tag in der Menschenbrust, und das Dasein zum Gedicht und zum Roman. Freilich ist die Nacht um so tiefer, wenn sie nachher entschwindet. Er seufzte, fuhr mehrmals mit der Hand über die Stirne und schloss langsam die Augen, so dass man vermuten musste, sein Kopfweh plage ihn wieder.
Terese betrachtete ihn mit freundlicher Besorgniss. Sie trug einen starkduftenden Heliotrop, der auf dem Tische vor ihnen gestanden, an einen entfernteren Platz und liess den Vorhang herunter, um das eindringende Sonnenlicht zu mildern.
Während dess bemerkte Alfred, der Teresen's Teilnahme für Teophil mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet: Sie scheinen also auch der Ansicht zu sein, dass die Liebe an sich schon ein ausreichender Stoff für den Roman sei. Der Meinung bin ich nicht. Jede wahre Liebe ist bis zu einem gewissen Grade der andern gleich. Jede hat ihr Glück, ihr Leid und die Freude, das Hoffen und Verzweifeln mit allen andern gemein. So sehr für den Einzelnen dies Tema Lebensfrage sein und bleiben wird, so dünkt mich, ist seit lange die Schilderung auch der höchsten, reinsten Liebe in einem Romane unfruchtbar und unnötig, wenn es eben nur die Liebe gilt. Mehr oder weniger anziehend und bedeutend wird sie nur durch den Menschen, in dessen Seele sie entstanden ist, und aus dessen natur heraus sie ihr besonderes Gepräge erhält, ja eigentlich nur durch die Art der Hindernisse, die sich der Erreichung ihrer Wünsche entgegenstellen.
Gewiss, versicherte Teophil, so hatte ich es auch gemeint. Denn wie unter den tausend Blättern eines Baumes nicht zwei einander vollkommen gleichen, so bringt jedes Menschenleben neue Erscheinungen in der Liebe zur Entfaltung, welche für einen Beobachter wie Sie zu besonderen Erfahrungen Anlass geben müssen.
Sie erinnern mich mit diesen Behauptungen an Ereignisse aus der ersten Zeit meines öffentlichen Auftretens, sagte Alfred. Als es in dem Kreise meiner Bekannten zu verlauten anfing, dass ich der Verfasser eines Romans sei, drängte sich Alt und Jung mit geheimnissvollem Vertrauen zu mir, um mir aus den eigenen Erlebnissen Stoff für meine künftigen arbeiten mitzuteilen. Jeder Mann, der in seiner Jugend die Kammerjungfer seiner Mutter geliebt und dann eine andere Frau geheiratet hatte, kam sich in der Erinnerung wie ein Romanheld vor und verlangte, dass ich diese seine Jugendliebe zum Mittelpunkt einer Dichtung erheben sollte. Man hat mich über die Gebühr mit diesen Mitteilungen ermüdet und ich bin manchmal aus Aerger versucht gewesen, den Leuten solche Erzählungen zu schreiben, um sie von der Verkehrteit ihrer Ansicht zu überzeugen, die aus der kleinlichsten Selbstüberschätzung entspringt. Die Liebe an sich ist das eigentliche Tema des lyrischen Gedichts. Für den Roman wird sie erst geeignet, wenn sie mit der Aussenwelt in Streit gerät; und mich interessirt sie als Tema erst dann, wenn die Hindernisse, welche ihr entgegentreten, aus den Ideen oder Tatsachen hervorgehen, die in das Gebiet der Zeitfragen gehören. Ein Roman, der nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht, in der er geschrieben ward, wird selten ein gelungenes Werk sein.
Und der Werter? und die andern Goete'schen Romane? wendete Terese fragend ein.
Sind sprechende Bilder der Zeit, in der sie entstanden, fiel Alfred ein. Grade diese sind aus dem dringenden Bedürfnisse hervorgegangen, das der Dichter hatte, sich und die Mitwelt aufzuklären über Das, was damals stürmisch in Allen wogte. Weil sie aus Ideen ihr Leben schöpften, die damals alle strebsamen Naturen beschäftigten, haben sie Leben gehabt und werden es behalten. Darum ist ihre wirkung auch noch fast eine magnetische auf uns Alle. Im Werter spiegelt sich die schwache Gefühlsschwelgerei der Empfindsamkeitsepoche; in dem Wilhelm Meister das Illuminatenwesen und jenes Streben des begabten Bürgerstandes, die Stelle einzunehmen, welche ihm später die französische Revolution errang. Jene Motive lagen Goete damals als Tagesfragen nahe, darum behandelte er sie und läuterte seine Ansicht von ihnen durch das freie, dichterische Gestalten. Man sollte es also auch jetzt nicht