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des Gemütes, auf deren Boden allein die Liebe erblüht.

Sind das Toren! lachte der Präsident, sind das biedere Deutsche! – Aber wer denkt denn an Liebe, wer denkt denn an Ehe? Wie der Schmetterling nur da ist, sich und uns zu erfreuen, so gibt es Frauen, geschaffen, zu spielen und zu entzücken. Auch Champagner stillt den Durst des Verschmachtenden nicht für immer; aber sein perlender Schaum belebt die abgespannten Nerven des Leidenden und zaubert strahlendes Licht in die düstern Nebel, die ihn umlagern. Wisst Ihr denn, ob ich nicht auch einmal solch ein Leidender bin? Könnt Ihr wissen, ob ich nicht der Erheiterung bedarf? Eva, die blonde, tändelnde Eva ist vielleicht der Champagnerschaum, in dem ich mich berausche, und dazu ist sie wie geschaffen.

Egoist! schalt Alfred.

Sie sind ein zu grosser Epikuräer, meinte Teophil. Als ob von meinem Egoismus die kleine Frau nicht mehr Freude, nicht mehr Genuss hätte, als von Eurer Bedächtigkeit und Tugend! Lernt endlich den weisen Epikur, lernt endlich einmal das Leben verstehen! Ihr sollt geniessen und geniessen lassen, das ist der Zweck des Daseins! den erfülle ich mit Andacht! sagte der Präsident, als man sich trennte.

XI

Alfred konnte nicht aufhören, an Sophie zu denken, er hatte Mitleid mit ihr, er wünschte zu wissen, wie sie die Trennung von dem Präsidenten ertrage; er wollte dessen Aufträge ausrichten. Er ging also zu ihr und liess um die erlaubnis bitten, sie zu sehen.

Sophie nahm seinen Besuch an. Als er bei ihr eintrat, war es hoher Mittag, darum überraschte ihn die Dunkelheit, welche in dem Zimmer herrschte. Alle Vorhänge waren heruntergelassen, die Jalousien fast ganz geschlossen. Sophie hatte in einem Lehnstuhl geruht. Sobald sie Alfred's Schritte hörte, stand sie auf, ging ihm entgegen und sagte: Sie sind ein Freund des Präsidenten von Brand, Herr von Reichenbach, Sie kommen von ihm. Was bringen Sie mir?

Es war nicht allein der Wunsch meines Freundes, entgegnete Alfred, der mich herführte, sondern auch das eigne Verlangen, Sie kennen zu lernen und Ihnen für den Genuss zu danken, den Sie mir neulich durch Ihre Kunst in so hohem Grade gewährt haben.

Wieder Einer, der mir Weihrauchdampf bietet, wo ich verschmachtend nach Lebensluft verlange! Wieder Einer, der sich an fremdem Herzblut erfreut! Lieben Sie den sterbenden Fechter? fragte sie spöttisch

Ja! sagte Alfred, denn ich sehe in dem Todeskampf desselben, dass die starke Seele das Leid besiegen, dass sie den Tod überwinden, dass sie rein eingehen wird in ein schöneres Dasein.

Sophie sah ihn prüfend an; ihr grosses, dunkles Auge ruhte fest auf ihm, dann sagte sie: Den Tod zu überwinden, das ist leicht, aber wie erträgt man das Leben, mit dem tod im Herzen? – Ich habe viele Tage und Nächte daran gedacht, wie ich leben solle ohne Julian's Liebe, ich habe nach einem Gedanken gesucht, an dem ich mich aufrichten, an den ich mich halten könnte. Ich finde keinen. Man bricht die Blume, um sich an ihrem Dufte zu erfreuen, und man wirft sie von sich, wenn sie uns nicht mehr reizt. Aber ein Herz von sich zu stossen, das mit all seinen Fasern an ihm hängt, das nur in der Liebe zu ihm lebt, das hätte ich ihm niemals zugetraut.

Sie faltete die hände zusammen und grosse Tränen fielen langsam aus ihren Augen, während sich keine Miene ihres Gesichtes verzog. Sie war noch in ihrem grossen Schmerze schön, das ist ein Vorzug, den nur wenig Auserwählte haben.

Alfred ehrte ihren Schmerz durch sein Schweigen. Als er sie gefasster sah, sagte er: Gönnen Sie es mir, Sie auf sich selbst zu verweisen. Eine natur wie die Ihre muss eine Lebenskraft in sich haben, die sie über Schmerzen fortträgt, an welcher gewöhnliche Frauen sich verbluten.

Sie schüttelte zweifelnd das Haupt. Gewöhnliche Frauen? und was bin ich als ein gewöhnliches Weib ohne Julian's verklärende Liebe? Was bin ich ohne ihn? Was bleibt mir, wenn ich ihn verliere?

Die Kunst! antwortete Alfred. Wie Viele haben gleich Ihnen das schwerste Leid empfunden und besassen nicht, wie Sie, den Genius der Kunst als Tröster.

Ich werde nicht wieder die Bühne betreten, Herr von Reichenbach! sagen Sie das dem Präsidenten, bis er es von mir fordert. Nur wenn er es verlangt, nur wenn es ihn noch erfreute wie einst, würde ich wieder spielen.

Das wird ihn sehr betrüben, bemerkte Alfred, er opfert Sie und seine Liebe mit blutendem Herzen auf; er hofft, Sie vielleicht später ruhiger wiederzufindenund Sie werden sich ermannen. Ist es nicht

Sagen Sie nicht, was Sie selbst nicht glauben! rief Sophie, ihn heftig unterbrechend, Julian ist kalt, ihn schmerzt das Opfer nicht. O! wie hatte ich Recht, wie ist das wahr geworden, was ich einstmals sagte! – Sie schien in Erinnerung verloren, dann sprach sie: Wir fuhren über Land, Julian und ich. Da sah ich Farrenkraut neben uns an einem Felsen blühen. Die grossen Blätter wuchsen fröhlich aus dem Gestein empor, die ganze reiche Wurzel hing frei in der Luft, nur die zartesten Aederchen verbanden sie mit dem Felsen, aus dem sie Leben zog. Das sind wir,