wolle die Verheiratung Carolinen's möglich machen, sobald der Lieutenant seine Studien beendet haben würde.
In Berlin fand Alfred einen greisen Grossonkel, der sich väterlich des strebsamen Jünglings annahm. Er war Domherr, hatte an verschiedenen grösseren Höfen gelebt und zeichnete sich ebenso sehr durch Geist und feine Sitten, als durch ein starres Festalten an den grundsätzen der katolischen Kirche aus. Von ihm ward Alfred in die gebildeten, kunstsinnigen Kreise der Hauptstadt eingeführt; unter seiner Leitung suchte er auf jede Weise seinen Geist zu bilden, und der Neigung für Künste und Wissenschaft zu genügen, die er in seinen früheren Verhältnissen nicht befriedigen können.
Nachdem dies beglückende verhältnis ein paar Jahre gedauert hatte, starb der Greis plötzlich und Alfred sah sich, unerwartet zu dessen alleinigem Erben ernannt, in dem Besitze eines bedeutenden Vermögens. Freudig ward die Nachricht der Braut verkündet und die Hoffnung baldiger Hochzeit daran geknüpft; aber in der Freude seines Herzens hatte der junge Mann eine Bedingung des Testaments nicht beachtet, welche jene Aussicht noch in weite Ferne hinausschob.
Das Testament verlangte, dass Alfred sich nicht vor vollendetem vierundzwanzigsten Jahre verheiraten, bis dahin in Berlin bleiben oder reisen, und seine Braut nicht wiedersehen dürfe, bis er nach erlangter Grossjährigkeit die Erbschaft angetreten haben würde, welche bis dahin für ihn von den Domherren des geistlichen Stiftes verwaltet werden sollte.
Nur mit Widerstreben fügte sich das Brautpaar in das Unabänderliche. Carolinen's Klagen über ihre traurigen Verhältnisse zur Stiefmutter suchte Alfred mit Schilderungen der glücklichern Zukunft zu beschwichtigen; während er jetzt schon mit zärtlicher Grossmut bemüht war, ihr los erträglich zu machen und dem sinkenden Wohlstande ihrer Eltern wieder empor zu helfen. Die reichsten Geschenke, die ausführlichsten Briefe, die feurigsten Liebeslieder wurden ihr gesendet; aber Nichts vermochte sie zu erheitern, Nichts sie von dem Verdachte zu befreien, Alfred vergesse ihrer, und sein Wille müsse die Hindernisse überwinden können, die sich ihrer Verbindung im Augenblicke entgegenstellten. Das sprach sie mit Bitterkeit in jedem ihrer Briefe aus und verminderte dadurch die sehnsucht, mit welcher er ihnen sonst entgegengeharrt hatte.
Bald darauf trat er seine Reisen an. Er sah Länder und Völker und lernte den Menschen verstehen, von dem Palaste des Herrschers bis hinab in die Hütte des Armen. Die natur hatte ihm eine poetische Auffassungsgabe und eine schöne gestaltende Kraft verliehen. Es trieb ihn also, was er gefühlt und gedacht, für sich und Andere in bleibender Form fest zu halten und auf Zureden eines Freundes gab er einen Band von Liedern und Gedichten heraus, die er in begeisterten Stunden geschrieben hatte.
Als er nach Verlauf einiger Jahre in die Heimat zurückkehrte, begrüsste ihn das Mitgefühl des deutschen Vaterlandes, das die Versuche des jungen Dichters wohlwollend willkommen hiess; aber er entriss sich schnell dem verlockenden Treiben der grossen Welt, um zu seiner Verlobten zu eilen.
Wer jedoch beschreibt seine Empfindungen, als er die Ersehnte wiedersah? In den beständigen Reibungen mit der Stiefmutter, in den kleinlichen Verhältnissen eines Landstädtchens war der mädchenhafte, jugendliche Reiz, der auch die weniger begabten Frauen liebenswürdig macht, gänzlich entschwunden, und Alfred fühlte sein Herz erstarren in dem Begegnen mit der Braut.
Der Gedanke, mit ihr zu brechen, regte sich in ihm, aber er unterdrückte ihn schnell; denn er hatte ihr sein Wort verpfändet, sie hatte ihre Jugend im Vertrauen darauf durchlebt und ihr Vater war verarmt. Daneben wachte auch die Erinnerung an die erste Zeit ihrer Liebe mächtig in ihm auf. Er wähnte, Caroline bilden, sie zu sich erheben zu können. In dieser Erwartung ward ihre Ehe geschlossen, und noch am Hochzeitstage führte er die junge Gattin in sein Schloss, das mit gebildetem Schönheitssinn für ein poetisches Zusammenleben eingerichtet worden war.
Aber seine Hoffnungen täuschten ihn. Carolinen's Herz war nicht böse, es fehlte ihr nicht an Verstand, sie liebte ihren Mann auf ihre Weise, aber sie war kalt und herb, und Alfred entdeckte bald eine Kluft zwischen sich und ihr, die sie weit von einander trennte. Die Weise, in der er, bei grosser praktischer Tüchtigkeit, Welt und Leben geistig erfasste, seine Bestrebungen für Menschenwohl im Grossen, sein ganzes Wollen und Wirken lagen ausser den engen Grenzen, in denen der Geist seiner Frau sich bewegte. Seine ganze Richtung erschien ihr phantastisch, sie fühlte, dass sie ihm nicht folgen, ihm nicht genügen könne, dass er mehr verlange, als sie ihm sei. Das machte sie eifersüchtig, launenhaft und reizbar, und selbst die Geburt eines Sohnes brachte keine vollständige Annäherung zuwege, obgleich beide Eltern mit gleicher Liebe an dem kind hingen.
Häusliches Unbehagen führte die Gatten vom land nach der Stadt, wo sie eine Weile zu leben versuchten; Carolinen's Eifersucht trieb sie wieder auf das Land zurück. In immer neuen Verstimmungen flossen die Jahre dahin, und die Misshelligkeiten steigerten sich, seit die Erziehung des zehnjährigen Sohnes die religiösen Ansichten der Eltern einander gegenüberstellte. Alfred und seine Frau waren beide katolisch; während aber Jener einem reinen Deismus huldigte, hing Caroline streng an dem äussern Kultus der römischen Kirche und suchte, unter Anleitung ihres Beichtvaters, eines Kaplan Ruhberg, vom Domstifte zu Maria-Gnad, das in der Nähe des Schlosses lag, auch Felix zu dem äussern Gottesdienste anzuhalten, was ganz gegen die Ansicht ihres Mannes verstiess.
Caroline, an beständigen Streit mit der Stiefmutter gewöhnt, war gegen das Verletzende der oft wiederkehrenden Zerwürfnisse zwischen sich und ihrem mann nicht allzu empfindlich, während sein feineres Gemüt beständig darunter