so häufig geboten werden. Wenn dichtende Frauen uns Engelsgestalten vorführen, die unter dem Mantel ewiger Entsagung, nicht Fleisch, nicht Blut, sondern nur einen zarten Teint und eine frische Toilette haben; wenn ihnen jeder Mensch mit heissem Blut und daraus entspringenden Fehlern gleich wie ein Dämon vorkommt, so liegt das in einer an sich sehr schönen Eigenschaft des weiblichen Gemüts, aber mehr noch an gänzlicher Unkenntniss des Menschen und des Lebens. Diese würde ich den Frauen zur Ehre rechnen, falls sie nur nicht schreiben wollten. Dass aber auch Männer uns mit Engeln und Teufeln behelligen, die immer ganz uninteressant sind, weil ihnen die Wahrheit fehlt, das hat mich oft überrascht.
Darin liegt nichts Auffallendes, meinte Alfred; es ist nur ein Zeichen, dass sich auch in der Literatur, wie in allen Künsten, jetzt viel Stümperhaftes findet. Ein schlechter Maler, unfähig selbständig zu schaffen, und eben so unfähig, Das, was er wirklich gesehen hat, treu und schön wiederzugeben, wird aus jedem Portrait eine Caricatur machen, indem er Schönes sowohl als Unschönes übertreibt. Das begegnet in unsern Dichtungen ebenfalls täglich. Das Schlimmste aber scheint mir, wenn das fehlende Interesse an den Gestalten durch die Sonderbarkeit der Begebenheit ersetzt werden soll. Die fabelhaftesten Ereignisse werden aneinander gereiht, mit unnatürlichen Verbrechen, mit Verwirrungen, die ein Wort lösen könnte, stürmt man auf uns ein. Man hetzt uns, da das Reisen Gebrauch ist, durch alle Welteile, wir müssen mit dem Helden unter den Cedern des Libanon jauchzen, auf Sibiriens Schneefeldern seufzen und haben wir das Alles überwunden, sind wir endlich an das Ziel gelangt, so sind wir nur zu oft herzlich müde und ohne alle innere Anregung, ohne geistige Befriedigung geblieben. Man hat uns ein Märchen erzählt und wir haben die Zeit verloren. Dass Goete uns in schlichtester Umgebung, in ganz gewöhnlichen Ereignissen das Menschenherz mit seinen Leidenschaften darzulegen weiss, dass er im Gefühl, Wahrheit sei Schönheit und Schönheit bedürfe der Zierraten nicht, stets ebenso einfach als edel bleibt, das macht seine Dichtungen für alle zeiten zu einem Vorbilde, das macht ihn zu einem classischen Dichter.
Alfred schwieg nachsinnend, denn obgleich er mit Teilnahme über die Schönheit der Wahlverwandtschaften gesprochen hatte, so war es doch vornehmlich die Tendenz des Buches, die ihn in diesem Augenblick beschäftigte. Er war leidenschaftlich bewegt, seine Freunde fühlten mit ihm und, nachdem man ihm Zeit zu innerer Beruhigung gegönnt, lenkte man die Unterhaltung andern Gegenständen zu und der Abend ging in erheiternden Gesprächen schnell vorüber.
IX
Am folgenden Tage langte, wie man es erwartet hatte, Teophil an und fand sich bald heimisch in dem haus und der Gesellschaft seiner Gastfreunde. Er war ein hübscher, blonder Mann mit fast weiblichen Zügen und einem gut durchgebildeten, stillen Wesen, das auf Terese einen wohltuenden Eindruck machte, weil sie edle Formen im Betragen besonders hochschätzte. Man liess dem jungen mann Zeit, sich in die neue Häuslichkeit und die fremde Umgebung zu finden, man wollte ihn nicht gewaltsam sich selbst und seiner gewohnten Weise entreissen und erst, nachdem er selbst den Wunsch ausgesprochen, führte der Präsident ihn in das Collegium ein.
Teophil ging mit redlichem Eifer, ja mit einer gewissen Freudigkeit an das Geschäft. Julian's feurige Tätigkeit schien ihn zu beleben und, wenngleich körperlich ermüdet, kam er doch gewöhnlich mit ziemlicher Heiterkeit aus den Sitzungen des Collegiums und von seinen arbeiten zu Terese zurück, der er bald ein angenehmer Gesellschafter wurde. Er war sehr viel gereist, hatte Menschen und Gegenstände mit Verstand betrachtet, mancherlei Kenntnisse sich zu eigen gemacht und, wenn man ihn auch in keiner Beziehung als besonders bedeutend ansprechen konnte, so musste man ihn doch für einen liebenswürdigen jungen Mann erklären, der das Talent, angenehm zu plaudern, in hohem Masse besass. Dabei entwickelte er in näherem Umgange eine solche Geradheit der Gesinnung, eine so grosse, fast kindliche Gutmütigkeit, dass man ihm ein herzliches Wohlwollen nicht versagen konnte und Nachsicht mit seinen Schwächen gewann, die namentlich Terese nur seiner Kränklichkeit zuschreiben wollte.
Eva, neugierig und lebhaft, wie die Stammmutter im Paradiese, war gleich nach Teophil's Ankunft den Gast ihrer Freunde, wie sie es nannte, besehen gekommen und hatte es nicht verschmäht, ihre fröhlichste Laune, ihre tollsten Einfälle zur Erheiterung desselben mitzubringen. Die laute Fröhlichkeit der jungen witwe schien ihn aber mehr zu peinigen, als zu erfreuen, während der Präsident sich davon zu gleicher Heiterkeit hinreissen liess und auch Alfred, der gegenwärtig war, sich dem belebenden Einflusse der Schalkhaften nicht entzog. Das hatte einen gar fröhlichen Abend gegeben, und je kürzer die Tage wurden, je mehr das schnell wechselnde Wetter den herannahenden Herbst verkündete, um so mehr gewöhnten die Männer sich, die letzten Stunden des Tages bei Terese zuzubringen, wo sich denn auch Eva, sicher, die Freunde zu finden, noch häufiger als sonst einstellte.
Hier im traulichen Kreise ward es Teresen sehr wohl. Sie liebte die grossen Gesellschaften nicht, ihre ganze natur hatte etwas in sich Gekehrtes und es war ihr gradezu peinlich, sich über Gegenstände, an denen sie einen wahren Anteil nahm, mit fremden Personen zu unterhalten. Deshalb galt sie bei Leuten, die sie nicht kannten, bald für kalt, bald für stolz oder gar für unbedeutend, während Diejenigen, die ihr nahe standen, an ihr die seltensten Eigenschaften des Herzens und des Geistes verehrten. Von der Mutter zur tüchtigen Haushälterin gebildet, durch Julian's