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Recht geltend, wir nehmen Partei für die Wünsche, die uns bewegen. Nur wenn wir gleichgültig gegen Etwas geworden sind, beurteilen wir es unparteiisch. Da ist denn nichts so gut, nichts so schlimm geworden, als wir es gehofft oder gefürchtet hatten, was uns stürmisch bewegt, ist vollendet, ohne unsere Erwartungen befriedigt zu haben; was wir mit Angst herannahen gesehen, hat uns gefördert. Das Leben erscheint wie eine künstlerisch angelegte Dichtung. Wenn wir die Wirrnisse sich entwickeln und lösen gesehen, gewinnen wir Zutrauen zu dem schöpferischen Geist, der über und in uns waltet, und erwarten ruhig das Ende der Erscheinungen.

Alfred konnte mit ruhigem Gewissen auf sein Leben zurückblicken, mit Freude auf einzelne Punkte desselben. Er konnte sich nicht freisprechen von mancher Schwäche, manchem Irrtum, aber er hatte stets nach dem Besten gestrebt, es auf jede Weise zu fördern gesucht. Nichts hatte zu seinem Glücke gefehlt, als eine glückliche Ehe. Wie Julian in stets wechselnden Verhältnissen Genuss zu finden, hatte nie in seiner Art gelegen, sie hätten ihm keine innere Befriedigung gewährt. Er verlangte nach dauernder, voller Liebe, nach tiefem, gegenseitigem Verständniss, nach einer Ehe in ihrer idealsten Bedeutung.

Er konnte es sich nicht verbergen, dass ihm einst die achtzehnjährige Terese in seiner Jugend eine lebhafte Neigung eingeflösst, dass er ihrer im Gegensatz zu seiner Frau gedacht hatte, als seine Ehe eine so unglückliche Wendung genommen hatte. Dass er nun auch diese Terese nur als eine gewöhnliche Frau wiedersah, machte ihn nachsichtiger gegen Caroline.

Hier, in diesem Zimmer hatte er mit seiner Frau gelebt, hatte Felix gespielt. Oft hatten die jungen Gatten es sich ausgemalt, wie hier in dem grossen Gebäude Raum sein werde für sie, für den verheirateten Sohn und für blühende Enkel, wenn sie selbst an den Grenzen des Lebens stehen würden, denn die Jugend liebt es nur zu sehr, im Gefühl ihrer Kraft, der Zeit zu gedenken, in der sie ihr fehlen wird, und ist doch so voll Lebenslust, dass ihr die Gegenwart allein nicht genügt, dass sie das Glück der vergangenen und kommenden Lebensalter in fröhlicher Erinnerung und in ahnendem Vorgenusse auf einmal empfinden will.

Jetzt, von Caroline getrennt, fühlte er mehr als je, wie eng das Leben der Gatten ineinander verschlungen sei, wie Felix ein festes, heiliges Band zwischen ihnen bilde. Caroline schien ihm weniger Unrecht zu haben, da er augenblicklich nicht mehr von ihr verletzt ward, und in der mildesten Stimmung setzte er sich nieder, ihr zu schreiben, als er einen Brief von ihr vorfand, der am Abend angekommen war. Der Diener hatte ihn auf den Schreibtisch gelegt, er war unter andere Papiere geraten und Alfred bemerkte ihn erst jetzt. Er lautete also:

"Lieber Alfred! Ich habe die ganze Nacht wachend und in Tränen zugebracht, habe Alles überlegt und kann Dein gestriges Betragen gegen mich weder entschuldigen noch begreifen. Ich bin mir bewusst, keine meiner Pflichten gegen Dich verletzt zu haben, ich habe kein anderes Interesse, als Dein Wohl und das Wohl von unserm Felix! Das weisst Du selbst.

Unser letzter Streit ist wegen der Unterstützung entstanden, die ich dem Kloster ohne Deine erlaubnis zukommen liess; aber fragst Du mich denn um Rat, wenn Du Wohltaten erteilst auf Deine Weise? Was heisst denn die Unabhängigkeit einer Frau, wenn ich Dich erst um Alles befragen soll? wenn Du ausser Dir gerätst, sobald ich einmal selbstständig handle? – Und wegen Ruhberg kann und werde ich nicht nachgeben. Du hast und kannst gegen Ruhberg nichts haben, der ein edler, guter Mensch, ein treuer Seelsorger ist und den alle Welt achtet. Dich verdrisst es, dass ich überhaupt zur beichte gehe, dass ich nicht wie Du, in stolzer Ueberhebung mir selbst genug bin und dadurch Gott verleugne. Dies kann und werde ich nie tun, und werde auch bis zum letzten Atemzuge Mutterpflicht an Felix erfüllen und wenigstens ihn vor Deiner Freigeisterei zu bewahren suchen. Lehre Du ihn, was Du willst; Gott fürchten und fromm sein, soll er von mir lernen. Gib mir nur darin nach und wir werden uns besser vertragen, denn dass Du jenen kleinen Streit so schwer nimmst, das ist sehr unrecht von Dir und nicht meine Schuld.

Mein Gott! wenn man in der Ehe jedes Wort auf die Goldwage legen, wenn man sich vor seinem mann, wie vor einem Fremden, beherrschen soll, was wäre da das eheliche Vertrauen? Deine Dichterseele reisst Dich hin, Alfred, in der Ehe einen ewigen poetischen Brautstand zu suchen; lass mich die Vernünftigere, die Ruhigere sein und Dir sagen, dass das in der Prosa des Alltagslebens nicht bestehen kann. Man hat im täglichen Leben so viel Verdruss, dass man nicht immer in guter Laune sein kann, dass man einmal ein hartes Wort sagt; aber gerade Deine Weise ist von der Art, eine ruhige, verständige Frau verdriesslich und heftig zu machen. Du bist nicht wie andere Männer, Du bist gar zu überspannt und wir sind doch schon elf Jahre verheiratet, da kann doch eine Frau nicht ewig sich gleich sein.

Ich hoffe, diese Vorstellungen bringen Dich mir zurück, denn ich sehne mich nach Dir, als ob Du nicht achtzehn Stunden, sondern achtzehn Monate fort wärest. Auch Felix fragt unablässig nach Dir, und dass in der Wirtschaft ohne den Herrn, trotz meiner strengen Aufsicht, Alles verkehrt gehen wird, kannst Du Dir denken