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ich mich mit den Leuten plagen muss, ob ich Verdruss und Aerger habe, danach fragst Du nicht; Du dichtest! Und gerade heute habe ich Verdruss gehabt, denn ich habe der neuen Wirtschafterin den Dienst gleich wieder aufkündigen müssen.

So! sagte Alfred gleichgültig und teilnahmlos.

Und Du fragst nicht einmal weshalb?

gewöhnlich, Beste, scheinen mir Deine Gründe für diese sich oft wiederholenden Gewaltmassregeln nicht ausreichend. Du weisst, ich habe dabei früher stets zu vermitteln, einzuschreiten versucht, jetzt bin ich es müde geworden. Du willst nicht einsehen, dass Du Dir all den Verdruss durch Deine Ungeduld mit den Leuten selbst bereitest; deshalb lasse ich Dich nach Belieben schalten und ertrage die Unbequemlichkeit, fortwährend neue Dienstboten um uns zu haben.

Als ob Dich auch nur Etwas von diesen Unbequemlichkeiten träfe! als ob ich nicht Alles auf mich nähme! Ich denke, Du kannst Dich nicht darüber beklagen, dass Du je Deine gewohnte Bequemlichkeit entbehrst, dass ich es Dich je empfinden lasse, welche Plage die schlechten Leute sind! rief Caroline empfindlich, und Alle schwiegen, bis Felix den Vater bat, den Garten zu verlassen, um durch die Felder auf den Berg zu gehen.

Der Vater war es gern zufrieden, indess die Mutter machte Einwendungen. Sie fürchtete die Wärme, den weiten Weg, liess sich aber dennoch überreden, ihres Mannes Arm zu nehmen und die Ihrigen zu begleiten. Der Knabe lief fröhlich voran und bald hatte man die Höhe erreicht, von der aus sich ein weiter blick über die grossen Reichenbach'schen Besitzungen eröffnete.

Mässige Hügelketten durchzogen das Land, bald mit üppigen Laubwäldern, bald mit wogenden Getreidefeldern geschmückt, die in goldiger Fülle der Ernte entgegenreiften. Dazwischen schlängelte sich von der Höhe ein Flüsschen hinab, das im Tale einen Kupferhammer trieb und weiter hin einen hellen Teich bildete, der, wie die blaue Wunderblume der Märchenwelt, funkelnd und strahlend aus der Tiefe hervorleuchtete. Glitzernd zitterten die letzten Sonnenstrahlen auf dem ruhigen Gewässer und färbten mit bräunlichem Golde die Spitzen der Bäume, die sich leise unter dem erfrischenden Wehen der Abendluft zu regen begannen. Die ersten langgezogenen Finkenschläge tönten aus den büsche, Säulen von schwärmenden Mücken sonnten sich in der Luft, und Alles was lebte, schien sich der schönen letzten Tagesstunde mit Glück bewusst zu sein.

Alfred blickte lange entzückt umher, schwelgend in Anbetung und Freude. Caroline hatte sich auf einen Stein niedergesetzt, sie war mit den Bändern ihrer Schuhe beschäftigt. Ihr Mann liess sie ruhig gewähren. Plötzlich, als die Farben immer tiefer wurden, als es überall heller leuchtete, rief er wie im Selbstgespräch: Wie verdient man diese Welt? wie geniesst man all diese Herrlichkeit? Felix! siehst Du denn, mein Sohn, wie schön es hier ist? Siehst Du, wie dort, wo Dein Schwan durch den Teich zieht, lange, lange Goldstreifen sich spiegeln, als Widerschein des Lichtes? Da streichelt die Sonne mit goldener Hand die feuchte, heisse Wange der müden, entschlummernden Erde, und wünscht ihr gute Ruhe und selige Träume, wie wir es mit Dir machen. Und die Erde wird still und ruhig und träumt von Glück und Frieden! Wollte Gott, dass morgen, wenn sie erwacht, der Traum Wahrheit geworden wäre, dass – –

Hier ist's aber vor Mücken nicht zu bleiben! fiel seine Frau ihm in das Wort, und überhaupt möchte ich zurückgehen, mich drücken die Schuhe und ich will auch der Haushälterin noch etwas sagen.

So komm! sagte Alfred seufzend und, eine düstere Wolke des Unmutes auf der Stirne, trat er den Rückweg an, seine Frau am arme führend, die sich fest und schwer darauf lehnte und unablässig über ihre unbequemen Schuhe klagte.

II

Alfred war der Sohn adliger und edler Eltern. Den Vater hatte er wenig gekannt, die Mutter, welche ihn mit vollster Hingebung erzogen, war gestorben, als er kaum das Jünglingsalter erreicht hatte und Offizier geworden war. Von dieser trefflichen Frau an ein geistiges Zusammenleben mit ihr gewöhnt, fand er nach ihrem tod sich einsam und verlassen. Die lauten, wüsten Kreise seiner Kameraden zogen ihn nicht an und, in ein kleines Garnisonstädtchen versetzt, führte er ein zurückgezogenes freudloses Dasein, bis ihm in der Liebe neue Hoffnung erblühte.

Er hatte eine wohnung in dem haus eines adligen Subalternbeamten gemietet, dessen einzige Tochter, Caroline, für das schönste Mädchen der Stadt galt, das von den Launen einer jungen Stiefmutter viel zu dulden hatte. Alfred bedauerte sie, wollte sie trösten, sie durch seine Teilnahme für ihre Leiden entschädigen. Während dieser Bestrebungen verwandelten sich allmälig sein Mitgefühl und des Mädchens Dankbarkeit in Liebe, die sie sich mit der Befangenheit der ersten Jugend gestanden.

Beide waren neunzehnjährig und schön. Alfred's Seele schmachtete liebedurstig nach einem Ideale, und freigebig schmückte er in seinem geist das junge Mädchen mit allen Vorzügen, die er in ihm ersehnte, die es nicht besass. Kleine Misshelligkeiten, die oftmals vorfielen, wurden durch die Küsse und Schwüre der Versöhnungsstunden ausgeglichen; es war ein verhältnis, wie viele andere, das sich gleichblieb, bis Alfred die Garnison verliess, um die Kriegsschule in Berlin zu beziehen. Eine Trennung, ohne sichere Aussichten für künftiges Wiedersehen, schien den Liebenden unmöglich. Man entdeckte sich den Eltern und, da dem Vater der stattliche Schwiegersohn, der Stiefmutter die Verheiratung der Tochter willkommen war, erlangte das junge Paar die Einwilligung der Eltern mit dem Versprechen, der begüterte Vater