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Ruhig setzte sie sich an der Seite ihres Freundes nieder und sagte: Nun ist's des tollen Spiels genug, wir wollen vernünftig sein. Nimmst Du keine Cigarre, lieber Julian?
Der Präsident nahm sie schweigend an, sie reichte ihm Feuerzeug, hing einen Ueberwurf über die Lampe, wie er es liebte, und schickte sich an, ihm den Tee zu bereiten, den man indess hereingebracht hatte. Das Alles geschah so ruhig und anspruchslos, so dienstbeflissen, dass es wohltuend sein musste.
Es war ganz stille im Zimmer, man hörte nur das Summen des Samovar. Der Präsident hatte Tagesblätter vorgefunden, die er durchflog, Sophie störte ihn nicht. Sie lag ruhig in der Sophaecke und betrachtete den Geliebten. Ihre Hingebung machte ihn weich, aber er liess es sie nicht merken; er war in einer jener gereizten Stimmungen, in denen man eine Lust daran findet, Diejenigen zu quälen, die man liebt. Er liess es geschehen, dass Sophie ihm Alles zubereitete, ihm den Tee einschenkte, wie er es gern hatte, doch er dankte ihr nicht dafür und las ruhig weiter fort.
Endlich unterbrach Sophie die Stille. Sie lehnte sich an den Präsidenten und fragte demütig: Julian! könnte eine Hausfrau Dir es besser machen?
Ja! antwortete er kalt, sie machte es eben so und absichtslos. Du stellst dar, wie immer, Du willst gefallen.
Eine Träne des Zornes trat in das flammende Auge der Schauspielerin, aber sie zerdrückte sie schnell und rief: Gefallen? Doch nur Dir will ich gefallen, Julian, nur Dir! Ist das ein Unrecht? – Sie war jetzt vor den Präsidenten hingekniet, der, als draussen die eilfte Stunde schlug, sich zum Fortgehen erheben wollte.
Sophie, indem sie vor ihm kniete, hielt ihn davon zurück. Ist es ein Unrecht, fragte sie nochmals, dass ich Alles, was ich vermag, anwende, um Dir zu gefallen? Kann ich dafür, dass ich verwaist aufwuchs, dass ich die Bühne betrat, auf die mein Talent mich hinwies? Wer von den Frauen, die sich ihrer Tugend rühmen und mich mit Verachtung eine Buhlerin nennen, hat wie ich zu sechzehn Jahren dagestanden, verwaist, arm, schön genug, um Liebe zu erwecken, und umgeben von der männlichen, glänzenden Jugend in Paris?
Julian sah sie milder an und strich sinnend mit der Hand über ihren Scheitel. Dabei glitt der Kamm heraus und das üppige Haar fiel wie ein dichter, schwarzer Schleier auf sie herab. Sie umfasste den Präsidenten mit beiden Armen, sah ihm zärtlich in die Augen und fragte: Oder ist das mein Verbrechen, dass ich Dich liebe? Dass ich Dich festalten will, dass ich Dein bleiben will um jeden Preis?
Da konnte Julian nicht länger widerstehen, nicht länger sich mässigen. Mit heftigster leidenschaft zog er das reizende Weib zu sich empor und sank an ihre Brust. Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter und leise bittend fragte sie: Und Du verlässt mich nicht? Du bleibst mein?
Kannst Du noch fragen?
Und Du liebst mich wieder? lispelte sie.
Mehr als alle tugendhaften Weiber der Welt! antwortete er und schloss sie fest an sich, sie mit seinen heissen Küssen bedeckend.
VII
Während der Präsident bei Sophien war, sass Alfred einsam in seinem grossen haus. So allein hatte er auch darin gelebt, bald nachdem es ihm mit der Erbschaft zugefallen war. Er erinnerte sich des Tages, an dem er von dem palastähnlichen Gebäude Besitz genommen, und eines andern bald darauf, an dem er Julian mit Mutter und Schwester in demselben zum Frühstück bewirtet hatte. Damals hatte Terese viel mehr zu werden versprochen, als sie jetzt zu sein schien. Er fand sie freundlich und verständig, aber fast matronenhaft ernst; vornehm in der Form, wenngleich in anderm Sinne gewöhnlich. Das verstimmte ihn, ohne dass er selbst es wusste.
Dazu kam ein unbehagliches Gefühl anderer Art. Bei der eiligen Abreise hatte er nur die Dinge einpakken lassen, deren er am nötigsten zu bedürfen geglaubt. Jetzt fehlte ihm Vieles, an das er gewöhnt war; nichts fand sich, wie er es wünschte.
Missmutig und zerstreut, ging er an den Schreibtisch, um die mitgebrachten Papiere zu ordnen, und zog mechanisch eine der Schubladen um die andere heraus. Die Mehrzahl derselben stand leer, in der einen lagen beschriebene Blätter; sie waren mit einem verblichenen Bande zusammengebunden. Er erkannte sie gleich wieder. Als er mit Julian an die Herausgabe seiner ersten Gedichte gegangen war, hatten sie diese Blätter ausgesondert, die sich weniger für den Druck zu eignen geschienen hatten. Das verblichene Band, das sie zusammenhielt, hatte Carolinen gehört.
Er las die Papiere durch. Es waren Klagen über die Trennung von der Geliebten und Liebeslieder mancher Art. Sie kamen ihm jetzt viel besser vor als früher. Jetzt lag jene Zeit mit ihrer jugendlichen Schwärmerei abgeschlossen, beendet vor ihm da. Er urteilte über sie, als über eine geschichtliche Tatsache, eine Durchgangsepoche, die ihr volles Recht in Anspruch nehmen durfte; und wie er sich damals des weichen Liebelebens fast geschämt hatte, so freute es ihn jetzt, dass er einst dieses vollen, hingebenden Gefühles fähig gewesen war.
Es lag für ihn ein wehmütiger Reiz darin, sein eigenes vergangenes Leben prüfend zu betrachten; denn so lange man von der Gegenwart beherrscht wird, kommt man zu keinem Urteil über sich selbst. Der Tag macht sein