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Julian spottend hin.

Da trat Sophie dicht vor ihn hin und sagte: Julian! ich schwöre nicht, denn Du würdest sagen: wer glaubt dem Schwur einer Schauspielerin? Ich mache mich nicht besser, als ich bin. Ich habe es Dir nicht verborgen, als Du mit glühendem Verlangen um mich warbst, dass Du nicht der Erste bist, dem ich und meine Liebe gehörten.

Und ich werde nicht der Letzte sein! rief Julian bitter, das bedarf keines Schwures, ich glaube es.

Nun denn, auch das kann sein! – Ich fühle es, Du willst mir wehe tun, mich verlassen, Du suchst Streit. Vielleicht werde ich nicht ewig trauern, vielleicht äusserlich bald getröstet scheinen, denn ich bin jung und das Leben ist schön; aber ich werde lange, immerfort leiden um Dich, tief im Herzen, denn so wahr Gott über uns lebt, Julian, ich liebe Dich sehr!

Torheit! schalt der Präsident. Du willst heute das Mass voll machen, mich nun noch mit Scenen plagen, die mir verhasst sind. Wollte ich mich quälen lassen, ich hätte mich längst verheiratet.

Als sie diese Worte hörte, brach Sophie plötzlich in das lauteste Gelächter aus, nahm seinen Kopf in ihre hände, küsste ihn auf die Stirne und rief: Das ist das erste vernünftige Wort, das ich heute von Dir höre. Du hast Recht, eine gute wackere Frau muss eine entsetzliche Qual sein. Ewig tugendhaft, also ohne Nachsicht; im Gefühl des Besitzes ruhig, also nicht ein bischen eroberungssüchtig. Wenn ich ein Mann wäre, ich heiratete gewiss nicht.

Das ist erhabene Weisheit aus Deinem mund, sagte der Präsident, der noch immer den Beleidigten spielte. Und was tätest Du denn? Nicht wahr, Du liebtest eine Schauspielerin?

Ich sehe nicht ein, warum nicht? Oder glaubst Du, eine Schauspielerin sei oft nicht besser, als Eure Tugendheldinnen aus der stillen Häuslichkeit? O! es ist schon bequem, zwischen Vater und Mutter aufzuwachsen, behütet vor jedem Gedanken, der den Unschuldshauch von den Seraphsschwingen abwischen könnte. Es mag recht hübsch sein, aus den Armen der Eltern in die des Gatten überzugehen und in ihm auch wieder den Schutz zu finden, dessen man bedarf, um tugendhaft zu bleiben. Das heisst tugendhaft vor dem Gericht der Welt, trotz der heimlichen Untreue im Herzen, die oft nicht fehlt.

Du schwärmst, Mädchen! sagte Julian.

Aber Sophie achtete die Unterbrechung nicht. Ja! fuhr sie heftig fort, ich verachte Eure scheinheilige Tugend, Eure gute Gesellschaft. Ich bin mir mit Stolz des Tadels bewusst, den die andern Frauen auf mich werfen. Ich bin Schauspielerin, ich bin Deine Geliebte! Ja! – Aber ich bin's mit voller Hingebung, so lange ich es bin. Ich bin nur Dein in Deinen Armen. Bis in die Ewigkeit reicht mein Gedanke nicht hinüber. Es gibt keine Ewigkeit für Liebeslust, es braucht ja auch keine zu geben, wo ein Augenblick für Jahrhunderte Genuss gewährt.

Sophie, Sophie! rief der Präsident, der hingerissen ward von der unwiderstehlichen Anmut der Künstlerin, die Männerkleider machen Dich verwegen. Kleide Dich um und werde Weib, Sophie!

Weshalb? fragte sie, bist Du besorgt, ich wolle Dich besiegen, gegen Deinen Willen? Du willst gar nicht widerstehen, Du kannst nicht von mir lassen, Du kehrst ja dennoch wieder, sagte sie schmeichelnd. Es liegt nicht im Gewande; hier tief in der Brust, in meiner und Deiner, steckt der Zauber; die Liebe hält Dich fest.

Indess zog sie den dunklen Sammetrock ab und stand nun in den Sammetescarpins, weissseidnen Strümpfen und einer Weste von Goldbrokat vor ihm, die genau Taille und Hüften bezeichnete, fast bis an das runde Knie hinabreichte und ihren wundervollen Wuchs noch mehr hervorhob. Der Präsident sprang auf und wollte sie umfassen, sie lief aber blitzschnell in das Nebenzimmer, das sie hinter sich zuschloss, und rief: O, ich kann auch tugendhaft sein, mein Herr Präsident!

Julian wusste, dass man sie gewähren lassen müsse, und setzte sich nieder. Bald wollte er sie erwarten, bald sie verlassen. Sie war ihm noch interessant, sie fesselte ihn durch die Gewalt ihrer Reize, aber Alfred's Vermutung war nicht ungegründet, die Verbindung mit Sophie füllte die Seele Julian's nicht aus, sie befriedigte ihn nicht mehr ganz. Ohne dass er es sich selbst gestand, fing er an, sich nach Ruhe, nach festbegründeter Häuslichkeit zu sehnen. Er dachte bisweilen daran, sich zu verheiraten, aber sein verhältnis zu Sophien war allgemein bekannt und man hielt es für bindend. Das war ihm doppelt unbequem in seiner Stellung. Er war zu ihr gekommen, sie auf eine mögliche Trennung vorzubereiten, er dachte wohl noch daran, wie aber sollte er dem reizenden weib wehe tun, das ihn so innig liebte? Wie konnte er in dieser Stunde ihr gegenüber kalt bleiben? Er hatte am Morgen verächtlich von dem ruhigen Glück der Ehe gesprochen, jetzt peinigte ihn Sophiens Ringen um seine Liebe, die sie zu verlieren fürchtete.

Nach wenig Minuten schon kehrte sie wieder zu ihm zurück. Sie hatte ein seidenes Gewand übergeworfen, das nur mit einer Schnur um die Taille befestigt war und Hals und Nacken frei liess. Das Haar war ungeflochten mit einem Kamme aufgenestelt. In der Hand trug sie ein Kistchen mit Cigarren. Sie war eine ganz Andere geworden