sie fröhlich fort, bis vor sechs Monaten ihre Mutter starb. Seitdem wohnt sie, nach dem Wunsch der Verstorbenen, in unserer Nähe und Julian ist zu ihrem Vormunde ernannt. Sie ist uns sehr lieb geworden und wird auch Ihnen gefallen, wenn Sie hinter dem flüchtigen Wesen einen tüchtigen Verstand und das offenste Herz entdecken werden.
Unter diesen und andern Gesprächen verging die Zeit während der Mahlzeit schnell, man stand auf und der Präsident fragte seine Schwester, welche Entwürfe sie für den Abend gemacht habe?
Ich habe noch Einiges im haus zu schaffen, sagte Terese, um erst wieder in die gewohnte Ordnung zu kommen. Ist das beendet, dann will ich ganz still ausruhen.
So wirst Du mich nicht vermissen, falls ich vielleicht später nach haus komme. Ich werde mit Reichenbach den Abend zubringen.
Darauf trennte man sich, nachdem Alfred auf Julian's wiederholte Anfrage es abgelehnt hatte, ihn zu begleiten, weil er noch für einige Stunden Geschäfte habe, die er abzumachen wünschte.
Terese ging nach der Entfernung der Beiden an ihre arbeiten, aber unaufhörlich dachte sie dabei an Alfred's Worte: Nein! weil er ihr fehlt! – Ob Alfred's Ehe nicht glücklich ist? fragte sie sich und wünschte den Morgen herbei, um von dem Bruder Auskunft über diese Angelegenheit zu erhalten, die sie lebhaft beschäftigte.
VI
Abends um die neunte Stunde ging der Präsident in ein stattliches Haus der .... Strasse, stieg zwei Treppen hinauf, öffnete mit einem Schlüssel, den er mit sich hatte, einen geschlossenen Corridor und trat bald darauf, ohne anzuklopfen, in ein kostbar eingerichtetes Zimmer.
Ein junger Mann in altfranzösischer Tracht stand am Fenster und sah auf die Strasse hinaus. Bei Julian's Eintritt wendete Jener sich plötzlich um und stürzte mit einem Jubelruf ihm entgegen und in seine arme.
Es war Sophie Harcourt, die den Geliebten empfing. Er war zu ihr gekommen, mit dem festen Vorsatz, ihr ernste Vorwürfe zu machen, weil sie gleich am Morgen seiner Ankunft von derselben unterrichtet gewesen, also nach ihm gefragt, ihn ausgespäht haben musste. Jetzt, als er sie sah, dachte er nicht mehr daran, sondern zog sie mit sich auf das Sopha und fragte: Hast Du doch spielen müssen heute Abend? Du bist ja im Costüme.
Ich erwartete Dich schon lange, antwortete sie, und um nicht zu empfinden, wie lange, probirte ich das Costüm an, in dem ich in der nächsten Woche auftreten will.
Kokette! sagte scheltend Julian, während er sie auf seine Knie nahm und ihre feine Hand, die aus den breiten Spitzenmanschetten zierlich hervorsah, auf seine Augen drückte. Kokette! Du wusstest wohl, wie reizend Du bist in dieser Männertracht, in der ich Dich zuerst sah. Du wusstest, dass ich Dir Vorwürfe machen würde, und wolltest mich bestechen. Aber ich sehe Dich nicht an! mit Deinen eigenen Händen halte ich mir die Augen zu.
Glücklicherweise ist der Mund frei! rief sie, indem sie einen Kuss auf Julian's Lippen drückte, den er mit vielen andern erwiderte. Dann machte sie sich los und sagte: Du zerdrückst mir den schönen Sammetrock und hast doch noch gar nicht gesehen, wie er mich kleidet, so roh und wild bist Du gleich mit Deiner Zärtlichkeit über mich hergefallen. Sieh mich an, mein Freund, wie gefalle ich Dir?
Sie fing nun an im Zimmer umherzugehen, sich in mancherlei Stellungen bald vor dem Spiegel, bald vor Julian zu bewegen, und man konnte in der Tat kaum höhern Liebreiz finden. Sie war gross, schlank und kräftig gebaut, ohne grosse Fülle zu haben. Die Männerkleidung stand ihr vortrefflich und die schwarzen Augen sahen blitzend und zärtlich unter der gepuderten Perrücke hervor. Der Präsident betrachtete sie mit Entzücken. Dessen war sie sich deutlich bewusst, und auf ihren Reiz vertrauend, warf sie den kleinen Stahldegen, mit dem sie Fechtübungen gemacht hatte, von sich, setzte sich dicht neben den Geliebten, schmiegte sich an ihn und fragte: Julian! Warum hast Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben? Warum hast Du mich nicht wissen lassen, wann Du wiederkommen würdest? Ich habe vor Ungeduld fast täglich in Dein Haus geschickt.
Diese Frage erinnerte den Präsidenten, dass er sich über seine schöne Freundin zu beklagen habe, und die gelegenheit benutzend, sagte er: Weil ich die Absicht hatte, gar nicht wiederzukommen, weil Dein Spioniren und Nachfragen mir unerträglich ist. Gleich heute wieder! Wie oft habe ich Dir verboten, Deinen Diener zu mir zu schicken, wie oft Dir gesagt: schreibe nicht auf dem närrischen, bunten Papier, das auf zehn Schritte ein billet doux verrät! Nun tust Du gleich das Alles auf einmal. Erspähst, natürlich durch Bestechung meiner Leute, wann ich zurückkehre, schickst den baumhohen Diener in mein Haus und schreibst auf bunt bemaltem Papier, damit vom Kutscher bis zur Küchenmagd Jeder erraten kann, von wem die Botschaft kommt. Du bist unerträglich indiscret. – Nimm die Perrücke ab, der Puderstaub belästigt mich.
Sie tat augenblicklich, wie er verlangte, und sagte dann: Indiscret nennst Du mich, wenn ich vor sehnsucht nach Dir vergehe? wenn ich den Augenblick nicht erwarten kann, in dem Du wieder bei mir bist? Du weisst es: wie ich Dich liebe, habe ich keinen Andern je geliebt.
Eine schöne Liebe, die Vergleiche mit früheren anzustellen hat, warf