zur Tafel setzte, sich das Haar von der Stirn strich, als wolle er zugleich jeden unangenehmen Gedanken verbannen; wie er die Brille zurechtrückte, die Serviette entfaltete und dann prüfend und geniessend das Mahl einnahm, um seine Behauptungen gerechtfertigt zu finden.
Aber hast Du denn ein wirkliches Vergnügen vom Essen und Trinken? fragte Alfred. Sobald ich das Bedürfniss danach befriedigt habe, hört für mich der Genuss auf, es wird mir sogar lästig.
Das Erstere, antwortete der Präsident, war eine ziemlich sonderbare Frage, lieber Freund! Freilich habe ich eigentliches Vergnügen daran und was die Uebersättigung betrifft, so kommt die nur davon her, dass man es als ein Sattmachen, als eine tierische Fütterung betreibt. Wer, wie ein ordinairer Mensch, nahrhafte, sättigende Kost isst, der wird schläfrig nach dem Essen, der wird fett und setzt sich einem Schlagfluss aus. Anders Derjenige, der die Mahlzeit künstlerisch behandelt, wie etwa ein Virtuose sein Concert. Dieser wird Dich, wenn er sein Fach versteht, nicht mit grossen Concertstücken, in wilder Hast auf einander gehäuft, belästigen. Er wird Dir abwechselnd Ernstes und Heiteres, Schweres und Leichtes bieten, damit jeder Deiner Neigungen harmonisch begegnet werde. Dasselbe verständige Mass verlange ich von der Hausfrau, die eine Mahlzeit anordnet. Licht, Wärme, Wohlgerüche, Blumen und Geräte in gehörigem verhältnis', damit alle Sinne beschäftigt, keiner vorzugsweise erregt werde, und vor Allem Das, um was schon Faust den Mephisto anging, als er fast Unerreichbares forderte: "Speise die nicht sättigt." Wer so lebt, kann lange leben und geniessen. Er wird nie träge, nie stark werden und nie den Schlagfluss, sondern höchstens das Podagra zu fürchten haben, das denn doch immer ein aristokratisches Leiden ist.
Gleichsam als bereue er die Anstrengung, welche ihm die Auseinandersetzung verursacht hatte, lehnte sich der Präsident in den Sessel zurück und Alfred sagte: Du bist freilich schon von Jugend an durch die ganz eigentümliche Zierlichkeit Deiner Mutter und Deiner Schwester an die geschmackvollste Häuslichkeit gewöhnt worden! Ich habe daran oft gedacht!
Vermutlich, weil Ihre Frau denselben Sinn für das Schöne hat, als wir! meinte Terese.
Nein, weil er ihr fehlt! sagte Alfred. Aber er erschrak vor seiner unwillkürlichen Aeusserung und meinte dann ablenkend, da Terese ihn betroffen anblickte, ihre grosse Sorgfalt für Julian's Tafelgenüsse sei um so lobenswerter, als Frauen an denselben gewöhnlich keine Lust zu haben pflegten.
Da irrst Du abermals, widerlegte ihn der Präsident. Meine Schwester hat allerdings den Fehler, gleichgültig dagegen zu sein, aber unsere kleine Freundin Eva ist es zum Beispiel ganz und gar nicht. Sie bedarf sehr wenig, um ihren Hunger zu stillen, sie ist aber so begehrlich nach Leckerbissen und Näschereien, weiss sie so niedlich zu verzehren, dass sie dadurch einen neuen Reiz für mich gewinnt.
Sie ist auch darin ein wahres Kind, wendete Terese ein; doch ist das in meinen Augen keine von ihren guten Eigenschaften, deren sie gar manche hat. Finden Sie Eva nicht sehr schön, Herr von Reichenbach, und sehr anmutig?
Wenn ich die Wahrheit sagen darf, nein. Sie ist schon zu klein und zu unruhig, um mir schön und anmutig zu erscheinen. Ich kenne sie freilich erst seit gestern, aber ich halte sie für eine kleine Kokette, die Kindlichkeit vorschützt, um ihren Launen Duldung zu verschaffen.
O, das ist schlecht von Ihnen, Herr von Reichenbach! schalt ihn Terese. Unsere Freundin Eva ist in der Tat ganz so kindlich und kindisch, als sie erscheint. Sie war das einzige Kind sehr reicher Eltern, die sie in jedem Sinn verwöhnten. Der Vater starb, die Mutter verheiratete Eva, das fünfzehnjährige Mädchen, mit dem Major von Barnfeld, einem Freunde ihres verstorbenen Mannes, und man zog auf das väterliche Gut, um dort zu leben.
Das Uebrige, sagte der Präsident, da Terese innehielt, folgt nun von selbst. Mutter und Gatte verhätschelten die kleine Frau nun vollends um die Wette, und Beide unterdrückten alle Selbstständigkeit in ihr. Zwischen Kornblumenkränzen, Nachbarstöchtern, Voss' Idyllen, Landjunkern und andern unschädlichen Dingen wuchs sie auf; lachend, wo sich Anlass dazu bot, froh, verheiratet zu sein, weil sie nichts mehr zu lernen brauchte, was ihr von jeher verhasst war, und sie hat denn auch gar nichts gelernt.
Julian, das dürftest Du am wenigsten sagen, der Du sie in ihrer Unwissenheit so reizend findest! bemerkte ihm die Schwester.
Mache ich ihr denn jetzt einen Vorwurf daraus? fragte der Präsident. Ihre unglaubliche Unwissenheit ist für mich ihr schönstes Lob in einer Zeit, in der es lauter gebildete, geniale Frauen gibt, zur tödtlichen Plage für den Mann. Eva hat die seltensten Eigenschaften. Sie ist hübsch, gutmütig, reich und gar nicht geistreich, also leicht zu beherrschen. Sie ist eitel, kindisch und naschhaft, also bequem und leicht zu erfreuen. Solch eine Frau ist ein Phönix in unsern Tagen.
Seit wann lebt sie denn in Berlin? fragte Alfred.
Noch nicht lange, erst seit dem tod ihrer Mutter, antwortete Terese. Herr von Barnfeld starb, als Eva achtzehn Jahre alt war. Die Mutter verkaufte die Besitzungen und zog mit Eva in die nächste Stadt, und die kleine junge witwe sah sich so von allen Männern umschwärmt, dass sie wohl ein wenig übermütig geworden sein mag. In Zerstreuungen und Huldigungen jeder Art lebte