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umkommen, nichts verschwendet werden. Aber sei nur unbesorgt, die natur selbst ist die beste Haushälterin. Allem von ihr Geschaffenen wohnt die Fähigkeit und der Trieb ein, alle Hindernisse zu überwinden, alle Bande zu sprengen und durch tiefe Nacht zum rechten Lichte zu dringen. Ein Talent, eine Anlage, die durch Verhältnisse unterdrückt werden, verdienen kein Gedeihen. Dagegen ist es in der natur des Genius, dass er immer und überall Sieger ist.

Das glaube ich auch, bekräftigte Alfred. Es ist gar nicht nötig, den Menschen in dieser Beziehung beizustehen, es ist mit ihnen grade wie mit den Pflanzen. Wollen Sie eine Hyazinte früh zur Blüte bringen, setzen Sie dieselbe beständig in das beste Licht, in die behaglichste Wärme, so wird allerdings eine frühere Blüte Ihnen die Pflege lohnen, aber sie wird oft schwächer und vergänglicher sein, als die, welche unter Nachtfrost und Schnee sich langsam, reif und kräftig, ohne andern Beistand als den eignen Trieb, aus dunkler Erde ans Licht hervorringt. Dass meine Eltern die Eiseskälte der Zweifel und einen kleinen Hagel von Schlägen über mich ausgeschüttet, hat mir gewiss nicht geschadet.

Indess war es spät geworden, Alfred erhob sich und schickte sich an, die Freunde zu verlassen, aber Terese und der Präsident baten ihn, den Mittag mit ihnen einzunehmen, und Alfred liess sich willig dazu finden.

In einem mässig grossen, von Bäumen beschatteten Zimmer war der kleine Tisch für drei Personen gedeckt, mit Vasen voll frischer Blumen und einem schönen silbernen Korbe geziert, in dem feines Obst so trefflich geordnet war, dass es zu einem Schmuck der Tafel wurde. Alfred äusserte sein Wohlgefallen daran, man nahm Platz und Julian sagte, während die ersten speisen aufgetragen wurden, zu Alfred: Du empfindest lebhaft für das Schöne, Du besingst es auf die würdigste Weise, wo es Dir begegnet, nur für Eine Richtung geht Dir der Sinn ab und das ist ein grosser Mangel. Ich glaube, Du hast keinen Sinn für die rechte Bequemlichkeit, für materielles Wohlsein.

Du irrst! antwortete Alfred. Ich empfinde Unbequemes lebhaft und störend.

Das glaube ich schon, denn Du müsstest kein Mensch sein, wenn Du es nicht empfändest, sagte der Präsident. Aber vom Empfinden des Unbequemen bis zum tiefen, bewussten Geniessen sinnlichen Wohlseins ist eine grosse Entfernung. In dieser Kunst, denn eine Kunst ist es, sollten die Alten unsere Lehrer sein.

Es sieht aus, als ob Du schon nicht geringe Studien darin gemacht hättest, meinte Alfred, und ich finde, dass Deine Schwester Deinen desfallsigen Bestrebungen sehr umsichtig entgegenkommt.

So ist es, bestätigte Julian. Ich bilde mir viel darauf ein, mit Verstand an dies Geschäft zu gehen. Es ist mir heiliger Ernst, ein teil meiner Poesieein teil meiner Religion sogar.

Der Religion, Julian! wendete Terese tadelnd ein, die möchte mit Essen und Trinken schwerlich etwas gemein haben.

Doch, liebe Schwester! Wie willst Du, dass sich der Mensch vorteilhafter von dem Tiere unterscheide, wie willst Du, dass er besser danke für das Geschaffensein und für Das, was für ihn geschaffen ist, als indem er es so selbstbewusst, so vollkommen geniesst, als es ihm möglich ist. Die Griechen, die einer reinen Gottanbetung viel näher waren, als wir, bekränzten Haupt und Becher mit Rosen und opferten Libationen, wenn sie an das hohe Geschäft gingen, die notwendige Nahrung zu sich zu nehmen. Selbst in den Klöstern liess man dem Körper noch sein Recht widerfahren. Man legte sich Bussen, Fasten auf, man geisselte sich, um nachher das Essen desto schmackhafter zu finden, um die mangelnde Bewegung zu ersetzen, und die Tafeln waren mit höchster Sorgfalt behandelt. Luter, ein an Körper und Geist durchweg gesunder Mensch, pries begeistert Wein, Weiber und Gesang, und liebte eine gute Mahlzeit. Ueberall, wo poetischer oder nur gesunder Sinn war, schätzte man materiellen Genuss. Erst der spätern, am Schreibtisch verkümmerten, kranken Zeit, erst den protestantischen Gelehrten mit schwacher Verdauung, den schwindsüchtigen Pietisten gelang es, das Essen als ein niedriges Bedürfniss darzustellen; erst sie sind töricht genug gewesen, die gesunde Sinnlichkeit ihrer angebornen Poesie zu entkleiden, dem Körper sein Recht entziehen zu wollen.

dafür stehen denn auch in unsern Tagen solche wackere Kämpfer auf als Du, Julian! sagte Alfred. Du solltest der Stifter eines neuen Cultus werden.

Und wer sagt Dir, dass ich es nicht möchte, wenn die Zeit reif dafür wäre? fragte Julian. Wäre es denn nicht ganz poetisch, wenn man, von sinnlichem Geniessen ausgehend, endlich zu einer tiefgefühlten Anbetung des Schaffenden, zu einer erhabenen Anschauung alles Erschaffenen gelangte? Wäre es nicht schön, wenn jeder Einzelne den Weg ginge, den das Menschengeschlecht ursprünglich verfolgte, um zur Gotterkenntniss zu gelangen? Uns sagt man: Gott hat die Welt für uns erschaffen, danke ihm dafür! Aber man hindert uns, seine Gaben zu geniessen, man sagt uns, das sei sogar sündhaft. Die Heiden genossen in vollen Zügen, und dann in der Freude des höchsten Genusses fand sich das Danken von selbst. – Ich bitte Dich, mein Freund, das überlege, das besinge einmal und Du sollst mir der König der Dichter heissen.

Seine Zuhörer lachten und freuten sich sein, denn der Präsident besass wirklich ein besonderes Talent, den Materialismus, dem er huldigte, zu veredeln. Man musste ihn sehen, wie er sich