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in jedem Verhältnisse alles Andere auf; sie ist das höchste, wahrste Glück!

Wirst Du nie anders denken? Wird der genussreiche Wechsel Dich dauernd beglücken? Wirst Du bei Deinem feinen, lebhaften Gefühl, bei Deiner Eifersucht nie nach einem treuen, jungfräulichen Wesen verlangen, deren ganzes Sein in Dir begründet ist? fragte Alfred sehr ernst und fügte hinzu: Ich fürchte, Julian, Du täuschest Dich über Dich selbst und erheuchelst Dir ein Glück, das Du nicht fühlst. Du bist zu stolz, einzuräumen, dass Du es vielleicht gesucht und nicht gefunden hast.

Du irrst! versicherte Julian. Ich habe Alles, was ich wünsche. Eine Stellung, die mir zusagt; Terese, die ein seltenes Mädchen ist, zur treuen, nachsichtigen Gefährtin, eine bequeme Häuslichkeit, eine reizende Geliebte und niemals Langeweile. Mehr werde ich nie verlangen. Ich bin durchaus zufrieden und gönne Andern das ruhige häusliche Glück und die ehelichen Freuden.

Bei Julian's letzten Worten kehrte seine Schwester wieder zu ihnen zurück, gesellte sich zu den Männern und die Unterhaltung wendete sich bald auf die erste Zeit ihrer Bekanntschaft zurück.

Ich erinnere mich noch deutlich des Abends, sagte Julian, da ich Dich einsam schreibend in Deinem Mansardstübchen fand und gegen Deinen Willen Deine Schreiberei durchlas. Für eine poetische natur hatte ich Dich stets gehalten, und der lyrische Lieutenant war mir oft ergötzlich gewesen, wenn er mitten in den Orgien, denen unser Kreis sich damals überliess, sich hinweg sehnte nach Wald und Flur, nach Ruhe und Stille. Nun ich Deine Verse las, begriff ich Dich plötzlich ganz, ich rief Dir das "Ich hab's gefunden" zu. Ich sagte Dir, Du bist ein Dichter, und ohne mein Dazwischentreten hättest Du vielleicht noch lange Deinen eigentlichen Beruf verkannt.

Ich habe des Augenblickes später selbst oft gedacht, sagte Alfred, und mich gefragt, wann ich wohl eigentlich zu dichten angefangen habe? Ich konnte es aber nie ergründen, denn mein erstes Bewusstwerden mag ziemlich mit dem ersten Dichten zusammen gefallen sein. Wie das Meer seit dem Moment der Schöpfung sich in rastlosem Wechsel bewegt, wie es nicht existirt ohne Bewegung und in seiner Ruhe noch den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen widerspiegelt, also auch in der Ruhe noch Bilder des himmels schafft, so ist es mit der Seele des Dichters. – Ich bin mir jetzt noch schreckhafter Nächte aus meiner ersten Kindheit bewusst, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, in denen ich unwillkürlich Das, was ich gehört hatte, weiter fortspann; von Krieg und Erdbeben, von dem tod Derer, die ich liebte, wachend träumte und es mir mit grässlicher Genauigkeit ausmalte, weil ich die Grenzen des Wahrscheinlichen von denen des Möglichen nicht zu sondern vermochte. Die schreckhafteste Möglichkeit hielt ich immer für Das, was sich ereignen werde und müsse.

Und ist man früh auf Ihre Anlagen und Ihr Treiben aufmerksam geworden? fragte Terese.

Nein! antwortete Alfred. Die Qualen jener Nächte verschwieg ich, ohne zu wissen, weshalb. Später, als ich anfing, meinen Spielgenossen ganz wunderbare Geschichten zu erzählen, die mir oder meinen Eltern begegnet sein sollten, da wurden die Eltern aufmerksam, schalten mich wegen der Unwahrheiten, die ich erzählt hatte, und drohten mit ernster Strafe, falls ich je wieder auf gleichem Unrecht ertappt werden sollte. Daraus erwuchs mir neue Qual. Ich traute mir selbst nicht mehr. Da ich nicht für wahr ausgeben durfte, was sich an Ideen in mir ausbildete, fing ich auch an, an Dem zu zweifeln, was ich wirklich erlebt hatte. Aus dieser gänzlichen Verwirrung tauchte als unwiderlegliche Wahrheit eine geschichte in mir auf, in der Napoleon und mein Vater die Hauptrollen spielten.

Und war das eine wirkliche Begebenheit? fragte der Präsident.

Nichts weniger als das, antwortete Alfred. Meine Kindheit fiel in die Zeit nach den Befreiungskriegen, in der die Heldengestalt Napoleon's noch ganz im Vordergrund der Ereignisse stand. Ich hatte sein Bild oft gesehen, mein Vater, ein grosser Bewunderer des Kaisers, sprach viel von ihm und war einmal in amtlichen Verhältnissen in der nächsten Umgebung desselben gewesen. Vermutlich daraus hatte sich in mir eine lange geschichte gebildet, die ich besonders gern erzählte. Ich behauptete, mich deutlich des Tages zu erinnern, an dem mein Vater in einer gelben Carosse in grossem Aufzuge dem Kaiser entgegen gefahren sei, ihm auf rotem Sammetkissen die Schlüssel der Stadt überreicht habe und was daran sich noch fabelhaft und kindisch Erfundenes anreihte. – Diese Erzählung erreichte auch das Ohr meiner Eltern und zog mir, weil es meine grossartigste Erfindung war, auch die lang versprochene grossartige Strafe in tüchtigen Schlägen zu. Dies war der Lohn und das erste Honorar für mein erstes Heldengedicht.

Der Präsident lachte, Terese aber sagte: Es ist recht schlimm, dass in den Seelen der Kinder all ihre Empfindungen, ihnen selbst unklar, oft so lange verborgen liegen. Wie mich ein krankes Kind immer noch mehr rührt, als ein Erwachsener in gleicher Lage, weil es bei zarterer Constitution tiefer leiden mag, als Jener, und nicht sein Leid zu klagen vermag, so jammern mich Kinder mit reichem Seelenleben doppelt, denn sie müssen davon gepeinigt werden. Wenn man es nur verstände, sie zu erraten, ihnen zu Hilfe zu kommen, man würde vielleicht manche grosse Anlage entdecken, die jetzt verloren geht.

Dies ist eine recht haushälterische sorge, liebe Terese! neckte sie der Bruder, es soll nichts