Jahren, wie ein Jüngling in sie verliebt. Ich schlage Dir vor, Dich zu ihr zu führen.
Und Deine Eifersucht lässt das zu? oder bin ich schon so ungefährlich? fragte Alfred.
Im Gegenteil! sie betet das Genie an und der gefeierte Dichter wird sie in Entzücken versetzen. Aber wir – oder vielmehr ich – ich bin nun über die grosse leidenschaft für sie hinweg. Sie ist ewig in Extase und ich bin der grossen affectvollen Scenen etwas müde. Das wird aufreibend mit der Zeit und ich sähe es nicht ungern, wenn sie auswärts ein gutes Engagement fände. Ich unternahm meine Reise zum teil, um sie an eine Trennung von mir zu gewöhnen.
Und was zwingt Dich, wenn dem so ist, gleich heute wieder in die alten Fesseln?
Die Furcht vor ihrer Rücksichtslosigkeit. Sie bildet sich ein, sie liebe mich leidenschaftlich und ich muss es fast glauben. Käme ich nicht, so wäre sie im stand, mich hier aufzusuchen. Das will ich vermeiden und – die Fesseln sind denn doch so drückend nicht. Ich wollte sie schon noch eine Weile tragen, sie sind mir in der Gewohnheit sogar lieb geworden; aber ich möchte sie in ein ruhiges bequemes Band verwandeln. Nur dass ich täglich von leidenschaft hören soll, dass sie verzweifelt, wenn sie mich in irgend einer andern Verbindung vermutet, das ist mir lästig. Du spartest mir in der Tat eine Menge Vorwürfe über mein langes Ausbleiben, über mein Nichtschreiben, wenn Du mich zu ihr begleiten wolltest.
Alfred lachte laut auf. Julian! aber Julian! rief er, wie bist Du der Alte geblieben, ganz und gar. Dieselbe Eitelkeit, dieselbe Furcht vor peinlichen Erörterungen, wie früher. Ist mir's doch, als wären wir wieder der Assessor Brand und der Lieutenant Reichenbach geworden. Hast Du denn wirklich noch Lust an solchen Teaterintriguen? Fühlst Du Dich noch glücklich in solchen Verbindungen?
Sehr glücklich! antwortete zuversichtlich der Präsident. Es sind die einzigen, bei denen man nicht Gefahr läuft, eine Laune des Herzens durch lebenslängliches Elend abzubüssen. Im solid bürgerlichen Leben verliebt man sich, wird getraut und hat nun eine Frau, die man in tausend Fällen wenig kennt. Die Braut schien ein Engel, denn sie wollte gefallen. Die Frau, deren los gesichert ist, findet das nicht mehr der Mühe wert; der Mann, ebenfalls am Ziel seiner Wünsche, lässt sich in gleicher Bequemlichkeit gehen. Nach wenig Monaten leben zwei Menschen, die mit einander leben sollten, nur noch neben einander und vergehen vor Ueberdruss und Gleichgültigkeit. Dies ist das treue Bild einer rechtmässigen Ehe! schloss er, mit seinem gewohnten spöttischen Lächeln.
Du malst es in Deiner Weise, mit dem Pinsel der Satire! meinte Alfred. Warum schilderst Du grade eine unglückliche Ehe?
Weil es mir im Allgemeinen an Vorbildern für glücklichere fehlt; weil eine Ehe auf gegenseitiges Verstehen, auf geistiges Zusammenleben gegründet, zu den Seltenheiten gehört.
Alfred schwieg und Julian fuhr fort: Weiss eine Frau, dass wir sie jeden Augenblick verlassen können, so denkt sie jeden Augenblick daran, uns zu fesseln, scheint uns immer neu und reizend, und wir lieben die Schöpferin unseres Glückes, die dadurch ebenfalls glücklich wird. Dies ist der natürlichste Erfolg vernünftiger Freiheit. Ich bin in der Tat gewiss, dass Sophie mich liebt, ich habe nie an ihrer Treue gezweifelt, und sie ist mir, trotz meiner Klagen gegen sie, unendlich wert.
Aber Du sähest es nicht ungern, wenn sie auswärts ein gutes Engagement fände, wie Du mir vorhin gesagt, meinte Alfred. Dies spricht nicht sehr für die Dauer Deiner Liebe, für Deine Hingebung an sie. Wer sichert sie und Dich selbst, dass Du nicht jeder ungünstigen Aufwallung gegen sie nachgibst, dass Du sie nicht morgen verlässest, wenn es Dir angemessen scheint? wenn neue Reize Dich verlocken?
Ihre eigene Liebenswürdigkeit.
Und wenn diese ihre Anziehungskraft für Dich verliert?
Dann werden wir uns trennen, sagte der Präsident sehr ruhig. Aber glaube mir, weil Sophie das fühlt, bleiben wir glücklich und vereint. Wärst Du nicht durch Eide an Caroline gebunden, wüsste sie sich nicht in sicherem Besitz, sie wäre vielleicht eine treffliche Frau geworden und ihr hättet mit einander wie die Engel gelebt.
So wenig Alfred Ursache gehabt hatte, mit seiner Frau zufrieden zu sein, so verletzte es ihn doch, Julian in dieser leichtsinnigen Weise von ihr und seiner Ehe sprechen zu hören.
Du selbst glaubst Deinen Worten nicht, mein Freund! sagte er, denn es liegt Unedles, Unwahres darin. Wer Frauen so hoch zu schätzen vermag, wie Du Deine Mutter geschätzt hast, Deine Schwester schätzest, der kann die Gattin allein nicht zum gegenstand genusssüchtiger Berechnung erniedrigen, der kann nicht die treue, liebende Gefährtin, die Mutter seiner Kinder zur Buhlerin entwürdigen wollen, die man verstösst, wenn man ihrer müde ist. In dem festen Zusammengehören, in dem Bewusstsein der Dauer, liegen die Heiligkeit, die Schönheit der Ehe, die uns das Leid gemeinsam leichter tragen, Freude doppelt geniessen lassen und die vollste, edelste Entwicklung der menschlichen natur zur Blüte bringen. Wenn wir die rechte Wahl getroffen, eine Frau gefunden haben....
Und wenn nicht? fiel ihm Julian ins Wort, wenn man die rechte Wahl nicht getroffen hat? Dann bleibt nichts übrig, als Leiden, vor denen man sich sichert durch Ungebundenheit. Das Bewusstsein der Freiheit wiegt