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Zurückhaltung, als sie ihm am vorigen Tage auf der Reise gezeigt hatte. Alfred beklagte sich darüber und beschwichtigend sagte sie: Denken Sie nur, Herr von Reichenbach! welch lange Reihe von Jahren zwischen unserer ersten Bekanntschaft und unserm Wiedersehen liegt. Da bildet sich viel an dem Menschen aus, Eigenschaften und Fehler mancher Art, man wird ein ganz Anderer, man kennt einander nicht mehr und noch nicht, Sie haben mich gestern selbst äusserlich nicht mehr gekannt. So kann es uns auch geistig leicht geschehen; darum wollen wir uns nicht blind in ein ganz neues verhältnis stürzen, sondern es der Zeit überlassen, das alte Zutrauen herzustellen, das sich gewiss bald finden wird.

Alfred missfiel diese Aeusserung. Ich will nicht fürchten, sagte er, dass Sie eine Andere geworden sind, denn Sie waren gut. Ich für mein teil bin ganz der Alte geblieben und brachte Ihnen und Julian die alte, feste Neigung entgegen. Es wäre traurig, wenn auch er der Zeit bedürfte, den Freund in mir wiederzuerkennen.

Indem trat Julian ins Zimmer und die Herzlichkeit, mit der er Alfred bewillkommte, verscheuchte jeden Zweifel desselben. Die Freunde mussten sich viel zu sagen haben, Terese entfernte sich also unter dem Vorwande häuslicher Geschäfte.

So fanden Julian und Alfred sich nach vieljähriger Trennung zuerst wieder allein, und es konnte kaum eine grössere Verschiedenheit geben, als das Aeussere dieser beiden Männer sie darbot. Alfred hatte die edlen, regelmässigen Züge, die man oft bei den alten Familien des deutschen Adels findet. Eine schöne kräftige Gestalt über Mittelgrösse und dunkelblaue Augen bei reichem, dunklem Haar, das mit einem üppigen Bartwuchs sein Gesicht umgab, machten ihn zu einer eben so anziehenden, als schönen Erscheinung. Er sah jung aus, wenngleich leichte Falten auf der Stirne von tiefem Denken und langer geistiger Tätigkeit zeugten.

Julian hingegen war, wie es Terese und Eva bereits gesagt, entschieden hässlich. Sehr gross und mager, trug er sich ein wenig gebückt. Schwarzes, schon mit Grau gemischtes Haar fiel auf eine sehr edle, hohe Stirn herab, unter der grosse schwarze Augen geistreich hervorblickten, obgleich eine Brille ihr Feuer mässigte. Starke Backenknochen, eine stumpfe Nase, Lippen, in denen Lavater ein sinnliches Temperament erkannt hätte, gaben ihm etwas von der Physiognomie eines Mulatten, und sein Gesicht trug in stark ausgeprägten Zügen die Spuren eines leidenschaftlichen Charakters und reichen Lebensgenusses. Er sah kalt und oft spöttisch aus, wie ihn Eva geschildert hatte. Alfred fand ihn sehr gealtert, obgleich Julian erst in der Mitte der Vierziger sein konnte.

Nach den ersten herzlichen Begrüssungen fragte Julian: Was führt Dich endlich einmal nach der Residenz und wie lange wird man Dich hier behalten?

Ich denke in Berlin zu bleiben, für jetzt wenigstens.

Mit Frau und Kind? das ist vernünftig.

Mein Felix kommt mir nach, meine Frau nicht, sagte Alfred.

Deine Frau nicht? fragte Julian plötzlich ernst geworden, was soll das bedeuten?

Es bedeutet, antwortete Alfred seufzend, dass ich mich nach langer überlegung und bitterm Kampfe von meiner Frau zu trennen gedenke.

Also doch! sagte Julian. Armer Freund, das wird Dir schwer werden, wie ich Dich kenne. Also doch! – Und immer noch Eifersucht und all die Quälereien, die Dir schon in den ersten Jahren Deiner Ehe Not gemacht?

Vor Allem die Unmöglichkeit, neben einer Frau zu leben, mit der ich in keiner Beziehung übereinstimme, der mein ganzes Seelenleben fremd bleibt.

Es entstand eine Pause, dann zuckte ein leichtes, mephistophelisches Lächeln um Julian's Lippen und er sagte: Und da kommst Du nun nach Berlin, um Dich hier mit unsern Schönen in dem Strudel der Residenz von dem einsamen Landleben zu erholen? Das ist natürlich und vernünftig.

Du irrst, das ist nicht der Grund. Du weisst, das ist es nicht. Ich kam her, um mir Ruhe zu schaffen vor täglicher Plage, um Menschen zu finden, mit denen ich geistig leben kann, um Herz und Geist an Edlem und Schönem zu erfrischen.

Aber was soll Dir das Kind dabei? fragte Julian; soll das auch erfrischt werden und Menschen finden, Du lieber Phantast?

Es soll dem katolisch-pietistischen Eifer, dem Einfluss der Mutter überhaupt, entzogen werden, antwortete Jener. Das Erste, was mir hier zu tun obliegt, ist, einen Gouverneur und eine Schule für den Knaben zu wählen.

Ich würde den Knaben, der an Einsamkeit gewöhnt ist, nicht gleich einer öffentlichen Anstalt anvertrauen, wendete Julian ein, um von der ersten Unterhaltung abzulenken. Aber ehe Alfred Zeit zur Antwort gewann, erschien ein Diener, der dem Präsidenten ein Billet in buntverziertem Couvert überbrachte. Dieser, der sehr kurzsichtig war, führte es nahe an die Augen und sagte kopfschüttelnd, nachdem er es betrachtet hatte: Immer dieselbe Geschmacklosigkeit! dass sie sich so etwas nicht abgewöhnen lassen!

Dann las er den Inhalt und sagte zum Diener: Es ist gut, machen Sie meine Empfehlung, ich werde kommen.

Der Diener ging hinaus und Julian sprach lächelnd, indem er sich das Rückenkissen zurechtlegte und die ausgestreckten Beine behaglich kreuzte: Das Billet kommt von Sophie Harcourt, einer Französin, mit der ich liirt bin, länger als es sonst zu dauern pflegte. Sie ist hier bei dem Teater angestellt und ich danke es ihr, noch einmal alle Torheiten früher Jugend in vollem Ernste durchgemacht zu haben. Sie galt für spröde und ich war wie zu zwanzig