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ruhten ihre Blicke auf seinem Antlitz, denn es war das letzte, das letzte Mal, dass sie ihn sah. Es war ihr erster schwerer Dienst als barmherzige Schwester.

So fand sie der Morgen. Erschöpft und bleich ging sie Terese entgegen, als sie sich nach dem Verlauf der Nacht zu erkundigen kam, und gab ihr den nötigen Bescheid, den Jene mit grosser Zufriedenheit anhörte; dann zog sie sich ängstlich zurück, da Julian erwachte. Sie sah die Zärtlichkeit, mit der er die Schwester begrüsste, das Glück in Teresen's Zügen; sie empfand es ebenso warm als diese, aber wer dachte an sie?

Ein Wink von Terese forderte sie auf, ihr in das andere Zimmer zu folgen, wo sie verabschiedet werden sollte. Noch einmal, ehe sie das Gemach verliess, wendeten sich ihre Blicke nach Julian zurück und klammerten sich mit der Allgewalt der Liebe an ihm fest. Es war ihr, als trenne sich die Seele von dem Körper, als sie ihre Augen von ihm losriss. Der Kranke mochte ihr Zögern bemerken, er machte ein leises Zeichen mit der Hand und sagte: Ich danke Ihnen, Sie waren so sehr achtsam, liebe Frau! ich danke Ihnen! – und mit verhülltem Angesicht stürzte Sophie in dem Nebenzimmer auf die Kniee und rief: es ist vollbracht!

Terese wusste nicht, wie ihr geschah; aber wie sie die Wärterin nun in der vollen Beleuchtung des Tages näher ansah, war das Rätsel ihr gelöst. Sie trat an die Kniende heran und legte ihre Hand leise auf deren Schulter. Da richtete Sophie sich auf und sagte: Es ist vorbei! jetzt kann ich gehen! aber ich musste ihn noch einmal sehen, vergeben Sie mir! missgönnen Sie ihn mir nicht, den letzten trüben Trost!

Sie hatte ihre Ruhe wiedergefunden, aber die Spuren der Seelenschmerzen, welche sie in dieser Nacht durchgekämpft, waren deutlich in ihrem gesicht zu lesen und sie vermochte kaum, sich aufrecht zu erhalten. Terese führte sie zum Sopha, sie hielt ihre Hand umschlungen und bat sie, sich zu erholen, da sie dessen bedürftig scheine. arme, unglückliche Frau, wie sehr müssen Sie gelitten haben, sagte sie, wie lebhaft empfinde ich mit Ihnen!

Sie war sehr erschüttert und ihre Augen schwammen in Tränen. Sophie warf sich an ihre Brust. O! rief sie, Sie weinen! Diese Tränen sind meine Freisprechung. Sie können, Sie werden mich nicht verdammen, weil ich ihn liebte, weil ich ihn so sehr liebte, dass ich darüber Alles vergass, Welt und Menschen und Sitte. Ihn noch einmal zu sehen, und mich vor Ihnen zu rechtfertigen, das war mein dringendstes Verlangen. Sie, die Julian und Alfred so tief verehren, Sie waren für mich der Richter, vor dessen Urteil ich zitterte und von dessen Gerechtigkeit ich dennoch Erbarmen erwartete, um meiner Liebe willen. Sie weinen über mich! nun kann ich ruhig scheiden, meine Schuld gegen die Sitte ist getilgt. Sie erlösen mich durch Ihre Tränen. Leben Sie wohl!

Sophie! rief Terese schmerzlich, gehen Sie nicht fort, bleiben Sie hier, bleiben Sie bei uns! Mein Bruder soll durch mich erfahren, was er an Ihnen verliert; Sie bedürfen nicht der Einsamkeit, sich zurecht zu finden, eine Frau, wie Sie, findet er nicht wieder. So viel Liebe, so edle Entsagung ist ja Tugend, ist die höchste, weibliche Tugend. Mein Bruder kann so vieler Liebe nicht widerstehen

Sophie lächelte schmerzlich. Hätte ich darauf gehofft, ich wäre nicht gekommen, sprach sie sanft. Nicht um ihn wiederzugewinnen kam ich hieher. Ich tat es, weil ich nicht anders konnte.

Und wenn mein Bruder genesen nach Ihnen verlangt, nach Ihnen fragt?

Dann sagen Sie ihm, ich hätte das Recht gehabt, mich aus Liebe für ihn aufzuopfern, und ich hätte das niemals bereut, aber ihn mit mir hinabzuziehen, meine Schande, den Tadel der Welt auf ihn zu wälzen, das vermag ich nicht, das leiden weder meine Liebe noch mein Stolz.

Wunderbares Mädchen! rief Terese.

Es war mein höchstes Glück ihn zu beglücken, fuhr Sophie fort. Was kümmerte mich das spöttische Lächeln der Frauen, wenn ich an seiner Seite war und der zärtliche blick seines Auges mich wie ein undurchdringlicher Schild gegen die Pfeile ihres Tadels schützte? Ich war ruhig, ich war stolz in dem Gefühle, meine Pflicht zu erfüllen, denn ihn glücklich zu machen, gleichviel um welchen Preis, dazu wähnte ich mich geboren. Nun weiss ich, dass ich mich getäuscht habe, dass ich es nicht vermochte, und deshalb gehe ich, um wenigstens Leiden zu lindern, da ich nicht zu beglücken verstand.

Sie erhob sich, nahm ein Medaillon von ihrem Halse und gab es Terese. Es ist Julian's Bild, sagte sie weich, nehmen Sie es als ein Andenken von mir an, als eine Reliquie unwandelbarer Liebe, und bitten Sie ihn, dass er mein gedenke.

Terese war in tiefes Nachdenken versunken; als Sophie sich anschickte sie zu verlassen, stand sie auf, umarmte sie und sagte, das Haupt an Sophien's Schulter gelehnt: O! wie viel wahrer, edler und besser sind Sie, als ich, die ich aus selbstsüchtiger Scheu vor dem Urteil einer kalten Menge nicht tue, was mein Herz mich heisst! – Was Sie gefehlt gegen die Sitte, wie gering erscheint es mir