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habe, da sie selbst nicht kommen könne. Terese nahm den Vorwand ohne Mistrauen an und Alfred hoffte, falls sie jemals die Wahrheit entdecke, eine Entschuldigung in Sophien's Liebe für Julian zu besitzen.

Er sprach Terese nur flüchtig und im Beisein von Agnes; dann entfernte sie sich, um Sophie in das Krankenzimmer zu führen, wo sie ihr alle vom arzt gegebenen Verhaltungsbefehle für die Nacht erteilte. Alfred war erstaunt über Sophien's Selbstbeherrschung; ihre Bewegungen, der Ton ihrer stimme waren ein ganz fremder und sogar den französischen Accent, mit dem sie sonst das Deutsche sprach, wusste sie vollkommen zu überwinden. Weder Terese, noch Agnes und Teophil schöpften den geringsten Verdacht gegen sie, und mit völliger Selbstbeherrschung trat sie an das Lager des von ihr geliebten Mannes.

In ängstlicher Gewissenhaftigkeit hörte sie auf Teresen's Anordnungen für den Kranken, versprach die grösste Wachsamkeit und Sorgfalt und liess sich neben dem Bette nieder, nachdem Terese sie dem Präsidenten als die Wartfrau vorgestellt und sich entfernt hatte.

Ihr sehnlichster Wunsch war erfüllt, sie sah ihn wieder. Das starke dunkle Haar des Präsidenten fiel auf die hohe Stirn herab, aber wie eingesunken waren seine Schläfen, wie hohl die Augen! O! die unaussprechlich geliebten Augen! rief es in Sophien's Seele und sie hätte ihr halbes Leben darum gegeben, nur einmal ganz leise ihre Lippen auf diese geschlossenen Lider drücken zu dürfen.

Aber der Kranke hatte keinen blick für seine Wärterin. Er lag ruhig da, in tiefer Ermattung. Nur dann und wann forderte er einen jener kleinen Dienste, die ihm sonst die Schwester geleistet hatte, und der gebrochene Ton seiner starken Bruststimme klang traurig an Sophien's Ohr.

Das war der Mann, den sie so sehr geliebt! Die engsten, heiligsten Bande ketteten sie an ihn; im Einklang tiefsten Verständnisses, in vollster Liebe hatten ihre Seelen sich einst berührt, sie war sein, ganz sein geworden. Sie fühlte sich ihm zugehörend, ihm gleich an freier, schöner Begeisterung für das Grosse und Wahre; keine Ehefrau konnte ihrem mann treuer ergeben sein, keine aufopfernder lieben, und doch stand sie jetzt da, von dem Geliebten verlassen, weil sie der Sitte getrotzt, weil die Welt sie tadelte, weil das oberflächliche Urteil der gleichgültigen Menge sie verdammte.

Immer wieder regten sich die fragen in ihr, die seit der Trennung von dem Präsidenten der Mittelpunkt ihres Denkens geworden waren. Sie hatte sich entschlossen, die Welt zu fliehen, welche sie verstiess; sie wollte ihr liebendes Herz der Menschheit weihen, weil Julian ihre Liebe verschmähte, und doch fragte sie in dieser Nacht sich wieder: Was habe ich denn verbrochen? was gesündigt? Kann Menschensatzung und Menschenwort verdammen und freisprechen? Kann das Sünde sein, was Tugend wird, wenn ein besoldeter Priester Worte des Segens darüber spricht, die man oft genug, zerstreut und von der mächtigeren stimme im inneren übertönt, kaum beachtet? Ich, die nichts verlangte, als das Glück des Geliebten, bin die Verworfene, und jene Frau, die ihrem mann das Dasein zu einer Qual macht, wird von der Gesellschaft geduldet und geschützt!

Ihr ganzes Leben zog an ihrem geist vorbei. Sie dachte des Abends, da Julian sich ihr zuerst vorgestellt und durch seine geistvolle Beredsamkeit einen Eindruck auf sie gemacht, dessen Andenken nur mit ihrem Dasein enden konnte. Der schmeichelnde, herzgewinnende Ton, mit dem er dann später sie um Liebe gefleht; der Jubellaut seiner Brust, als sie, zum ersten Mal an sein Herz gesunken und hingerissen von der Gewalt ihres Gefühls, ihre arme fest um seinen Hals geschlungen – – das Alles war ihr gegenwärtig in diesen Stunden.

Ihr war, als müsse er sich aufrichten in gesunder Kraft, als müsse er ihren Namen rufen und ihr sagen, sie sei es, die in bangen Fieberträumen das ganz Unmögliche für Wahrheit halte. Er konnte nicht die ganze selige Vergangenheit vergessen haben, und, wenn er ihrer dachte, wie konnte er sie nicht zurücksehnen als sein höchstes Glück? Jeden Augenblick hoffte sie, er müsse wenigstens einmal träumend von ihr sprechen, wie auf eine Himmelsbotschaft wartete sie darauf mit der Zuversicht eines Gläubigen.

Aber sein Schlaf war sanft und traumlos, und sie musste sich darüber freuen. Sie wendete den Lichtschirm etwas zur Seite, um ihn besser zu sehen. Ein ruhiger Friede war über sein Angesicht verbreitet, der kalte, spöttische Zug um seine Lippen verschwunden, er sah sehr mild und freundlich aus.

Hast Du denn nicht geahnt, dass Du mein Herz gebrochen? fragte sie so leise, dass nur sie selber es vernahm. Wie kannst Du so ruhig sein, so friedlich aussehen, und ich bin neben Dir und bin so elend?

Sie kniete an seinem Lager nieder, ihre schwer errungene Fassung und Entsagung schwanden gänzlich vor dem Anblick des Geliebten. Seine Hand hing schlaff zur Seite herunter und flüchtig wie ein Geisterwehen berührten ihre Lippen diese bleiche Hand.

Aber er musste es doch empfunden haben, denn ein Lächeln glitt über sein Gesicht.

Agnes, süsses, liebes Kind! sagte er träumend in dem Augenblick, und der Schmerzensschrei, der sich aus Sophien's Herzen hervorringen wollte, kehrte unterdrückt als ein furchtbares Weh in ihre Brust zurück.

Sie stand auf und nahm ihren Platz neben des Kranken Bette wieder ein. War sie ihm doch nichts als eine Wärterin, deren er nicht gedachte. Heisse Tränen strömten aus ihren Augen und fest und fester