entzog sich ihm nicht; sie duldete und erwiderte seine Küsse, bis sie sich losriss, um zu dem Bruder zurückzukehren.
Indess war Eva erwacht, der Schlaf hatte sie erquickt, die Freude tat das Uebrige. Sie umarmte Agnes, Teophil, Alfred, sie schenkte der Dienerschaft, was sie von Geld und Schmuck an sich hatte, und erklärte dann, mit einem raschen blick in den Spiegel, nun werde sie nach haus fahren, um ihren Anzug in Ordnung zu bringen.
Ein neues Leben schien wie für Julian, so auch für alle Andern angebrochen zu sein. Zwar war der Erstere wieder in die Nacht der Bewusstlosigkeit zurückgesunken, dennoch erklärte der Arzt die Gefahr für beseitigt, und versprach mit Zuversicht fortschreitende Genesung.
XX
Ohne Teresen's erlaubnis erhalten zu haben, kehrte Alfred mehrmals im Laufe des Tages zurück. Sie schien sich dess zu freuen, obgleich sie ihn nur ganz flüchtig dabei sah, es erquickte sie, ihn in ihrer Nähe zu wissen.
Als er spät am Abend nochmals wiederkam, fand er den Arzt bei ihr, der sie und Agnes dringend bat, nun endlich an sich selbst zu denken, sich die Ruhe zu gönnen, deren besonders Terese bedürftig war. Alfred vereinigte seine Bitten mit denen des Doctors und machte den Vorschlag, Frau Berent als Stellvertreterin zu holen, die mehrmals während der Krankheit des Präsidenten ihre Dienste angeboten hatte.
Ihre Tochter war hergestellt, der Mann durch Julian's Vermittelung zur Einwilligung in die Scheidung bewogen, die Frau wünschte lebhaft sich dem Präsidenten dankbar bezeigen zu können, und diese zuverlässige, erfahrene Frau bei dem Bruder zu wissen, beruhigte Terese. Alfred selbst übernahm es also sie zu holen.
Auf dem Wege zu ihr sprach er bei Sophie ein, um auch ihr, wie er verheissen hatte, noch einmal Nachricht von Julian zu bringen. Was sie gelitten, in der tödtlichen Qual der dauernden Ungewissheit, wer vermöchte das zu beschreiben? Täglich und immer flehender hatte sie Alfred beschworen, ihr den ersehnten Anblick des Geliebten zu verschaffen, und immer hatte er es für unausführbar erklärt, immer sie auf eine andere Zeit vertröstet.
Jetzt, als sie von seinem Auftrag hörte, eine Krankenwärterin für die nächste Nacht zu holen, schien plötzlich ein Gedanke in ihr aufzutauchen.
Und wenn die Frau, die Sie holen wollen, behindert ist, fragte sie, was tun Sie dann?
Dann werde ich den Doctor oder sonst Jemand um eine andere zuverlässige Wärterin fragen, entgegnete Alfred, denn Terese muss ruhen, wenn sie nicht unterliegen soll.
Jetzt ist es Zeit! rief Sophie, jetzt oder niemals kann ich ihn wiedersehen! Ich beschwöre Sie, Alfred, lassen Sie mich bei ihm wachen. Sagen Sie, die Frau sei krank, sagen Sie, was Sie für Recht halten, und lassen Sie mich ihre Stelle vertreten.
Unmöglich! sagte Alfred. Wenn Terese, wenn Julian Sie erkennten, wie peinlich müsste es für die Erstere, wie nachteilig für den letzteren sein. Das ist unmöglich, teure Sophie!
Es soll mich Niemand erkennen, Alfred, versicherte sie, Sie selbst nicht. Trauen Sie so viel meiner alten Gewohnheit, meiner Kunst, die ich zum Letztenmal, zu meiner letzten eigenen Befriedigung üben will.
Aber Sie werden es nicht ertragen. Julian ist sehr verändert, Ihre Bewegung wird Sie verraten.
Und stürbe ich des martervollsten Todes und wankte das Weltall um mich her, kein Wort, keine Bewegung soll ihm verraten, dass ich es bin, die neben ihm wacht. Bester, teuerster Freund, rief sie, vertrauen Sie mir, vertrauen Sie meiner Liebe. Alfred! ein Frauenherz bricht eher, als es dem Geliebten ein Leid zufügt. Können Sie Ihrem Freunde, können Sie seiner Schwester eine Pflegerin schaffen, die treuer, liebender über ihn wachte, als ich? Sie wissen, mein Frieden hängt daran, ihn noch einmal zu sehen. Seien Sie barmherzig, Alfred! wer weiss, ob noch einmal der Zufall sich mir so günstig bezeigt. Erfüllen Sie meine Bitte, Sie müssen, Sie werden es tun!
Es sei! – sagte Alfred, ich wage es im Glauben an die Kraft weiblicher Liebe. Kleiden Sie sich an. In einer Stunde komme ich, Sie zu holen.
Sie sprach kein Wort, sondern schlug nur die hände zusammen und hob sie gegen Himmel empor, wie um zu danken für die Erhörung eines heissen Gebetes.
Alfred sah die ausdrucksvolle Geberde mit Rührung. Nun Mut und Kraft, Sophie! sagte er, und verliess sie, um sich vorher noch in seine wohnung zu verfügen, wo er eine Besorgung hatte.
Als er die Treppe seines Hauses hinaufstieg, schlich eine grosse, in einen dunkeln Mantel gehüllte Figur an ihm vorüber. Schon seit einigen Tagen war es ihm vorgekommen, als folge ihm dieselbe in gemessener Entfernung, wenn er Abends durch die Strassen ging; er hatte es aber nicht sonderlich beachtet. Nun, da der Schein des Gaslichtes auf den Träger des dunkeln Mantels fiel, erkannte Alfred den Kaplan, der durch eine Seitentüre nach dem Teile des Hauses ging, in welchem die Zimmer Carolinen's lagen. In der ersten Aufwallung des Zornes wollte er ihm nacheilen, ihn zurückhalten; ein anderer Gedanke schien ihm aber zu kommen, und er liess den Kaplan ungehindert seinen Weg verfolgen, der ihn bald in Carolinen's stube führte.
Sie ging dem Kaplan entgegen, der ihre Hand mit einer schlechtverhehlten Zärtlichkeit