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Damen einige Stunden mit Alfred zusammengewesen waren und abwechselnd mit ihm und untereinander geplaudert hatten, sagte Eva zu ihrer Freundin: Mir ist selten ein liebenswürdigerer Mann vorgekommen, als es Reichenbach zu sein scheint; selbst Dein Bruder ist nicht so angenehm.

Bist Du schon wieder wankelmütig? fragte Terese neckend. Gestern erklärtest du mir, Julian sei, obschon er nichts weniger als hübsch, ja eigentlich sogar hässlich sei, der liebenswürdigste Mann, den Du noch je gekannt hättest.

Das ist auch wahr! denn dass Dein Bruder hässlich ist, das schadet nichts, sagte Eva lebhaft, ich liebe ihn dennoch. Er ist so geistreich, so liebenswürdig, so herablassend – – Siehst Du, das ist es, das ist das Schlimme! rief sie, sich plötzlich unterbrechend. Julian ist oft so gut, dass man sich ganz sorglos ihm gegenüber gehen lässt. Er gibt sich jedem Scherz, jeder Persönlichkeit freundlich hin, aber er tut es, wie Jemand, der sich aus Gnade dazu herablässt. Während er ganz freundlich ist, zucken plötzlich seine Lippen, er kann den inneren Spott nicht mehr verbergen, er lacht über die Andern und über seine Herablassung, und dann ist er mir unerträglich.

Du solltest ihm das einmal sagen, liebe Eva!

Ich habe ihm das oft gesagt, als ich ihn kennen lernte und er sein Vetterrecht, ich weiss nicht im wievielten Grade, dazu benutzte, mich häufig zu besuchen. Ich musste mir Mut gegen Euch schaffen, ich hatte kindische Furcht vor Julian's Spott und vor Deiner Ruhe. Ich konnte nicht begreifen, warum meine selige Mutter, als auch sie mir starb, durchaus verlangte, dass ich in Deiner Nähe leben und Julian der Verwalter meines Vermögens werden sollte. Jetzt freilich weiss ich, dass du mein guter Engel bist! – schloss sie, der Freundin die Hand bietend, die sie herzlich drückte.

In dem Augenblick wendete Alfred sich um und machte seine Schützlinge darauf aufmerksam, dass man die Stadt schon sehen könne. Terese, die wie ihr Reisegefährte ein sehr scharfes Auge hatte, entdeckte gleich ihm die Türme am Horizonte. Die kurzsichtige Eva nahm ihr Glas zu Hilfe und klagte dann: Es ist ein Unglück, dass ich so klein bin, der grosse Kutschersitz raubt mir die Aussicht. Ich bin der ländlichen Freuden längst satt gewesen, ich denke mit Wonne an Berlin und nun kann ich es nicht einmal sehen.

Alfred, um sie zufrieden zu stellen, bot ihr seine hände, sich daran zu erheben und festzuhalten, falls sie aufstehen wollte. Das nahm sie an und wusste sich vor Freude nicht zu lassen, als auch sie die Stadt erblickte.

Ach, rief sie der Freundin zu, mir ist unglaublich froh zu Sinne! Als ob uns jetzt lauter liebes und Gutes in Berlin begegnen müsste und ganz Unerhörtes obenein. Ich habe noch nie einen Winter in Berlin verlebt, ich denke mir diese Bälle, Feste und Concerte gar zu prächtig! Ich wollte nur, die Bäume wären nicht mehr so sommerlich grün und der Winter wäre schon da!

Sie glückliche! sagte Alfred, und es war Eva, als ob er ihre hände leise in den seinen drückte. Wer so wie Sie nur Freude erwartet und Feste träumt, dem muss das Leben seine rosigste Seite gezeigt haben. Möge es immer so bleiben!

Und Sie erwarten nichts? fragte sie ihn.

Ich erwarte das Leben zu finden, wie es ist. Ernst mit gebieterischen Anforderungen, mit viel Leid und Elend, viel Jammer und Schlechteit, und doch voll Freude und voll Grossem und Erhabenem.

Eva sah ihn befremdet an. Dann setzte sie sich nieder und versank schweigend in Nachdenken, bis man die Stadtmauer erreichte. Alfred fuhr Terese erst nach ihrer Behausung in der Wilhelmsstrasse, dann ging es nach Eva's wohnung unter den Linden. Mit Freude hörte sie, dass ihr Begleiter ganz in ihrer Nähe wohnen werde. Er musste versprechen, sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen, und man trennte sich herzlich, wie alte Bekannte, weil die gemeinsame Reise die Fremden einander näher gebracht und über manche Förmlichkeiten fortgeholfen hatte.

V

Am nächsten Morgen liess sich Alfred bei Frau von Barnfeld melden. Er fand sie in einem Zimmer, das nach den Forderungen der Mode auf das glänzendste eingerichtet, voll von gepolsterten Sopha's und Sesseln und so mit Bildern, Kleinigkeiten, Blumen und Epheuwänden überfüllt war, dass es dem Spielzeugschränkchen eines verwöhnten Kindes glich.

Eva selbst lag in weissem, mit rosa Bändern geziertem Negligée auf einem dunkelgrünen Plüschsopha, das von einer Epheulaube beschattet war. Unwillkürlich musste Alfred lächeln. Sie sah aus, wie jene Wachspüppchen, die man in Nuss- oder Eierschalen verbirgt, und die uns, wenn wir die Hülle öffnen, aus grünem Blätternetz rosig entgegenlächeln.

Bei Alfred's Eintritt richtete sie sich ein wenig empor und sagte: Ich weiss wohl, Herr von Reichenbach, dass ich Sie, als einen neuen, werten Gast, mit mehr Form empfangen müsste; ich bin aber müde von der Reise und so froh, mich auf einem ordentlichen Sopha von den ländlichen Divans des Seebades zu erholen, dass Sie Nachsicht haben müssen.

Alfred bat sie, sich nicht stören zu lassen. Eine bejahrte Frau, die im Zimmer mit weiblicher Arbeit beschäftigt war, rückte ihm einen Sessel zurecht und, nachdem er Platz genommen hatte, fragte ihn Eva: Wissen Sie es denn schon, dass der Präsident von Brand