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denke Dir eine Schäferhütte mit einer Wiese umher mit duftendem Grün, ein Muster einfachen Glückes, die Lämmer hatten da ihre poetische Trift, – die niederregnenden Blüten versprachen Früchte! – Und nein! Du hast geirrt, es war da keine Wiese, es war nur ein Traum hinter einem grünen Bettvorhang! – Ich reib die Augen, ich frag, ist's möglich? – Es war doch alles so wahr in jener Heimat, dass ich mich in dies Erwachen nicht finden kann, und nun weiss ich nicht, ob ich nicht jetzt eben erst in die Traumpforte trete und entschieden ist, ob ich jetzt träume oder früher geträumt hab, bis dahin werde ich an Deine Sophie nicht schreiben. – Ach Clemens! Das deucht Dich wunderlich, eigensinnig vielleicht, und widersprechend Deiner Bitte, Deiner sehnsucht! – Aber Dein letzter Brief führt ja da schon wieder ein Minchen R–bach auf, die Du einst liebtest, von der ich nichts weiss! – Und war das kein Traum von Dir? – Und nun führst Du den Traum fort, so wie Du sie kommen siehst, gehest Du wieder auf Deinen Traum ein; Du gehst an ihr vorbei, tust im Traum, als ob Du sie nicht kennst, schleichst Dich dann an sie heran, um ihr Vorwürfe ins Herz zu schleudern, die sie verdient, wie Du meinst, und zuletzt wachst Du auf mit der Satisfaktion, Deiner früheren Geliebten eine Röte und dann eine Totenblässe abgejagt zu haben. Du erzählst mir Deinen Traum, wie Du eben im Begriff stehst, mich in einen neuen Traum mit hineinzureissen; – was soll ich mich willkürlich brauchen lassen, da ich wirklich bin, in Geschichten, die unwirklich sind? – Wollte ich mich da gleich bereit finden lassen, Du könntest nach geraumer Zeit, aus diesem Traumleben erwachend, mir Vorwürfe machen, Illusionen in Dir genährt zu haben, die dann zu nichts zerfallen! – Du sagst jetzt schon, Du liebtest sie nicht mehr wie sonst! – Du sagst, dass sie selbst Dich einmal verworfen habe. Ach, was kann mich denn abhalten, Dir zu dienen als die Gefahr, die Du dabei läufst! War ich nicht manchmal schon die kleine Rettungsinsel, wenn alles rund um Dich her überschwemmt war? – Soll ich mich nun auch überschwemmen lassen? Dass Du nicht weisst, wohin Du den Fuss setzen sollst, wenn die Flut über Dich gestürzt kommt? Wenn Ihr beide Euch wirklich wach glaubt, so entschuldigt mich, dass ich so traumversunken bin und mich nicht zu Euch hinüberträumen kann! – Und entschuldigt es, dass dies alles eine sorge ist um Dich, die mich im Traum gepackt hat.

Weiter weiss ich Dir nichts zu sagen, als dass ich müde und schläfrig bin. Gestern waren wir auf der Gerbermühle, die Günderode mit mir, welch himmlischer Aufentalt; warum kann man's versäumen, wenn man die Sonne so untergehen sah, dass man sich wieder auf dem Platz einfindet, um sie am Morgen wieder zu empfangen! – Adieu doch! –

Bettine

An Bettine

Du hast nun wohl meinen letzten Brief, der mit dem Deinigen sich gekreuzt hat, und ich hoffe, er hat Dir einen ruhigen, ja glücklichen Eindruck gemacht, damit die Verwirrungen der Sprachen wie in Babylon nicht den Fortbau unseres Glückes hindern.

Was hat Dein Brief mir und der armen Sophie für eine Angst gemacht, ich begreife Dich nicht! – Hab ich Dir nicht mehrmals gesagt, dass von Dir meine Zukunft abhänge, dass es Dein Wille ist, ja Deine Neigung, die mich bewegt zu allem, die mich lenkt! – Und ich sage Dir nun, dass ich Sophien nie heiraten werde, wenn Du sie nicht liebhaben kannst, das ist auch ihre feste Entschliessung, und sie opfert mehr dabei auf als ich, denn sie liebt mich mehr als ich sie liebe, sie hat keine Bettine, ich habe eine, die ich ewig mehr lieben werde als alle Menschen! Es ist mir ewig leid, dass ich darüber an andre geschrieben habe. Man scheint alle Glocken bei einer Sache angezogen zu haben, die gar nicht der Mühe wert ist; was hat man Dir über uns gesagt? – Sag es aufrichtig. Dabei sitzt Du in Frankfurt zwischen trostlosen Wänden und weisst Dir keinen Rat! Hast Du denn gar kein Vertrauen mehr zu mir? – O liebes Herz, sei ruhig! Glaube an mich und verirre Dich nicht! Auch der Traum hat seine Ansprüche an die unverkümmerte Wahrheit; das zu schöne Leben ist ja Traum, und wenn Du erst mit uns beiden vereint bist, dann ist mein Leben zu schön, und dann träumen wir alle drei glücklich, und Du wirst's doch nicht scheuen, im Traum Deinen Bruder glücklich zu fühlen, glücklich zu machen! –

Jetzt erst merke ich, wie ich von den Leuten verschieden bin, denn meine idee, mich mit Sophie zu vereinigen, ist mir eine der einfachsten meines ganzen Lebens; ich kann Dich versichern, zu Dir aus meiner stube in die Deine zu gehen war mir immer wichtiger und mit mehr sorge verknüpft; Deine Angst aber ist nicht in der Ordnung. Du solltest mich so lieben, dass alles, was ich mit Gleichmut und Ruhe tue, das heisst: dass alles, was ich eigentlich tue, Dir gar keine sorge machen könnte. Schau mir in die Augen, mein Kind, mein treues, gutes Kind, und störe Dich nicht