Wie, Sie wollen's lesen?" schrien alle; ich war schon aus meiner Ecke hervor am Tisch und las mit lauter stimme die ganze Szene trefflich, ja trefflich, denn die ganze Zeit hatte ich eine Umwälzung aller Sinnen erlitten, und nun kam die Rache, und die Lenznacht meiner Empfindungen stieg aus meiner Brust empor wie eine Feuersäule, und ich las fortstehend und freute mich am Widerhall meiner stimme, und – siehe da, alle waren fort in die andren Zimmer, ich war allein gelassen worden. – Was sie dachten, weiss ich nicht. Auf mich hatte es eine glückliche wirkung; zum erstenmal wieder eine Nacht wie die in Offenbach sonst waren, wo der Schlaf so leicht mich deckte, als sei es ein Erwachen in eine höhere Sphäre. – Es weissagt etwas in mir, dass eine Kraft in dieser Welt sei, die mit leidenschaft mich liebt.
Bettine
An Bettine
Weimar bei Friedrich Meier
Ich ging so hastig von Frankfurt; mein eiliges Entlaufen, mein gehemmtes Gehen und Wiederkehren, das musste Dir, geliebtes Kind, wie das Tun eines Nachtwandlers vorkommen, und so war's auch; ich war wie ein Schlafender, der sich gern seines Traumes erledigte, wenn er nur könnte; nun hab ich bei diesem Abschied von Dir gefühlt, dass ich träume, dass ich wohl erwachen werde, wenn ich im Traumwahn von Deiner Seite weiche, dass ich dann in nichts Ersatz finden werde für die Heimat bei Dir. – Aber der Traum gibt einem andre Hoffnungen, die allergrössten vom Erdenleben! – Und führt einem durch die allerunbesonnensten feurigsten Lebensepochen; ist man erwacht, so sitzt man tief in der leeren Erdenschererei, und alle prophetischen Klänge der hohlen Bassgeige Erfahrung begrüssen einem mit dem fatalen: Hab ich dir's nicht gesagt? Bis jetzt bin ich dahin noch nicht gekommen, meine Hoffnung im Steigen, meine Erwartung vom Zusammenleben mit viel bedeutenden wunderlichen, liebenswürdigen Menschen hier, aufs höchste gespannt! – Der Park steht in seinem edelsten Grün. Du hast solchen üppigen Rasen, so belaubte Kronen noch mit unendlicher Geschäftigkeit alles Leben nährt und in seinem Verband hält, er gibt der irdischen Lust allhier einen himmlischen Anstrich von Kraft, von Poesie, von Lebensfülle. Einbrüche, Wortbrüche und noch speziellere Brüche stürzen alle die Verhältnisse ein, die nicht unter des Wonnemonats heiliger Gerichtsbarkeit stehen. Er teilt Hirtenbriefe aus zu Schäferidyllen; Ablassbriefe, Beichtzettel, Schmutztitel von Erbau- und Predigtbüchern im Wonnemonat gehalten, findest Du an den heimlichen Ufern der Ilm hingestreut, alles vom Wonnemonateiligen unterschrieben. Du findest aber auch in diesem Park die schönsten Altargeländer zum Anbeten der Heiligen! – Gerichtsschranken zum Verurteilen, Ketten und Fussblöcke zum Fesseln. Und da liegt mancher, der sich nicht kann helfen, da sind Prüfstände des tentamen und examen rigorosum des Lebens, Krieg, grosser Kampf, kleine Hinrichtungen, Missetäter, die ihr Leben lang an einer Kette schleppen, Gaudiebe und Gaudiebinnen, die leicht von Hand zu Hand gehen lassen, was sie ewig zu bewahren geschworen hatten. Aber auch mitten unter diesem Gewühl findet sich der Schlüssel zu dem stilleren Garten des Eden, in dem zuerst das stille, milde Erfreuen über das Sein einem anwehet, – wo man zuerst es sich sagt, welch beglückkend Gefühl dieses Sein ist, das die Entzückung unterbricht, um aufs neue wieder den Segnungen der Ruhe sich hinzugeben. Der Morgen geht auf; – unter dem Baumschatten auf der Haustürbank ruhig hingelagert, sich und die Welt anschauen, das deucht einem das perennierende Vergissmeinnicht des Genusses. –
Ich könnte so fortträumen, um Dir zu beweisen, dass ich träume! – Es ist ein wahrer Tauschimmer von Lebensblüten, und alle meine Empfindungen sind ein blumiges Spielgärtchen, in dem die erfrischte Welt in der Morgenröte liegt! – Und die Vergangenheit? –
Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehen,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden,
Und jeden hab ich einmal nur gesehen,
Denn nimmer hielt mich's, flüchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich
zurücke.
Und manchem habe ich die Hand gedrücket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab in mir selbst die Kränze all gepflücket,
Denn keine Blume war, kein Frühling da,
Und hab im Flug die Unschuld mit geschmücket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen,
konnte niemals nicht des Werkes Freude teilen.
Rund um mich war die Landschaft wild und öde,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grüsste mich kein Sänger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt' keines Hirten Flöte,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich hörte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.
Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,
Senkt ich ins Herz mit Allgewalt den blick;
Doch nimmer konnte es eigne Ruhe finden,
Kehrt trübe in die Aussenwelt zurück,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
"Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen."
Ich sah sie nicht, die grossen Süssigkeiten,
Vom Überfluss der Welt und ihrer Wahl
Musst ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedrückt von unerkannter Qual,
konnte