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Lebe wohl, lieber Engel.

Clemens

Liebe Bettine!

Ich erhalte Deinen kleinen Brief wieder zu spät, um viel zu schreiben, grad noch fünf Minuten. Kannst Du's mir genauer noch beschreiben, das Geburtsfest betreffend? Illumination? – Ölgetränkt? – Wohin? – Wie gross? So will ich Euch viele Ideen angeben, wenn Du mir umgehend bestimmter schreibst und Ihr noch nichts angefangen habt; – so kann ich Euch bis zum 19. noch ein kleines Lustspiel dichten für die Schattenpersonagen. Braucht Ihr etwa auch Verse? Schreibe bestimmt darüber.

Clemens

Liebe Bettine!

Euer fest auf Claudinens Geburtstag liegt mir so am Herzen, dass ich wünschte, Ihr möchtet etwas recht Schönes und Edles vorstellen, das Euch Ehre machte, Du weisst, wie oft auch das Ölgetränkte, wenn es noch so gut angelegt war, verunglückt. – Ich habe daher nachgedacht und etwas ziemlich Artiges erfunden, was sich auch gut ausführen lässt und bis auf ein Härchen passt. Das Ganze ist ein kleines Drama in einer Szene, dass ich Euch schreiben will, und das Ihr, wenn Ihr mir augenblicklich schreibt, ob Ihr meinem Vorschlag folgen wollt, schon den nächsten Mittwoch haben sollt. Ich will es Euch hier näher beschreiben: Einige Mädchen haben eine Freundin, die sie sehr lieben, und deren Geburtstag sie feiern wollen; sie wissen aber nicht wie, denn ihre Freundin ist so vortrefflich, dass sie nicht wissen, wie sie ihr recht Ehre erweisen sollen. Da sie über ihre Anschläge sinnend in den Wald gehen, finden sie eine Matrone, der sie ihr Anliegen vorbringen; diese ist eine Zauberin und verspricht den Jungfrauen zu helfen. Sie sagt: "Ich will eurer Freundin die Taten des edlen Weibes zeigen, das an ihrer Wiege stand, sie unsichtbar wiegte, ihre Träume bildete und ihr, ohne dass sie es weiss, Vorbild und Schutzengel geworden ist, nehmt die Blumen, die hier liegen, und windet Kränze!" Da müsst Ihr Euch dann zusammensetzen und Kränze machen und während der Arbeit ein zweckmässig sanftes Terzett oder Duett singen, wozu ich Euch, wenn Ihr mir irgendein Muster angebt aus einer Oper, einige Verse machen will, auch kann es Lied mit Chor- oder Wechselgesang sein, wie Ihr mir die Anzahl der Jungfrauen oder das Lied bestimmt. Wenn dann Eure Kränze fertig sind, so spricht die Zauberin: "Geht und holt eure Freundin und bekränzt sie!" Dann geht Ihr auf Clodine zu, die unter den Zuschauern sitzt, hängt ihr die Kränze von weissen Rosen und Lilien um und führt sie zu der Zauberin; diese nun hebt den Vorhang von ihrem Zauberspiegel, in dem die folgende geschichte transparent gemalt und illuminiert erscheint.

Claudia war eine römische Vestalin; ihr Vater ein Feldherr. Nach einem Sieg wollte er einen Triumphzug in Rom feiern, aber ein Tribun, der sein Feind war, verbot es ihm; Claudius triumphierte dennoch. Der Tribun, erzürnt über seine Kühnheit, näherte sich ihm von hinten und wollte ihn plötzlich vom Wagen reissen, Claudia bemerkte es und vergisst aus Liebe zu ihrem Vater die Ruhe und Majestät ihres geheiligten Standes; sie springt dem Tribun vor, wirft sich in des Vaters Wagen, umfasst ihres Vaters Knie und weist den Tribun zurück. Dieser muss nun von seinem Vorhaben abstehn, denn was eine Vestalin berührt, ist heilig, und sie ist dem Tribun an Macht gleich. Ich habe Euch die Szene mit der Feder skizziert hier beigelegt, wie sie am wenigsten Mühe zu malen kostet. Man sieht von hinten in den Wagen, der Triumphierende merkt es noch nicht, alles ist der Moment. Die Vestalin muss ganz verschleiert sein, in weisse Gewänder gehüllt; auf dem rand des Wagens steht eine Viktoria wie gewöhnlich bei dem Triumph, in der Ferne werden Trophäen getragen; das Ganze ist in den kleinsten Raum gedrängt. – Wie schön passt das auf Clodine, ihre treue Liebe zu ihrem Vater, ihre Zucht, ihr Name Claudia. Das wäre eine Szene. Eine andre aus dem Leben dieser Vestalin ist folgende: Die Römer wollten das Bild der Göttin Zybele nach Rom auf einem Schiffe über die Tiber fahren, aber das Schiff ging nicht von der Stelle; da trat die Vestalin in einen Kahn, betete die Göttin an, band dann ihren Gürtel an das Schiff der Göttin und zog das Schiff ohne Mühe herüber als einen Beweis ihrer Tugend. Das wäre ein zweites transparentes Bild; dann könnt Ihr um sie herum tanzen und sie küssen und drücken usw. Ihr müsst mir aber bestimmt die Arien schreiben und die Anzahl der Mädchen, damit ich die Verse schreiben kann, Ihr müsst mir dazu die Worte der Arie schreiben, und wie sie einfallen, damit ich meine ebenso einrichten kann. Ich meine Lotte die Zauberin, Kundel, Du die Mädchen, oder auch die Jung dabei, wenn Ihr wollt, wegen dem Tanz, oder wie es Euch lieb ist. Da hättet Ihr Euer ganzes fest einfach, neu und schön; spreche doch mit dem Georg gleich darüber, und wenn Ihr dann wollt, so habt Ihr am Mittwoch alles; ich eile mich und bleibe ein paar Nächte auf. Die Bilder könnt Ihr ja nach der Skizze besser gezeichnet gleich von einem Maler zurechtpinseln lassen, sie müssen in der Form eines grossen Spiegels gemacht werden.

In diesem Augenblick erhalte ich den äusserst geistvollen Plan zu Eurem Schattenspiel; ich will alles so gut machen, als ich kann, aber ich