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in Armen hat! – Er hält den, der ihn und alles hält.

Dein Brief ist so voll sorgender Liebe zu mir und doch so ohne Zutrauen, dass ich eigentlich nicht weiss, ob ich mich freuen soll oder nicht. Wie kannst Du glauben, dass dch witzig und kokett werde, um Deine Liebe zu verspielen; ich werde alles tun, um sie unberührt zu behalten; ich will einfach bleiben und gut. – Ich will auch auf den vergangenen Streit nicht zurückkommen und nichts entscheiden über Recht oder Unrecht. Nur allgemeine Bemerkungen lasse mich hier oben ansetzen; nämlich:

Erstens: Empfindung ist grade gelogen und Tatsache wahr.

Zweitens: Wer klagt, ist nicht unschuldig!

Drittens: Einen Ball, wo die Leute mich ansehen, wie die Kuh das neue Scheuertor, ist mir gar nicht wichtig, von ihm zu erzählen.

Viertens: Man kann mich loben, aber auch lügen.

Fünftens: Die unendliche Lebhaftigkeit, aus der ich oft plötzlich aus einer traurigen Stummheit übergehe, und die Dir oft unangenehm aufgefallen ist, hat sich auf jenem Ball nicht ergossen! –

Soll ich Dir sagen, wie es mir ergangen ist an jenem Abend? – Als wir eintraten in den Saal, da stand ein ganzer Trupp langer, dünner, kurzer, dicker, breiter, alle schwarzgekleideter Tanzherrn in der Mitte, die soviel Raum zum Tanz liessen zwischen sich und den Wänden, an denen die jungen Mädchen zwischen Mamas aufgereiht waren wie allerlei Marktfrüchte, worunter Schoten, Rüben und Zwiebeln nicht die wenigsten waren, hier und da ein angenehmer Blumenkohl, nur selten ein Borsdorfer Apfel, worunter ich zu zählen; jetzt holten die Herrn diese Rübchen, Zwiebelchen und Schotenbukettchen zum Tanz. Alle hatten Uhrketten mit allerlei Berlocken, manche zwei aus der tasche hängen; diese Berlocken machten ein Glockenspiel wie eine Herde. Ich sass da dicht am Musikantenbalkon und vertrieb mir die Zeit, mit beiden Händen meine Ohren zuzuhalten, um nichts von der Musik zu hören; dabei sah ich mir die Menschen an, die da herumhüpften, und hatte die Empfindung, als ob sie alle toll seien, und endlich musste ich lachen, ich liess die hände los, da brauste mir der Walzer seinen vollen Strom ins Gehör! – Dann machte ich ein zweites Experiment; ich klappte die Ohren auf und dann wieder zu, so kam ich stückweis zu einer ganz aparten Musik, die ich mir aneinanderflickte, wie eine Harlekinjacke! – So vertrieb ich mir die Zeit. Endlich kam Grunelius, der lange, und tanzte einen Walzer mit mir, ich aber nicht mit ihm, denn er hielt mich schwebend, und ich kam nicht dazu, eine Fussspitze auf die Erde zu setzen. Zu diesem Kunststück mit mir wie mit einer Porzellanurne herumzutanzen, brauchte er alle Kneifgewalt seiner langen Finger, die er wie Krallen in mich einschlug; denn wär ich heruntergefallen, so konnte ich den Hals brechen; da hätte man ihm vielleicht Vorwürfe machen können. Wer war froher als ich, da ich wieder an meinem Platz war; nun schob ich mich ganz unter den Balkon, hinter einen Haufen Schals und Flöre; ich lehnte mich in ein Eckchen und hatte ein heimatliches Gefühl, noch ein Weilchen konnte ich mit Mühe mich wach erhalten, aber wie es kam, dass ich dem Drang zu schlafen nachgab, weiss ich nicht zu sagen, genug, der Kampf war kurz, der Schlaf siegte, aber als edler Feind, denn nie hab ich süsser geschlafen, die Musik war wie Goldfrüchte, die ein duftender Wind von den Zweigen löste da oben auf dem Berg und mir alle in den Schoss rollte; alle die Lichter waren Sterne am Himmel. Auf einmal erwachte ich, zu meinem Erstaunen da zu sein, wo ich bin; statt dem Berg mit Orangenbäumen besetzt lauter närrische Gesichter, die im Schweiss ihres Angesichts Bassgeige und Fidel streichen oder mit aufgeblasenen Backen trompeten! – Statt dem klaren Nachtimmel mit Sternen Staubwolken, die sich mit der Erleuchtung um den ersten Platz streiten. – Eine Pause tritt ein, toute la masse des mâchoires en mouvement, mehrere Erfrischungen zu verkauen. Es machte diese Bewegung, die immer zwischen den Kinnladen und den Schläfen korrespondierte, einen so fatalen Eindruck auf mich, dass mir schwindelte, und ich fühlte, dass ich eine Art mal au cœur bekam! – Ach Clemens, kann man so physisch unglücklich werden, wie ich in diesem Augenblick war? – Ach hätte ich doch in jenem Augenblick in Offenbach in unserm Hof können meinen Kopf unter die Pumpe halten, wo ich mir schon manchmal ähnliches Weh vertrieb, wenn mich ein Ekel überkam über irgend etwas, das mir unerträglich war. – Ach Gott! – Ach lieber Gott, Du hast so viele geflügelte Boten, schick mir doch einen, der mich hier wegträgt auf mein Kopfkissen in die Sandgasse, – das war mein inneres Stossgebet; ich wagte nicht den Kopf umzudrehen und nach dem Engel umzuschauen, aus Furcht vor dem Schwindel. – Da steht plötzlich der Franz Chameau vor mir, ob ich den Kehraus wolle tanzen? – Da ich als vierjähriges Kind oft mit ihm gespielt hatte, wo wir uns oft einander den Wall heruntergestossen hatten, so machte ich diesmal keine Komplimente mit ihm und sagte: "Ach, gehen Sie Esel und machen Sie mir nicht schwindlig mit Ihren Uhrketten." Diese Worte können höchstens das gewesen sein, was ich in den Tag hineingeredet soll haben; mehr ist mir nicht bewusst