den Tag hinein! Das halte ich nicht ganz für gelogen, da ich es sehr oft bei ähnlichen Gelegenbeiten mit einer unangenehmen Empfindung an Dir bemerkt habe. Ich weiss, wie leicht Du in unendliche Lebhaftigkeit übergehst, und um so auffallender aus einer traurigen Stummheit hervor. – Das Unschuldige darin kenne ich auch, aber das kennen nicht alle Menschen, nicht dieser oder jener, der gegenwärtig ist, und dem Du dadurch frei oder töricht oder kokett vorkömmst. –
Ob und wann Ihr vor oder nach der Ankunft von Leuten retiriertet, ein Umstand, dem Du mit Unrecht einige Widerlegung widmest, ist ganz uninteressant. Genug, dass Ihr Euch zurückzieht, da Ihr wisst, dass Franz, dem wir nur seine Vortrefflichkeit danken können, Euch gern sieht, er, der mehr wert ist, als wir alle, hat die paar Freistunden nicht die Freude der Geselligkeit, er liebt uns so innig, und wir danken's ihm nicht. Ihr, die bei ihm wohnt, solltet ihm noch treuer anhängen, und er klagt so bescheiden über das, was er Dir befehlen könnte, dass Du nicht herunterzubringen bist. – Du musst viel von Gundel zu lernen, mit ihr auszutauschen haben, da Du selbst die paar Minuten dem Franz nicht gönnen kannst. – Ich habe immer gefunden, dass mit mir zusammen Du nicht viel zu erzählen hattest, da wir keine grosse Abenteuer haben, warum musst Du nun der Familie die Abendstunden rauben, um sie wieder da zu verbringen, wo man auch Dich nicht wünscht, und wo Du beschwerlich fällst, was Du aus dem folgenden Brief ersehen kannst, in dem dargelegt ist, dass Gundel ihren ganzen Tag opfert, Dich anzuregen, dass Du Deine Schuldigkeit tust (ich hoffte, Du würdest sie von selbst tun). Ich finde es daher sehr indiskret von Dir, ihr diese Stunden, in denen sie allein sein möchte, auch noch zu stehlen.
Wenn ich in Frankfurt bin, so lese ich oft abends vor; alle hören mir gern zu und sind zufrieden mit diesen Stunden, warum kannst Du das nicht auch? – Ich verlange nicht von Dir, dass Du dem einen in der Familie mehr anhängst, wie dem andern; man soll keinem Menschen anhängen, insofern er Partei macht! In Deinem Wesen sollte sich vielmehr jede zufällige Trennung vereinigen, jedes Missverständnis lösen. Im Wesentlichen hat nach meiner Ansicht einer so wenig mit Dir gemein als der andre; und Du sollst Dir selbst vertrauen und dem, was Dein Herz am liebsten beschäftigt. – Erinnere Dich, dass man Dir sagte, Du würdest Dich an mir betrogen finden, und dass man Dir Dein Vertrauen zu mir vorwarf. – Du äusserst oft Ausdrücke von Charakterstärke; diese sind zum wenigsten, wenn Du sie auch noch nicht erprobt hast, doch ein Beweis, dass Du auf diese Eigenschaften den höchsten Wert legst; ich hoffe daher, dass Du nichts zwischen unsere Liebe kommen lässt, was sie erkälten könnte. Wie der Hunger der beste Koch ist, so ist auch die Langeweile der beste Kuppler. – Ich bin nicht vortrefflich, es sind daher nicht meine Verdienste, die mich Dir interessant erhalten können, oder das neue Überraschende in mir, es ist Deine Treue, wenn die nicht zur Lüge in Dir soll werden, wodurch alles in Dir zur Lüge werden müsste, was wir in diesen Jahren miteinander erlebt haben an guten und bösen Stunden, so kann der nächste Wind dies Band, das dann nur ein Strohband ist, zerpflücken und es als Spreu in die Lüfte zerstreuen. –
Wenn Du, wie ich hoffte, jene Erkenntnisse, die ich Dir immer gepriesen, wirklich liebtest, wenn Du Dich dem eigentlichen Wesen der Kunst und Poesie hingeben wolltest, so würdest Du Ruhe, Friede und Glück geniessen, ohne Dich den andern zu entziehen; Du würdest als wahr empfinden, was ich Dich immer gelehrt habe, dass nur der Mensch kann geliebt werden, insofern er ein wahrer und reiner Spiegel des Ewigen und Göttlichen wird. – Und Du würdest selbst Deiner Liebe zu mir ihren Wert und ihr Gesetz geben können, insofern ich jener Voraussetzung entspreche. Ich habe Dir nie das Einzelne geraten. Ich habe Dir immer das Ganze zu zeichnen gesucht, wie ich es begriff; – um Deiner Persönlichkeit keine Gewalt anzutun. Ehre Deine Persönlichkeit und bilde sie zum Schönen für alle, dann wirst Du glücklich sein; werde nicht zur Törin, wie die andern, bilde Dir nichts ein! Arnim lässt Euch grüssen; er schriebt mir von Genua, Nizza und Paris. – Mein Lustspiel wird jetzt zugleich mit einem Buch von Arnim in Göttingen bei Diedrich gedruckt.
Schreibe Deinem Clemens
Grüsse die Günderode, sage, dass ich schreiben würde, aber ihre Antworten sind nicht auffordernd, nicht erschliessend, sondern vielmehr abschliessend. Weiss Gott, warum wir alle aus dem Paradies des Vertrauens herausgeworfen sind, und keiner findet irgendeinen Schleichweg dahin zurück. –
An Clemens
Die Weck- und Schreckposaune! Ist aber nichtsdestoweniger das Kämpfende. Achtes Kapitel, sechster Vers: Jakob hatte lange mit dem ihm unbekannten mann gerungen; alle seine Kräfte angewandt und noch nicht genug, ob ihn gleich das Gelenk seiner Hüfte verrenkt war; daher sagte jener: "Lass mich gehen, denn die Röte des Morgens bricht an." Aber Jakob antwortete: "Ich lass' dich nicht; es sei denn, Du segnest mich."
Er will den Segen, der den Segen