einen Grundton und kann daher schon eine Melodie aus sich entwickeln. – Du hast mich nach Frankfurt promoviert – jetzt, wo ich da bin, läufst Du wie eine Glucke am Ufer, wo das Entchen schwimmt, und glucksest Dich ganz müde vor Angst. Aber ich schwimme gar auf keinem gefährlichen Element, es ist lauter Einbildung von Dir!
Deine Illusionen hüpfen wie die Heuschrecken in Deinem Brief herum; ich weiss nicht, welche ich zuerst erwischen soll. – Die allerledernste Heuschrecke ist mir die, wo Du mich mit Gewalt willst auf den grossen Unterschied hinweisen zwischen einem vortrefflichen Weib und einem braven mann. Mögen sich diese zwei beiden zusammenfinden auf irgendeinem glücklichen Stern, nur das einzige bitte ich mir aus, dass Du es mir nicht zu wissen tust; und ein für allemal will ich von diesem Heiligtum gänzlich ausgeschlossen sein! – Und zweitens – Deine Warnung vor aller männlichen Gesellschaft! Die Günderode sagt zu mir, sie kenne keine männliche Gesellschaft, ausser die meine. Ich, lieber Clemens, kenne auch keinen männlichen Umgang als den mit den Hopfenstekken, die mir die Milchfrau besorgt hat für den kommenden Frühling, sie sind die derbsten unter meinen Bekannten, auch gehe ich zwar mit ihnen um, aber nicht zart; ich schneidle dran zurecht kleine Rinnen, an denen die Bindfäden hin und her sich flechten. – Manchmal hab ich die ganze stube voll Hobelspäne und Schwielen in der Hand. Die nicè ingrata, obschon sie Dein Universitätsfreund ist, und nachdem Du ihr den Doktorschmaus bezahlt hattest, mit Deinen besten Kleidern durchging, hat zwar einen Bart und möchte vielleicht auch für einen Mann gehalten sein; aber sie sieht in den Spiegel und singt nicè bella, und wer zweifelt, dass sie eine Nicè ist. Gerne fliehe ich sie, soweit der Schall ihrer stimme trägt. Clemens, vor Ärger kann ich das Schöne in Deinen Briefen nicht würdigen, ich will im ursprünglichen Geist mit Dir eins sein, aber mich fasst eine Ungeduld, Deine Belehrungen zu überspringen; – es ist ein wahrer Schiffbruch mit der Moral, sie ist wie ein Uhrwerk, an dem die Kette gesprengt ist, sie rasselt sich aus, und auf einmal steht die Uhr still, und so tot sind mir diese Werke der Belehrung!
Ich laufe zur Günderode, sie liest mit mir Deinen Brief; wir sind beide drüber hinaus, wir zanken einander, wir lachen einander aus, wir kommen auf keinen grünen Zweig! – Gestern gingen wir bei schönem Frost um die Tore, Günderödchen und ich – es war schon dämmerig und die Allee ganz leer; ich war aufs Glacis gesprungen und wollte das Kunststück machen, von einem Tor zum andern zu kommen, ohne herabzufallen; da trat der Mond hervor, und ein leiser Wind machte ihm durch die Wolken Bahn, da sprang ich wieder herab und zog es vor, mit der Günderode einen sanften philosophischen Schritt zu halten.
Adieu! – Noch einmal! Dein mitgeteilter Brief ist voll Unkraut der Lüge.
Bettine
St. Clair ist hier, – erste männliche Unterhaltung in der Ecke des Fensters, – ich könne eine Jeanne d'Arc sein, in mir läge Stoff zur Heldennatur, die Auriflamme zu ergreifen, für die Erhaltung der Freiheit und Menschheitsrechte. Diese Unterhaltung hat mir geschmeichelt, – ich liebe Kriegestaten! – Kühn! Entschieden! – Das sind Eigenschaften, die ich in meiner Seele ausbilden möchte, – aber der Sklavenmarkt der Gesellschaft ist dazu nicht. – Wohin fliehen! – Überall triffst Du auf einen Boden, der der Saat der Drachenzähne nicht günstig ist.
An Bettine
Meine liebe Schwester, Dein letzter Brief hat mir einen recht traurigen Tag gemacht, weil ich so etwas nicht erwartete. Der Brief, den ich Dir anvertraute, ist einer der liebevollsten Briefe, deren ich mich erfreute, Du erklärst ihn für eine offenbare Lüge! Wer so lügen kann, liebe Bettine, der ist sehr geistvoll und sehr liebenswürdig, ich hab diesen Brief nochmals gelesen und mich trotz Deiner Beschuldigung wieder von ihm hingerissen gefühlt; – und wenn Du seinen Inhalt ebenso verstehst, wenn ich ihn nicht unrecht erkläre, so sind unsre Meinungen verschieden. übrigens will ich Dir nicht Unrecht geben, da Du wissen musst, was Du schreibst; nur musst Du mir erlauben, mich für Dein Recht hierin nicht zu interessieren. Ich sage nur so viel noch von jenem Brief, was ihn mir durch und durch unschuldig macht: erstens fängt er damit an sich selbst zu beschuldigen, dann erzählt er eine Abfahrt zum Ball, die wohl nicht wahr sein muss, weil Du mir von ihr gar nichts geschrieben hast. Ein Ball, wo Dich die Leute alle ansahen und Du allen auffällst, ist ja auch nichts Merkwürdiges in Deinem Leben. – Sonst entält er nichts als innige Rührung über Deine Liebe zu Franz und zu den Kindern, ja er tadelt sogar Franzens Neckerei und erkennt, wie Du Dich schön dabei beträgst. Was von Deinem Gemüt darin gesagt ist, das ist nach meiner Kenntnis Deiner nicht nur wahr, sondern sogar geistvoll dargestellt. Über den ganzen Brief ist Innigkeit, Begierde nach der Liebe eines würdigen Wesens und nach schöner Eintracht verbreitet.
Jetzt will ich aus dem Briefe das ausziehen, was allein gelogen sein kann, weil es allein Tatsache ist, weil der übrige teil nur die Empfindung des Schreibers darstellt. – Erstens: Bettine war schön! Das ist nun freilich gelogen und muss Dich ärgern; sie sprach viel auch wohl in