, aber ich nehme es für genossen an. – Und da muss ich Dir doch wohl beweisen, wie ich das Kleinod Deiner Liebe heilig halte über alle Moral hinaus.
Und sage Du nicht, aber Du vergisst mich gewiss einmal ganz! Dich vergesse ich nie, aber ich vergesse manches über Dich. – Deiner Sorgen, die mich ermüden würden, wollt ich nicht augenblicklich sie vergessen; Deiner Moral vergess' ich, die meiner Liebe Eintrag tun würde. –
Das alltägliche Leben ist hier sehr zudringlich, wo nicè bella nicè ingrata mich verfolgt durch die ganze Wüste, in welchem die Gemeinde der Gesellschaft sich versammelt; da war's in Offenbach doch anders, wo ich jeden Tag im Erbrausen der Symphonien mich konnte verlieren. Die Abendstunden waren lieblich bei der Grossmama, wo wir über alten Büchern studierten, dort sind mir oft über Nacht die tiefsten Gedanken eingefallen. Ich hab die höchsten Rollen durchgespielt, mich tief ins Leben hineingedacht, nicht bloss so obenhin, und hab mehr in denen gewaltet und geschaffen in meinem inneren Sinn als in allem Äussern. Ich dachte oft: auf was freust Du Dich denn so sehr? – Es war, den Traum der Einbildung von voriger Nacht fortzusetzen, wenn ich schlafen gehen werde. Meine grossen Menschheitsprojekte führte ich da auf die Höhe des Weltmeeres. – In der Dunkelheit der Nacht so allein, da wird das Tiefste, was man will, recht deutlich! – Wenn man durchführte, was man in der Nacht bei Mondschein halbschlummernd sich ausdenkt! – Was würde dann noch als Traum können verworfen werden? – Ich tue meine grossen Taten alle im Traum, das Morgenrot scheint mir oft noch hinein, so nah drängt sich ihm das Tagsleben, und ich springe auf meine Füsse ganz voll Willenskraft, aber wo soll ich doch das Leben anfassen? – Für einen zu sorgen oder zwei, die mir grade in den Weg kommen, deucht Euch allen Extravaganz! – Ihr verbietet mir mit einem armen Judenmädchen Umgang zu haben; und ich will Umgang haben mit allem, was zugleich mit mir auf dieser Welt lebt. Oder sind dies etwa keine gerechten Ansprüche: dass ich bin und der Hilfe bedarf, die Du geben kannst. – Aber Sittlichkeit und Anstand, das sind zwei dumme Wächter, die dem menschlichen Sein und Willen den Weg verwehren. Fordere nun nicht mehr, ich soll Dir treu bleiben; ich bleibe Dir in allem treu, was meine natur nicht verleugnet, aber Deine närrische Angst, ich soll nie, nie mit einem Menschen vertraulich werden, den ich nicht achte, während ich mit allen Menschen vertraulich bin und gar keinen Unterschied zu machen weiss, als der sich von selbst macht! – Manchmal bist Du doch gar zu blind über mich. – Ich kann die Menschen gar nicht voneinander unterscheiden und soll doch mich nur an die halten, die ich achte! – Ich könnte zu dieser achtung sehr leicht die unrechten herausgreifen, was soll ich sie erst lange hin und her wenden, zu dem bisschen Umgang, das doch nichts mehr gilt als eine Prise, welche die schnupfenden Leute sich bieten. Die Günderode und ich gehören einstweilen zusammen, bei ihr ist der Ablagerungsplatz unserer Bemerkungen und Witzeleien; das macht sich von selber. – Ich bitte Dich um Gottes willen, gebe doch auch Deine Stossseufzer auf um einen lieben Mann, den Du mir herbeiwünschest, und an den Du nur denkst, wenn Du präokkupiert bist von einer andern Liebe als der brüderlichen, wo dann, wie natürlich, keine Zeit zu dieser bleibt. Es ist Vorsorge, geliebter Clemens, aber glaube, dass ich keiner Stütze im Leben bedarf, und dass ich nicht das Opfer werden mag von solchen närrischen Vorurteilen. Ich weiss, was ich bedarf! – Ich bedarf, dass ich meine Freiheit behalte. Zu was? – Dazu, dass ich das ausrichte und vollende, was eine innere stimme mir aufgibt zu tun. – Die Liebe, mein Clemente, die werde ich einfangen wie den Duft einer Blume, alles wird dem Geist zuströmen, der nicht mehr sorgen wird, wie er sich soll zu verstehen geben; denn im Allerinnersten ist es Tag bei mir, dagegen mir die Welt sehr dunkel vorkommt, in der ihr glaubt, Licht zu haben, und dies Licht ist aber nur das, welches die Philister scheinen lassen; ein garstiges schmutziges Talglicht zum Nutzen und Besten der Bärenhäuter, zu deren Nutzen immer das ganze Leben berechnet ist. – So gehöre ich denn in einen andern Kreis der Allgemeinheit, wo sich fassen möchten: Kinder, Helden, Greise, Frühlingsgestalten, Liebende, Geister. – Warum wähl ich mir diesen? Weil die mich fragen nach dem Irdischen, sie gehören zu mir! – Da glänzen die Wolken schon im Abendrot. – Späte Rosen glühen schon in der Halbdämmerung! Nacht gibt doch Kraft zur Unsterblichkeit.
Bettine
Einen Gruss von Gundel.
An Bettine
Ich habe einmal eine geschichte gelesen von zwei Liebenden, die mutterselig allein in einem wald sassen, aus dem sie nicht mehr herauskonnten. Diese Leute wandten alle Mittel auf, um der Langenweile zu entgehen, sie setzten sich einander gegenüber auf Bäume und pfiffen und schimpften und machten sich Vorwürfe, hatten Ängste usw.; sollten in unsern letzten Briefen sich nicht einige Ähnlichkeiten mit diesen Verliebten finden lassen? – Ich zweifle kaum daran, und es hat also vermutlich nichts auf sich. – Zu meiner letzten ängstlichen Ermahnung an Dich hat mir