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liebe wie sonst oder Dich ziemlich vergessen habe, da stockten meine Gedanken. –

Ich habe zwar lange stillgeschwiegen gegen Dich, der Grund aber war kein andrer, als weil die Antwort mir nicht gleich einfallen wollte; ich bin nicht geübt, mich zusammenzunehmen und zu suchen in meinem Herzen nach Antworten. Auf Vorwürfe, die Irrtum sind, auf Sorgen, die mich nicht grämen, auf fragen, von denen ich nichts weiss. Da denke ich und will noch einmal denken, weil ich ja suchen muss nach Antwort, und weil es ja nicht ist wie in Offenbach, wo ein frischer Wind durch die Pappeln rauschte, alle Blätter zum Flüstern und Plaudern brachte, auch meine Gedanken auf die Flügel nahm und zu Dir hinflog! – Sieh, das ist schuld, dass ich weniger schrieb; der Offenbacher Luftzug, ach, der erhielt mich so frisch! – Ach, die Strassen waren mein, die so sauber morgens in der Frühsonne dalagen, und die roten dunkelroten Granitäuser mit Spiegelfenstern und grünen Gittern. Ach, jetzt erst vermiss' ich alles! Wenn die liebe Domstrasse noch in gemächlichen Morgenträumen sich dehnte und ich mit den reinlichen Täubchen allein drin auf und ab spazierte; sie waren mich so gewohnt, sie flogen nicht auf, wenn ich kam! – Und dann waren noch mehr kleine Hauptpläsiere und Schelmstreiche, die auf den ganzen Tag mich glücklich machten. Das war zum Beispiel, wenn ich ging auf Raub nach Rötel für meine Zeichnungen. In dem roten Granit, von dem dort die Häuser gebaut sind, steckt solcher Rötel von verschiedenen Nüancen bis zum stärksten Scharlachrot! Den hab ich in der frühsten Frühe, wo kein Mensch merkte, dass ich die Häuser demolierte, mir beim Herrn Nachbar herausgebohrt und habe dann meiner Flora einen Kranz von Rosen aufgesetzt mit diesem gestohlnen Gut! – Vier Knaben in Rotstift mit Perücken in schwarzer Kreide spielen mit einem Bock in weisser venetianischer Kreide auf hellblauem Papier. – Die Gassenbuben, denen ich sie manchmal aus dem Fenster heraushielt, freute es unvergleichlich, und einer holte den andern herbei; manchmal waren ihrer fünf bis sechs, die baten, ich soll ihnen den Bock zeigen, sie haben mich bewundert. – Hier hat fräulein Leonhardi einen Homer gezeichnet! – Er wird sehr geschätzt; ich werde's nie dahinbringen, einen Kopf zu zeichnen, der so viel Lob verdient und so wenig Neid, da er grade aussieht wie ein alter Schulmeister, der die Auszehrung hat und deswegen sehr ärgerlich gestimmt ist. Die Gassenbuben würden vor ihm ausreissen, aber nicht ihn bewundern wie meinen Bock! – Ach, die schmutzigen Strassen hier! Wenn in Offenbach ein Platzregen kam, sahen da die Pflastersteine aus wie frisch gewaschne Gesichter, – hier muss man ein paar Tage durch die Pfützen patschen! – Aber was schadet das, wenn die Sonne, die dort sie schnell auftrocknete, nur hier gelegenheit fänd, irgend zu einem zu schleichen; solang ich hier bin, hat sie noch nicht einmal mir das Fenster auf die Dielen gemalt! – Um solche Dinge muss ich sehnsucht haben, als müsse ich aus der Haut fahren. – Ich gehe in die Karmeliterkirche, setze mich da in die Bank, wo das Kirchenfenster mit seinem Weinlaub sich auf den Boden malt; der Schatten des Laubes spielt mir auf dem Kleid, der Wind weht das Blatt herunter, so fällt Schatten mir vom Schoss, das amüsiert mich so träumerisch. – Die Zeit, die ich dort verlierenicht wahr, ich könnte sie nützlicher anwenden? Alles ist hölzern, was ich hier Ernstaftes beginne! Ich hab nur Interesse an Dummheiten. – Ein innerer Drang, heraus aus der Frankfurter Eierschale, die ich durchpicken möchtein die Kirche gehe ich ins Hochamt gern. Der Franz sagt: "Du bist ja recht fromm, Mädchen!" – Was zieht mich in die Kirche? – Der Weihrauch, es ist doch ein bisschen ein stolzer Geruch! – In den Strassen riecht es nach Schacher; Sonntags sind die Läden geschlossen! Was steckt denn hinter diesen eisernen Stäben und Gittern? – Schacher, Geld! – Was machen die Leute mit dem Geld? – Ach! Sie geben Diners, sie putzen sich und fahren mit zwei Bedienten hinten auf. – Gestern erzählt der Dominikus, dass in Wien immer ein Bedienter von Heu ausgestopft ist, das riechen des Fiakers hungrige Pferde; sie schieben dicht an den Staatswagen heran, der Fiaker schlummert, jeder Gaul packt ein Bein der Galahosen und rupft das Heu heraus. Die Schenkel werden dünner, bis nur die Hälfte des Heumannes noch am Wagen hängt; der Herr steigt ein, der andere Diener springt hinten auf neben den Halbmann, dessen Eingeweide der Wind plündert. – Aller Reichtum ist ein ausgestopfter Kerl, mit dem man Parade macht, und die Lungerer sind die Hungerpferde, es ist ihnen einerlei, ob der seine Eingeweide verliert, an dem sie sich sattfressen. –

Du merkst, Clemens, dass ich wieder mit allerlei der Beantwortung Deines Briefes ausweiche! – Mich hat zwar dies lange Stillschweigen nicht irre gemacht, ich glaube noch fest, dass ich Dir am nächsten bin. Dein Käfig voll Turteltauben, die Du am Rhein Dir eingefangen hast, die Dir im Kopf girren und gurren und (Bemerkung der Günderode) dazu noch andere herbeilockst. Deiner Bruderliebe zapfst Du ein Schöppchen Moral für mich ab. Ich lasse es stehen; denn ich kann keinen Appetit mir dazu anschaffen