be- wiese Dir, dass es mit der Hingebung in Freundschaft und Liebe nichts ist, dass alles Rufen und Berufen immer dem inneren Selbst weichen müsse, dass alles, was diesem inneren Selbst widerspricht, von ihm mit Füssen getreten wird, und ich muss Dir sagen, lieber Clemens, dass ich ganz nach diesem göttlichen Ebenbild des Selbstseins geschaffen bin. –
Nun lasse uns immer diese bittere Frucht anbeissen, denn ich sehe, es geht doch nicht anders, und eher wird mir das Herz nicht leicht Dir gegenüber.
Also erst der Eingang Deines Briefes, der mir ein Streben nach klarheit und Ruhe unterlegt! – Nein, Clemens, ich habe kein mir bewusstes Streben der Art, das muss von selbst aus dem Lebensquell hervorspringen. Eines Strebens bin ich mir bewusst, weil sich alle meine Kräfte darin bewegen. Das ist innere Unantastbarkeit. Du nennst das "die Kunst mit sich selbst genug zu haben" – mir ist das keine Kunst, warum? – Weil ich alles mein nenne, weil alles mein ist, was ich anrede, was mich erregt. – sehnsucht hab ich nie gehabt, von Kindheit an nicht, ich könnte Dir aus dem Kloster darüber erzählen. Das Schöne hab ich liebgewonnen, ich nahm es an, wenn man mir es schenkte, um gleich es wieder zu verschenken. Nur in der Freiheit, in dem Fürsichbestehen gefällt mir das Leben; und ich werde nie etwas an mich reissen. Ich werde mich hinneigen, aber ich werde mich nicht gefangen geben.
Du denkst Dir also unsre Liebe zueinander als den "Überfluss und die Fülle des künftigen Lebens? Die uns zu der Genüge desselben noch obendrein gegeben ist." – Du sprichst aus: "Gott werde mir hoffentlich zu einem lieben mann und Dir zu einer lieben Frau helfen." Das sind Deine Worte an mich! Und das ist die Tonart, in die ich durchaus nicht übersetzen kann. Und – ich kann mich dabei auch gar nicht aufhalten, die liebe Frau, der liebe Mann mögen sich zusammenfinden, wo es ihnen deucht, ich will sie nicht genieren! Mehr lässt sich von mir nicht herausbringen. – Jetzt gehst Du weiter in Deinen Vermahnungen, als ob die Philister Dich trunken gemacht hätten, und sprichst vom Verdruss und von Abstumpfung gegen die Berührung mit Menschen. Ach, das mag ich gar nicht noch einmal lesen, mir ist, als müsse ich mit einem Mückenplätscher diese närrische Mücken von Dir alle totschlagen. – Nun sagst Du, dass Dir, der mich doch so gut kenne, meine Erscheinung in einzelnen Minuten auch nicht gefalle.
Ach, wär es möglich, dass eine fremde Sprache eine andre fremde Sprache mit ihren Klängen und Wortarten so ganz decke, dass einer einen Roman in der einen schrieb, der andre in der Meinung, es sei die andre Sprache, in ihr diesen in der ersten geschriebnen Roman läse? – Und kriegte da eine geschichte heraus, von der keine Spur je geahnt oder gemeint war. So ist's mit Dir, und ich muss Deine Hoffnungen alle niederschmettern, dass ich mich bemühen würde, "allgemein liebenswürdig und geliebt zu werden". Du hast mich nicht in meiner Sprache gelesen; Du hast eine andre natur herausgekriegt, die Dir nur dann und wann nicht gefällt, meistens aber doch. Wenn Du aber in der meinigen Sprache mich gefasst hättest, so würde ich keinen Augenblick Dir gefallen, nein, davon nicht, von andern Dingen wär die Rede. Ein Gewimmel von Missverständnissen.
Nun lasse uns noch durch den Morast der Trätscherei waten, da ich hochgeschürzt bin und daher nicht fürchte, mich zu beschmutzen. – Und doch kommt es mir sehr hart an, dass ich hier Halt machen muss. – Was Deine Briefe anbelangt, so liegen sie alle mit Nummern bezeichnet in einem kleinen Schränkchen, das ich zur Not bei einer Feuersbrunst oder Überschwemmung unter den Arm nehmen könnte und damit das Weite suchen; ich geh an diesen Behälter nie, nur wenn ich einen neuen Ankömmling hineinsperre wie im Kloster, heraus kommt mit meinem Wissen keiner! – Ja, ich selbst lese sie nicht leicht wieder, wie ich sonst wohl tat, denn eine zu grosse Masse von Gedanken durchströmt mich und führt mich wie ein gelichtetes Schiff auf die hohe See, die Heimat hab ich im Herzen, aber ich kehr zu ihr nicht zurück, ich land unter fremden Himmelsstrichen. – So geht's mit Deinen Briefen, sie sind meine Heimat, in ihnen bin ich geboren, aber die Heimat hab ich verlassen. So wenig ich die tür meiner Hütte öffnen kann hier im fernen Weltteil, so wenig öffne ich diese Briefe, die mir geliebt, aber fern liegen. – verstehe mich, das heisst, liebe mich darum!
Nun will ich Dir noch vom Veilchen erzählen, Du sagst von ihr, "sie mag ein gutes geschöpf sein, zu der ich hinabsteige mit meiner Vertraulichkeit!" – Wer bin ich denn, dass ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten geschöpf vertraulich wende? – Bin ich ein Engel? Nun, die fliegen ja den guten Menschen nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt, aber ich glaube nicht, dass ich ein Engel bin, ich glaube vielmehr, dass ich zu ihr hinansteige, statt herab! – Sie ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Grossvater, sie weiss, der alte Mann muss sterben mit seiner Krankheit, er ist schon