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, das in einer kleinen Dorfkirche vergessen hängt, aber vor dem fromme und unschuldige Menschen beten, oder eine herrliche Statue in den Händen von Barbaren, die dann und wann von einem durchreisenden Kunstkenner oder von einem reisenden Engländer bewundert wird. Jenes wird nie verkannt und immer gewürdigt, dieses wird selten erkannt, und jeder Dünkel brüstet sich mit ihm. Ich wünsche es daher herzlich, liebe Bettine, dass Du auch verkehrtere Menschen und gewöhnliche durch deinen Umgang, durch eine einfache, durchaus sittliche Erscheinung, die, ohne aufzufallen, alle die Rechte der Liebenswürdigkeit und Güte geltend macht, erfreuen mögest. Du rettest dadurch mich von Vorwürfen und machst, dass Deine Liebe zum Schönen nie als eine Zuflucht erscheint, sondern ein freies schönes Erheben, das wie die Andacht und Religion neben dem stillen häuslichen Leben steht. –

Arnim hat mir neulich viel geschrieben, er ist bis Mailand herumgeirrt und hat viel gedichtet; sein ganzer erster Brief ist über Dich, doch ohne Verliebteit, mit freundlicher achtung und Annäherung erfüllt. Wenn ich nach Frankfurt komme, lese ich ihn Dir vor; er ist jetzt in Genf und grüsst Dich herzlich. – Sollte Dir übrigens der Vorschlag gemacht werden, nach Frankfurt zu kommen, so mache keine Einwendung, als höchstens, dass Du gern Dein eigenes Kämmerlein haben möchtest; denn die vielen anderweitigen Berührungen, denen Du ausgesetzt bist, wenn Du die wohnung teilst mit Gundel, die ganz andere Gewohnheiten und Verkehr hat, als ein so junges Mädchen wie Du sie haben kannst, würde auf Deine fernere Bildung sehr verderblich wirken. – Adieu, liebstes Schwesterchen, sei vergnügt und fleissig und fein.

Dein Clemens

An Bettine

Düsseldorf

Bettine, Du schreibst nicht! Das macht mich ängstlich um Dich. Du bist seit vierzehn Tagen in Frankfurt; ich muss mir das von andern schreiben lassen, es ist zum erstenmal, dass ein Brief so lang ohne Antwort blieb; ich hatte Dir geschrieben aus ernsten Gründen und Dir ans Herz gelegt, was Dir so notwendig, mir so wichtig und heilig ist. Was kann Dich abhalten, mir zu antworten? – Ich bin seit gestern hier aus Jena, wo ich mit meinem Ritter war, der auch Dir so gut ist, dem Du nichts geantwortet hast auf seine liebevollen Zeilen. Was ist das, dass Du verachtest, wenn ein so grosses Gemüt Dich freundlich begrüsst, dass Du diesen Gruss verschmähest! Ist es nicht, als wenn Du dem Sonnenschein, der sich über die Dächer zu Dir herniederstiehlt, um Deine wohnung durch seinen Besuch Dir freundlich zu machen, die Fenster verhängtest? Ich schreibe Dir heute nicht mehr, aber ich bitte Dich, vernachlässige nicht Deinen treuen Bruder! Ich bitte Dich, schreibe, Du glaubst nicht, wie es mich manchmal packt, als könne diese reine Freude an Dir mir verdorben werden. –

Lieber Clemens!

Ich sitze hier schon eine halbe Stunde und besinne mich, – nicht was ich Dir schreiben soll; denn ich hab genug zu sagen, aber wo ich anfangen soll! Das geschieht mir nun schon so oft, als ich auf Beantwortung Deines letzten längeren briefes denke. – Und sonst war das nicht so! Nie hab ich mich bedacht, es floss mir aus der Feder! – Deine Verweise kränkten mich nicht, wenn sie auch manchmal aus der Luft gegriffen waren, – und jetzt weiche ich dem aus, Dir zu schreiben, alles dient mir zum Vorwand; ich gehe zur Günderode ins Stift, ich bleibe länger bei ihr mit dem heimlichen Willen, dass es zu spät sein möge, Dir heute zu schreiben, und so vergeht ein Tag nach dem andern; an jedem wache ich auf mit dem Gefühl einer Tagespflicht, die ich gern hinter mir haben wollte und zu untüchtig bin, sie zu leisten. Also, Du siehst wohl, dass es nicht Leichtsinn war, hätte ich den nur dabei gehabt, so wär mein Brief schon längst bei Dir angelangt. – Ich hab der Günderode davon gesagt und hab ihr (es mag Dir vielleicht nicht recht sein) Deinen Brief ganz vorgelesen. – Sie sagte, der Clemens spielt in einer fremden Tonart, in der Du nicht bewandert bist, in die Du auch nie hineinkommen wirst, es ist daher nur zweierlei zu tun, entweder Du antwortest ihm Punkt für Punkt, wie wenn Du vor Gericht ständest, wo man ja auch, aus dem inneren Lebenskreis herausgeworfen, wie ein Hund parieren muss. Oder Du überspringst alles, was er rügt, was er frägt und empfiehlt; denn er wird doch wohl nicht mehr von der Stimmung dieses briefes durchdrungen sein. Ich fand auch diesen letzten Rat vorzuziehen, allein, wo ich hier am Schreibtisch sitze mit mir allein (denn Dein Brief hat mich isoliert, und ich weiss nichts in diesem Augenblick vom Spielplatz geschwisterlicher Liebe), also mit mir allein hier, in den Spiegel sehend über meinem Schreibplatz. – Da regt sich ein ungeheures Selbstgefühl! – Clemens! Ich glaube wohl, es gibt Menschen, die sich lenken lassen von dem geist anderer, ich auch, sobald dieser Geist in dem meinen widerhallt, sobald also er den meinen zur Übereinstimmung weckt. – Diesmal tut er das nicht, ich könnte diesem Brief wie der Inquisition gegenüberstehen, die nie den Sinn von einem freisinnigen Menschen erfassen kann, als nur zu seinem Verderben! – Undnoch eine Frage: Soll ich Dich beschämen durch meine Antwort? – Das wär schlimm; denn es