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wollen recht vertrauend einander schreiben, und nichts weismachen einander! – Und wenn Du aber frägst, ob das Einbildung sei oder Eitelkeit mit dem Mirabeau, so kann das ja möglich sein und doch auch wahr, ich wehr mich dagegen nicht! Aber der Mirabeau! – Ich wollt, ich stünd vor ihm; weisst Du? – denke ich an ihn, ich fühl mein Gesicht brennen. Liebster Clemens, mit aller sehnsucht meiner arme, meiner Augen, ja mit allem, was umfassend ist in mir, möchte ich seine Knie umschlingen! Des grossen Helden, der auf seine Lippe nimmt das Geschick des Volkes und entzündet es, mit seines Mundes Hauch facht er es an.

Auf meiner Seele klarem Grund die Fischchen herumspielen sehen, das freut Dich? – Nun, so guck! Wie sie da fahren wie der Blitz hin und her, sie prallen ans Ufer der allbekannten todbringenden Langenweile, sie stossen sich den Kopf ein; und soll ich keine Leuchte anzünden, zwischen diesem klippigten Grund einen Ausweg zu finden aus der Pfützeins Weltenmeer? – Wohin sonst? – glaube nicht, dass ich im angenehmen häuslichen Kreis mich gefangen gebe, und auch nicht der Bildungsanstalt schöner edler Ideen. Auch nicht Latein kann ich ein Jahr oder ein halb Jahr der Grossmama zu Gefallen lernen; denn mir kann ich's nicht zuleid tun. Ich habe ja nicht eine Vernunft, der ich folge, ich bin ja ein elektrischer Funke, und ins Latein kann ich nicht hineinfahren, es stösst ab, sagst Du selbst.

Es ist nichts, du Welt, wonach ich die Hand strekke. Wär's etwas! – Auf dem Dach vom Taubenschlag die Sonne sinken sehen, das ist meines ganzen Lebens Aussicht. Sie geht dort unter so blutrot, und mein Blutwallt mit im roten Meer der Sonne, und dort wird's röter, und mein Gesicht wird blässer. Ja, ich glaube, dass der Geist des Blutes mit fortgezogen wird, wenn dort die Sonne ihre letzten Strahlen hineintaucht. Denn denke ich feurig, dass mir's Herz klopft, dann werde ich blass, lange war's nicht so schön hier in Offenbach als heute abend, und lange hat mich ein schöner Abend nicht so froh gemacht und so traurig zugleich. Es war da gar niemand, der auch nur den geringsten Anspruch hätte gemacht an meine Seligkeit. Ich wundre mich, dass andre nicht sind wie ich! Und Du? – Vielleicht in demselben Augenblick dachtest Du ganz was anders, das geht mir zu Herzen. Die Sonne sank eben in den Main. Ist es Dir nicht auch so, wenn die Sonne sich im wasser spiegelt, man möchte sich gar zu gerne hineinstürzen und so in dem Glanz untergehen. Aber es wiegte sich noch eine schöne Harmonie von blasenden Instrumenten auf den Wellen; ein leichtes Schiffchen trug alle die Seligkeit auf seinem Verdeck, still bedachtsam zog's den Strom hinauf.

Das Abendrot am Strand hinzieht,

Ergibt den Wellen sich mit Lust,

Da schwellet die beklemmte Brust

Der unbewussten sehnsucht Lied,

So kühn gewaltig zwingt das Lied

Die Trauer der beklemmten Brust,

In Lebensmut erstrebt sie Lust,

In Liebesflut sie Wolken zieht,

Und weckt in der beklemmten Brust

Der hohen Freiheit kühnes Lied.

Sein voller Klang

Das Herz durchdrang,

Das Lied sich schwang

In Liebesdrang.

Zu ihm, zu dem ich hin verlang,

Dort über die Berge mit der Lerche,

Ihm nach der Hymne zu singen dem Volk,

Dem von seinen Lippen sie sollte erklingen.

O, Clemens, was ist mir doch heute geschehen Sonderbares, da bringt die Grossmama heute einen alten Brief vor vom Lavater, der schon drei Jahre alt ist, kurz vor seinem Tod geschrieben, der malt den Mirabeau und recht unglimpflich, und die Grossmama holt die Silhouette aus dem Brief hervor, die er mitgeschickt hatte. "Beschauen Sie die Nase", schreibt er, "diese Nase ist eine Bauern-Nase, die bezeichnet nicht den Helden, der die kühnsten Entwürfe beharrlich ausführt. Seine Freunde glauben, dass er die Tugend liebte, dies kann aber unmöglich mit so schwülstigen Lippen, deren Winkel so matt herabhängen, übereinstimmen, sein Auge ist zwar feurig, aber von finsterer Vermessenheit und hat einen verachtenden blick, eine schamvergessene Gewaltsamkeit tront auf seiner Stirne, aber kein Heldenmut, ein Zug geht durch die ganze Physiognomie, der zwar die Karikatur des Genies markant ausspricht, nämlich Exaltation, die an Narrheit grenzt." Und siehst Du, so hat mich die Grossmama gequält, ich soll's herausfinden, worin es liege, vergeblich wollt ich sie erinnern, dass sie ja so verleumderische Ansichten über den erhabnen Charakter nicht könne gelten lassen, aber sie wollte ihres Lavaters Schwanengesang (so nannte sie diesen letzten Brief Lavaters an sie) nicht als verleumderisch gelten lassen. – Und Du predigst mir immer Pietät gegen die Grossmutter! – Wo und wie soll sich das alles zusammenfinden, ohne dass heuchlerische und kleinliche Furcht sich drein mische! Ach, Clemens! vertrauendund das heisst ganz wahr und offen sein, das verlangt, dass ich stets auch aus der Tiefe meines Herzens mich an den Tag gebe, nicht umsonst will ich alles verstanden haben, nicht umsonst hab ich meine französischen Aufsätze für Herrn L'endroit als geheime Antworten, fragen und Begeisterungen für diesen Mirabeau geschrieben, habe er meinetwegen Pockengruben, die ihn bis zur Hässlichkeit entstellen, mich geht'