grade an der Küche vorbei, wie die taube Agnes auf dem Schemel sitzt, das Huhn zwischen den Knien, das Messer wetzt. – Ich springe hinzu, zieh den Schemel unter ihr weg, sie fällt auf die Nase, das Huhn unter dem Messer weg flattert mit grossem Geschrei durchs Küchenfenster; es war die Zeit, wo die andern Hühner schon alle im Hühnerstall mit ihrem Hahn der goldnen Ruhe geniessen, kaum hörten sie aber das Notgeschrei der Henne, als alle loslegten mit Gackern! Ich war voll Schreck über meine Kühnheit, die Hinrichtung zu verhindern. Ich jagte das Huhn durch den Garten, ganz am ende der Pappelwand fing ich's erst ein, wo sollte ich mit hin, bracht' ich's zurück, so wurde es dennoch abgetan, aber mir schauderte, eine Suppe von diesem Huhn zu essen. – Ich marschierte zum Gärtner im Boskett. – Der nimmt es unter seine Obhut, bis bessere zeiten kommen. – Wie kann man auch Tiere, die täglich unter uns herumlaufen, uns trauen, einem nicht aus dem Weg gehen, plötzlich, was sie gar nicht gewärtig sind, über sie herfallen und fressen. Die taube Agnes ist sehr erschrocken, dass der Poltergeist die Schawell unter ihr weggezogen hat, sie erzählt noch mehrere Fälle von diesem Spukeding; – einmal war es mit ihrer Haube ausgerissen – sie war aber am Fensterspiegel hängen geblieben. – Diesmal mit der Henne, keiner glaubt ihr das, aber jeder wundert sich, dass es verschwunden ist und nicht wieder erscheint. – Und endlich, meint die Agnes, werden wir's doch einsehen, dass es spukt. Die alte Kordel setzte sich mit dem Rädchen herbei, die Agnes erzählte lauter Geschichten vom Küchenteufel, eine ganz aparte Klasse; wollt ich auch jetzt sagen, dass ich das Huhn weggeschleppt habe, keiner würde es glauben. – Abends beim Sternenschimmer, wo ich den Kopf weit aus unserm Mansardfenster streckte, um recht viele Sterne zu Zeugen meines feierlichen Schwures aufzurufen, tat ich das Gelübde, alles dran zu wagen, wenn ich einen Menschen in Gefahr sehe und wenn auch selbst das Messer schon über seinem haupt schwebt. – Ein rascher Entschluss vermag viel, aber Zagen ist das Verderben aller Grosstaten! Hätt ich nur einen Augenblick mich besonnen, so lebte jetzt kein Männewei mehr! – Und mit so einem Tier ist's eine besondere Sache, man weiss nicht, ob es ein Jenseits hat, doch lebt es gern, doch hat es mehr mit der natur zu schaffen wie wir, doch gehört ihm die Welt, jeden Augenblick es drauf verweilt, ja es ist der Mühe wert, ein Leben zu retten, sei es welches es wolle. Ach, die Schwäne fallen mir hier ein, die ihr schneeweiss Gefieder im eignen Blute mussten baden, die Helden der Gironde! –
Schon wieder ist der Abend angerückt, lieber Clemens! – Heute sind keine Ereignisse vorgefallen, nur Nachrichten eingelaufen, die aber vielversprechend sind. – Savigny ist auf dem Trages und erwartet uns zum Diner den Sonntag, wir werden also morgen in die Stadt gehen, diese Nachricht brachte Doktor Ebel als Auftrag von Leonhardi, der uns einen Platz in seinem Wagen anbot. – Ebel ist ein naturforschender Mistfinke, aber die Grossmama geht ganz darüber hinweg, dass er immer ein schmutziges Hemd an hat und schwarze Nägel, und tat folgenden, merkwürdigen Ausspruch: "Mein Kind! – Die Reinlichkeit ist zwar die edelste Tugend und ist verschwistert mit der sittlichen Reinheit. Selbst ein lasterhafter Mensch erhebt sich aus seinem Sündenpfuhl, wenn er sich wäscht und ein reines Hemd anlegt, die Würde des Menschen fühlt sich dadurch neu belebt. – Aber – –", sagte sie und hielt ein, denn der Mistfinke, der einen Augenblick abwesend gewesen war, trat herein und brachte der Grossmama allerlei Abfall von der natur, den sie sollte in ihr Naturalienkabinett aufnehmen. Unter andern ein Stück Leinwand von Asbest, was unverbrennlich sei. – Moose, welche auf der höchsten Spitze der Spitzberge wachsen – purpurrot! St. Pierre und Buffon wurde geholt, um über Schnecken und Muschelsamen, wovon Ebel eine ganze Bonbontüte voll mitgebracht hatte, zu befragen, sie blieben die Antwort schuldig! – Ebel erzählte also, dass dieser, aus dem Grund des Schwarzen Meeres, ihm von einem Freund zur Untersuchung mit vielen Mühen und Unkosten gesendeter Muschelsame die wunderbarsten Erscheinungen entalte, mit einem Vergrösserungsglas betrachtet, werde man die ausgebildetsten Formen drinnen finden, die so klein seien, dass man sie für Sandkörnchen halte. – Die Grossmama war begeistert für diese Merkwürdigkeitstreckelchen, aus denen die Welt zusammengebacken ist, und die Ebel mit Lebensgefahr unter einer Taucherglocke von einem kühnen Taucher wollte erhalten haben, ein Paketchen draus gemacht und mit Noten versehen in ein Kästchen gepackt, worin noch andre Seltenheiten der Art liegen. – Das war nun, was er in der rechten Rocktasche mitgebracht hatte. Nun griff er in die linke Rocktasche. Das erste Päckchen entielt ein Stück Spinnweb von der Riesenspinne, – er konnte es ordentlich auseinanderfalten, ohne es zu zerreissen, es fiel dabei sehr viel Staub heraus, die Grossmama hätte dies Chemisett der Arachne gewiss gern unter ihren tausend Wundern der Welt besessen, allein Ebel wickelte es sorgfältig wieder ein und steckte es in die Westentasche! – Ich glaube, er hat's irgend im Winkel auf dem Boden entdeckt und hat ihm die Reise aus Indien erspart! – dafür entschädigte er sie