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unwiderstehlich, ich bedauerte, dass es nicht schicklich war mitzuspielen, sondern nur zuzuhören. – Gegenüber vom Feuerbrunstteater, im freien Feld steht das grosse Haus, worin Bernards blasende Instrumentisten alle wohnen, die manchmal sich das Pläsier machen, aus allen Fenstern heraus nach den vier Weltgegenden hin ihre Passagen zu exerzieren, diese waren durch die ausschlagenden Flammen in Begeistrung versetzt, – sie bliesen Tusch, wenn ein Stück Dach einfiel oder Mauer! – Was einen doch gleich Lebensübermut durchströmt, wenn die Menschheit nicht so ängstlich am Besitztum klebt! – Wenn man hört Mitleidsquellen rieslen, über das einzige bisschen Habe, was den Armen nun verloren istdas macht so malade, es steht einem der Verstand still, da doch gewiss jeder genug hätte, wenn jeder wüsste, was er mit dem seinen anfangen soll. – Der Blaufärber hatte die grossmütigste Gleichgültigkeit bei diesem Veraschen seiner Einbläuung, und es kamen die närrischsten Witze vor bei der Judenspritze, bei welcher der Blaufärber selber stand und sie fortwährend dirigierte gegen die zwei uralten Linden in seinem Hof, die sein Ururgrossvater, der auch Blaufärber war, gepflanzt hatte, unter denen der Färber seine Hochzeit gehalten. – Wenn ihr mir die erhaltet, sagte er zu den Juden, so schenk ich euch zwanzig Taler. – Nun wurden die Juden so feurig, lauter arme Lumpen! – Es gab ein Gezänk mit der Polizei, sie wollte auf die unnützen Linden kein wasser verwendet haben, die Juden schrieen mörderlich, als man ihnen den Schlauch entriss, nach dem Blaufärber; der kam herbei und musste ihn wieder erobern. "Was solle die alte Bääm," sagt der Herr Bolezei! – Wie, Herr Polizei! – Sie schmähen die alten Linden, das Wahrzeichen von Offenbach? – "Ei, do könnt ganz Offebach abbrenne, und die Wahrzeiche bliebe alleen stehe. Die könnte doch das Maul nicht uftun und erzähle, dass Offebach da gestane hat." –

Die Linden wurden übrigens gerettet; denn die Juden liessen sich nicht zu nah kommen! – Die Hornisten, Hautboisten, Klarinettisten und Fagottisten schmetterten ihre Passagen dazwischen wie freie Göttersöhne in des Mondes blauem Licht, der über ihrer wohnung tronte und nichts von seinem Glanz verlor durch die gegenüber aufqualmende Feuersäule, die sich oft vom Rauch nieder musste drücken lassen! – Der Mond hat Charakter, die Gestirne haben Charakter, der Himmel, der sie trägt wie ein Baum die Äpfel, der ist der Charakterbaum. – Die Menschenseele ist ein kleiner fliegender Samenstaub, der einen guten Boden sucht, um auch Charakter zu werden. – Das Werden! – Das grosse Werdenist und soll sein der einzige Genuss, sagt die Günderode, der wird aber nicht, der nicht göttlich wird, sagt die Günderode auch noch. – Für heute hab ich genug geschrieben; nun wünsch ich, dass morgen wieder was vorfallen möge, einzig, um meinen historischen Brief fortsetzen zu können. –

heute ist aber doch nichts vorgefallen, so sehr ich auch getrieben habe und dem Fenster hinausgeguckt, ob nichts kommen wollte. – Vom Feuer war viel die Rede, man besuchte die Grossmama, um ihr zu gratulieren, dass ihr der Schreck nichts geschadet habe; sie wurde am ende ärgerlich, wie einer nach dem andern kam, die Fürstin von Ysenburg war zuerst bei ihr gewesen, da war es gleich Mode geworden. – Es ist schlimm, dass die Grossmama sich nicht gut verleugnen kann, weil sie nie aus Garten und Haus kommt! – Diese Häuslichkeit hat einen eignen poetischen Schimmer, alles in der höchsten Reinlichkeit und Heimlichkeit erhalten, – zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit ist nichts vernachlässigt, selbst das aufgeschichtete Brennholz am Gartenspalier ist unter ihrer Aufsicht der Schönheitslehre. – Wenn es im Winter muss verbraucht werden, so lässt sie es immer so abnehmen, dass die Schneedecke soweit wie möglich unverletzt bleibt, bis Tauwetter einfällt, wo sie's abkehren lässt. Im Herbst hat sie ihre Freude dran, wie die roten Blätter der wilden Rebe es mit Purpur zudekken. – Im Frühling regnen die hohen Akazien ihre Blütenblättchen drauf herab, und die Grossmutter freut sich sehr daran! – Ach, was willst Du? – Es gibt doch keine edlere Frau wie die Grossmutter! – Wer den wunderschönen Blitz ihres Auges verkennt, wenn sie manchmal sinnend mitten im Garten steht und späht nach allen Seiten und geht dann plötzlich hin, um einem Zweig mehr Freiheit zu geben, um eine Ranke zu stützenund dann so befriedigt in der Dämmerung den Garten verlässt, als habe sie mit der Überzeugung alles gesegnet, dass es fruchten werde. –

Nein, heute ist nichts weiter vorgefallen, was ich historisch nennen könnte, der Tag ist total vorbei! – Und nichts, was nur den Hund hätte zum Bellen gebracht. – Nur eine kleine elegische Szene. Die Grossmama hat manchmal einen Verdruss an so einem Federvieh, wenn es in ihre Hausordnung sich nicht fügt, so muss es geschlachtet werden, diesmal traf das traurige Los der Hinrichtung ein impertinentes Huhn, was immer mit grosser Geschwindigkeit die Weizenkörner, welche sie für alle streut als Dessert zum Haber, für sich allein erschnappte. Dies Huhn war von Meline in Affektion genommen, gleich als es auskroch, heisst Männewei, von Mannweibchen, weil es lang unentschieden blieb, ob das Tier ein Hahn oder Huhn sei, da es einen so roten, stolzen, doppelten Kamm und einen schönen roten Bart hat, kurz, ich komme