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Brief, er ist mir das Liebste, aber ungezwungen, ungeniert, so wenn Dir's einfällt und was Dir einfällt, ich werde mir's schon zurechtlegen. kommt Minchen Günderode nicht auch zuweilen mit ihrer Schwester zur Dir? – Ich bin ihr einen Brief schuldig. Küsse sie von mir, sage ihr, dass ich sie Denn in meine Oper denke ich die Hauptrolle mir gerade wie sie! und den ersten Liebhaber wie mich. – Ich muss ihr zu Füssen fallen, ich muss sie küssen, sie mag wollen oder nicht. – Und sie muss auch am ende einer langen Arie mir in die arme fallen und mich beglückken, stelle ihr das doch recht beweglich vor; und dass es ja nicht anders sein könne, weil sie einmal meine Opernheldin ist, sie soll sich bewegen lassen darauf einzugehen. Das wird recht schön sein, wenn ich mir denke, es sei alles wahr, dann werde ich mir die lieblichsten hinreissendsten Szenen zum Küssen malen!

Hast Du was gedichtet, geschrieben, schicke mir es in meine Einsamkeit. – Wenn Du ein Kinderkleidchen für ein liebes rundes Mädchen von drei Jahren hättest, aber recht hübsch und bald, so würdest Du mir grosse Freude machen. Wo nur Arnim stecken mag, ich hörte seit meinem Brief nichts mehr von dem Jungen. Du bist wohl recht ruhig. – Ich bin es auch. Ich schicke Dir vielleicht bald mein Porträt. Schreibe mir einen langen historischen Brief. Deine Empfindung, meine Empfindung kennen wir ja! – –

Ich werde noch eine Weile hier bleiben, denn zu sehen, zu hören, ja mitzufühlen, wie alles Denken und Erdenken plötzlich fliessend wird in musikalischen Gesetzen, die der Poesie den Kopf zurechtrücken, das macht mich ganz hingerissen. – lebe wohl! schreibe!

Clemens

Lieber Clemens!

Ich will gleich anfangen mit dem, was mich zuletzt frappiert in Deinem Brief! – Ich hab Angst, die Musik wird schlecht zu Deiner Oper. – Warum? – Weil Du eine so enorme Freude daran hast! – Ich kenne Dich ja! – Du lässt Dich gar zu leicht begeistern. Einem Kapellmeister gegenüber, wenn er seine Musik vorträgt, ist nicht zu spassen mit fünf Sinnen, sie gehen in die Brüche! Er betrachtet Dich als einen guten Kerl, den er mit Herablassung Strassen führt, welche Dir unbekannt sind, Du kannst da gar keine Autorität haben, Du musst Dich führen lassen! Die Effekte, die Du nur in Gedanken hörst und Dir natürlich ganz übernatürlich vorstellst bei vollem Orchester, machen Dich in Dankbarkeit hinschmelzen vor dem Kapellmeister, der überrascht von dem Eindruck, den er Dir macht, eine ganz neue Bekanntschaft mit seinem Talent zu machen glaubt, er komponiert drauflos, weil er eine Quelle der Erfindung in sich entdeckt, auf die er früher nicht sich verlassen konnte! – Nun findet er, dass Du trotz Deinen Dichterlaunen ein sehr verständiger, urteilsfähiger junger Mensch bist, Du wirst gelobt als höchst liebenswürdig, die Sängerinnen werden begeistert, sie strengen sich an, wetteifern! fräulein Petersilie soll die Hauptrolle haben, sie verleugnet den Peter zu Haus und kommt bloss als Silie. Der Name Silie bewegt Dein Dichtergenie zu Explosionen von Begeistrung. – Kurz, es wird ein Wonnemonat, wie noch kein schönerer war, wo Dichtkunst und Tonkunst sich vermählen! –

Hoffmann hat hier ein Duett gemacht, wozu Du mir den Text schon früher gabst: "Hör, es klagt die Flöte wieder, und die kühlen Brunnen rauschen." – Ja, wenn Dein Komponist so arbeitete wie er! – Dazu muss man aber, in eine Einsiedelei verborgen, Blumen und Gras umher, im Schlaf versunken, nach der Ferne lauschen, wo die rauschende Welt endlich auch betäubt ruht. – So ist aber der gute Hoffmann, sein kränklicher, gebrechlicher Körper sondert ihn ab von den Schwelgereien der Musiker, von ihren Weltverhältnissen und Liebeleien! – Durch den Hoffmann hab ich manches begreifen lernen. Erst war ich als immer verwundert, wie doch ein Mensch so ein traurig Los tragen müsse, der seinen Leib doch nicht verlassen könne, der ihm Schmerzen macht; jetzt weiss ich's aber anders. Der Geist überwindet alles. Und wenn der Geist kämpft, so muss er doch stark dadurch werden. Der Geist kann nicht Wunden erliegen. "Invulnerable", sagt Mirabeau. Es kann nur vielleicht ihm versagt sein, sich geltend zu machen! – Aber vielleicht ist der Leib die verschlossne Werkstätte, in der der Geist zur höchsten Stufe der Bildung gelangt; und wenn er erst durchgeläutert und geglüht als vollendetes Kunstwerk seiner selbst, zugleich mit dem Lebenskeim zu einer höheren gewaltigeren Bildung versehen, neue Welten durchdringtwas ist's da, dass in dieser Welt die Krankheit wie ein böser Traum ihn anflog. – Guter Hoffmann! – Ich höre sein Klavier bei offnen Fenstern in die Mondnacht rauschen! Er denkt gewiss, ich lieg im Bett und hör ihm zu! –

Gute Nacht, morgen schreibe ich weiter, weil Du einen so langen historischen Brief verlangst. –

Den wollt ich Dir wohl schreiben, den schönen langen historischen Brief, wenn nur was vorgehen wollte! – Ich hab zwar gar keine Neigung, dass etwas vorgehen soll, aber doch wie letzt in der Blaufärberei am Kanal Feuer ausbrach, machte mir das ein unendliches Vergnügen; damit stimmte das Volk mit seinem Schauspielertalent überein. – Eine Verzweiflungsund Jammergeschreikomödie, gewürzt mit den ausgelassensten Scherzen; das Ganze war