Die Günderode wurde ins Bett gesteckt, wir sollten die Nacht dableiben. Wer war froher wie ich. Eine schöne Sommernacht unter einem Dach mit dem Arnim, mit Günderödchen durchplaudert, – doch haben wir uns gezankt. Wir stiegen die Leiter der Begeistrung hinan in unserm Nachtgespräch, eins überhüpfte das andere, oben zankten wir einander, dass wir nicht in ihn verliebt seien, dann zankten wir einander, dass wir kein Vertrauen hätten, und wollten's nicht gestehen, dass wir ihn doch liebten, dann rechtfertigten wir uns, dass wir es nicht täten, weil jede geglaubt hatte, dass die andre ihn liebe, dann versöhnten wir uns, dann wollten wir grossmütig einander ihn abtreten, dann zankten wir wieder, dass jede aus Grossmut so eigensinnig war, ihn nicht haben zu wollen. Es schien ernst zu werden, denn ich sprang auf und wollte mein Bett von dem ihrigen wegrücken aus lauter Zorn, dass sie den Arnim nicht wollte. Auf einmal hören wir husten und sich tief räuspern. Ach, der Arnim war durch eine dünne Wand nur von uns geschieden, er konnte deutlich alles vernehmen, er musste es gehört haben, ich sprang ins Bett und deckte mich bis über die Ohren zu. Uns klopfte das Herz wohl eine halbe Stunde, keins muckste mehr die ganze Nacht. – Am andern Morgen früh um sechs Uhr sah ich zum Fenster hinaus den Arnim schon unter den Linden spazierengehen. Jetzt wollten wir doch probieren, ob er uns gehört könne haben. Ich ging ins Nebenzimmer, die Günderode sprach ungefähr dasselbe und ebenso laut wie am Abend. Ich legte mein Ohr an die Wand und hörte teilweis', aber nicht alles; als ich aber sah, dass sein Bett gerade an der Tür stand und dass das Schlüsselloch mit dem Kopfkissen auf gleicher Höhe stand, und dass man da alles deutlich hören konnte – wie zwei marode Schiffer, die eben gescheitert sind an der Sandbank, die sie solange ängstlich umschifft hatten, guckten wir uns an. Wir mussten zum Frühstück! – Wir setzten uns mit dem rücken gegen die Tür, um ihn nicht gleich sehen zu müssen, was half der eine Augenblick, wir mussten ihm ja doch die Sträusschen abnehmen, die er eben aus dem Feld mitbrachte, Vergissmeinnicht! – Ach, nun war's gewiss, dass er's gehört hatte. Ach, Clemente, es war recht wunderlich! – Das war gewiss so ein Gefühl, was man Verlegenheit nennt! – Ich nahm die Gitarre von Gunda und sang "Das schmerzt mich sehr, das kränket mich, dass ich nicht genug kann lieben Dich". – Der Arnim gab mir seinen Handschuh und bat, den zerrissnen Daumen zu flicken. – Ich hab's getan, Clemente. Ach, aller Anfang ist schwer, der Handschuh duftete so fein, so vornehm. – Ein grauer Handschuh von Gemsleder, ich habe ihn mit Hexenstichen benäht, er zog ihn gleich an, den linken Handschuh aber liess er liegen und promenierte mit seinem Stock neben uns. Ich warf seinen vergessnen Handschuh unter den Tisch, ich dachte, da mag er liegen, wenn er ihn zurücklässt, dann heb ich ihn zum Andenken auf; denn er geht ja morgen fort. "Wird nicht wiederkommen, wird nicht wiederkommen, das tut mir weh" – ich hab ihm dieses alte Volkslied vorgesungen, es hat ihm sehr gefallen. –
Der Arnim ist fort! – er hat den Handschuh zurückgelassen. Gestern nahm er Abschied, und gestern leuchteten noch die Sterne uns beim Heimgehen, er suchte einen Stern aus, den wir alle drei wollten sehen, wenn wir aus der Ferne aneinander dächten. Ach Gott, ich hab den Stern vergessen, er hat's so deutlich expliziert, und nun kaum war er fort, wusst ich's nicht mehr, ich fragte die Günderode, denn die ist sternkundig, aber die neckt mich und nimmt dies als einen Beweis, dass ich gewiss in ihn verliebt sei! Es ist aber doch nur, weil mir's so leid tut, dass er vielleicht treu und redlich seinen mit uns ausgemachten Stern ansieht, in der Meinung, wir guckten auch, und nun gucken wir beide wie die Hahlgänse daneben." –
Lieber Clemens, gestern nahm Arnim Abschied, und gestern schrieb ich dies nieder, und heute bin ich wieder ruhig über die Sternengeschichte, denn mein Gewissen würde mich dann ewig geplagt haben, ob ich auch zu rechter Zeit nach dem Stern sehe. Ich würde am ende jeden Tag eine ganze Stunde meinen Kopf haben in die Höhe halten müssen, es wär eine Pein gewesen, um gleich des Kuckucks zu werden. Ich wollt, Du wärst bei mir, ich hab Dich doch ganz allein lieb, und so lieb wie mich hast Du niemand anders. – Wenn Du auch noch so sehr meinst, Du müssest über Deine Liebschaften verzweifeln, weil immer keine Gegenliebe dabei herauskommt. Es ist einmal so, die Menschen machen sich nichts aus uns beiden, und wenn wir ihnen ebenso vorkommen, wie sie mir alle zusammen vorkommen, dann ist's ihnen nicht zu verdenken; denn so albern sind sie wohl, dass sie uns ebenso absurd finden, als wir gescheit sind, sie närrisch zu finden. Aber vom Arnim tut mir nichts leid, als dass ich so kalt Abschied von ihm genommen hab, ich fragte ihn lachend, ob es ihn dann gar nicht rühre, dass