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noch weit ins Feld, da liegen noch einzelne Schneedecken über der Saat, das Hessenland ist ein rauhes Land. Bei Dir ist alles wohl schon viel frühlingsmässiger, ich freu mich doch auf Dich recht herzlich und hab auch keine Angst, dass Du nicht dieselbe sein könntest, die Du immer warst. Es ist ein so heller Morgen heute, da sitz ich am Schreibtisch, und der Hahn kräht schon zum drittenmal, das flösst mir ein recht Vertrauen ein in die Zukunft. Ich werde recht oft nach Offenbach kommen und alles tun, um die Zeit recht innig mit Dir zu verbringen. Es wird doch wohl eine Zeit kommen, wo ich selten von Dir entfernt bin und wo wir alles zusammen denken. Denken, was heisst das, es ist die einzige Vermittlung mit dem Göttlichen. Es stellt sich gleich eine Säulenreihe um Dich auf, und ein Tempel wölbt sich über Dir, und Dein Gedanke durchduftet ihn. Das ist DenkseligkeitGedankenlosigkeit ist Unseligkeit. Aber Du wirst gewiss noch recht glücklich werden und ich auch, aber das wird nur dann sein, wenn wir dem Bedürfnis genügen unserer Seele, das können wir alleine durch Bildung. Wenn ich was weiss und so in mir gerüstet bin, dass ich auch von jedem Punkte aus, ich mag sein wo ich will, und vom Schicksal eine Aufgabe habe, sie zu lösen verstehe und darin mir selber genüge und der Kunst. Das ist Bildung! – Der Mensch ist auf Erden, sich zu bilden und dann wieder die Welt.

Jetzt kommt der Frühling, da sitze ich abends oft am Fenster, ich wohne in einem Garten, klimpere ein wenig auf der Gitarre und singe auch wohl das Lied vien qua Bettina bella etc.; in den Garten kommen oft einige Kinder, mit denen ich spiele, die zwar ein bisschen dumm sind, aber doch gesund und treu. – Ehe ich weggehe, werde ich den Kindern ein fest geben, auch eine Schwägerin von Rossi hat drei artige kleine Mädchen, die gegen die schwarzen Rossibuben wie Engelchen gegen Teufelchen aussehen, so schwarz sind diese kleinen Italiener, besonders ist das älteste Mädchen, etwas jünger als Loulou, sehr sanft und hold; sie hat den seltsamen Namen Anonciata, Verkündigung. Namen sind oft recht einladend, der Deinige zum Beispiel. Diese Kinder nun, die in einem traurigen schmutzigen haus wohnen und mit ebensolchen Menschen, haben doch ein kleines Fleckchen rein und schön zu machen gewusst. In dem kleinen Hof steht ein Baum, um den herum haben sie sich ein äusserst niedliches Gärtchen gebaut, so gross wie ein grosser Tisch, in diesem Garten nun stehen Butterblumen, Veilchen, buches und dergleichen, gleich daneben haben sie sich Tisch und Bank errichtet und sitzen beisammen, wenn die Sonne scheint, unter einer Art Laube, die sie durch in die Mauer gesteckte Tannenzweige zusammengeflochten haben. Ich habe gestern lang mit ihnen gesessen, ihnen erzählt und, während sie allerlei bunte Perlen und Schmelz in Schnüre fädelten, womit sie ein kleines Handelspiel treiben, ihnen Klostereier gemalt. – Das ist so mein Zeitvertreib, und sie wird mir jetzt lange, bis ich bei Dir bin. Nimm dies als eine kleine Gegenerzählung für Deinen Bericht von dem Veilchen, der ist aber schöner, und ich finde es auch ganz natürlich, dass Du gern mit dem Veilchen das Kleid fertigsticken willst, aber ich meine doch, es wird besser sein, wenn Du nicht am Morgen so früh Dich vom Haus entfernst. Hast Du nicht zufällig den Herrn Hofmeister begegnet, der Dir den Verdruss machte bei der Tante, böse über Dich zu reden? – Nun könnten doch noch andre Leute Dir begegnen, die auch darüber reden könnten.

Dein Clemens

Weil ich die Ostern nicht komme, sondern erst acht Tage später, so erwarte ich noch einen Brief von Dir, Du wirst ja doch wohl die zwei Sonntage recht still zubringen. Die Leute werden alle spazieren gehen, und Du wirst aus dem Fenster sehen, und sie in ihrem Putz die Strasse hinab, dem Tor hinaus wandern und dann auch wieder heimkommen sehen. Aber in der Zwischenzeit kannst Du schreiben bei Deinem Strauss, den Du doch gewiss im Glas stehen hast.

Lieber Clemens!

Wenn man aber auf den Barbara-Tag Reiser von den Obstbäumen abschneidet und die ins wasser stellt, dann blühen sie im März, und das hab ich getan, und sie blühen auch alleweil. Apfelblüten sind zu schön! – Wär ich als Mädchen, was die Apfelblüte ist, ich wär doch wohl alles Liebe und herzlich Schöne. Was Du von mir denkst, dann könnt ich Dir verzeihen, was Du mir und Dir weismachen willst. Ja, es ist recht schön; denn ich hab das Plaisir davon, und Dir schadet's nichts. Aber sei nur nicht ängstlich, dass ich keine Apfelblüte bin, weiss und rot und goldner Same drin, sondern dass ich vielleicht gar so eine Nessel bin oder Distel oder Dorn, wie Du meinst, vor denen ich mich soll hüten.

Ich hab am Feiertag nicht können schreiben, die drei kleine Katzen auf dem Schoss so kommod ineinandergelegt, alle drei eingeschlafen unter der grossmächtigen Pappel im Eckelchen auf der Bank. So viel Blüten tanzten herunter, so viel braune klebrigte Schalen platzten los von den Knospen, ich dachte, was knistert doch im Baum; und später, wie die Katzen so sanft schliefen, da hatte ich auch ein bisschen geschlafen. – Ach, Clemens wir