nicht ihre herkömmliche Observanz mehr geltend machen, er sagt, wenn ich mich hineinstudiere, so wird's der Musik eine neue Bahn brechen. Närrischer Kerl! Willst mir schmeicheln, mir Mut machen zum Lernen; weiss ich doch, dass er's mir weismacht, so trägt's doch meine Begeistrung unendlich hoch! Zu Unerhörtem, noch Ungehörtem. Hoffmann machte als ein kraus Gesicht. – Aber denke doch – bald gewöhnte er sich – nein, er verliebte sich hinein – und letzt, als er in einem Konzert phantasierte auf dem Klavier, hat er alles ineinander geflochten; es war schön, ja so begeisternd schön, ich wusste nicht, was ich hörte, ich konnte meinen Ohren nicht trauen! Es kam mir so deutlich vor, als habe ich das gesungen. Als er am andern Tag in die Stunde kam und fragte, wie sein Spiel mir gefallen habe, sagte ich ihm mein Entzücken, aber doch sei es mir so bekannt vorgekommen, ich hätte beinah jede Wendung vorausgeahnt, so fremdartig sie auch geklungen habe. "Ja freilich, es sind Ihre eignen Wendungen." – Gott, ich war ganz beschämt, dass ich so schön gefunden, was ich selber erfunden hatte, er tröstete mich aber! – Er sagte, er habe die Mauer zu übersteigen oft Lust gehabt, allein über einen gelehrten Musiker fallen die andern alten Generalbasstyrannen wie die Krähen her, rupfen und hacken ihn, aber eine unschuldige Liebhaberkomposition berücksichtigten nicht diese alten Hintersassen des Hochmuts und der Pedanterie. Andre mit gesundem Gefühl Begabte werden diese Lieder schon ihrer Eigentümlichkeit halber gern hören und gern nachsingen. Denn aus fremden Landen komme manches in der gestatteten Harmonienfolge Unerhörtes, und doch errege es selbst das verbildete Ohr zum Genuss, glaubt, es wird am ende dergleichen keinen Widerspruch mehr erleiden, die unschuldige Weisheit muss sich einschwärzen.
Genug vom Generalbass! Du siehst, lieber Clemens, dass er seinen Platz in meinen verschiednen Interessen behauptet. – In meinen Heften, die ich vor vierzehn Tagen, also zum 1. Mai geheftet habe, und die den ganzen monat ausdauern sollten, hab ich schon jetzt kaum Platz, Randglossen zu machen, so hat's Ideen geregnet mit dem Mairegen. – Ich hatte nämlich aus Pedanterie mir meine Hefte numeriert und eingeteilt, auf jeden Tag so viel Seiten, heute in der geschichte, morgen Musik, übermorgen Ph., ich sag's nicht was, aber Philosophie ist's nicht, die mich übel anriecht auf Hochdeutsch. – Aber es ist das schönste weisheitsvollste Wissen für mich, in dem ich unendliche Aufschlüsse finde von Sonne und Mond und allem, was war und noch sein wird, und hab ich wollen eine Einrichtung der Ordnung machen und einmal Pflichtgefühl spielen, und alles war in schönster Ordnung und Gelöbnisse, sie nicht zu überschreiten. Aber Mirabeau hat Recht behalten, mein Genie hat diese Ketten gesprengt wie ein Pulverturm, der in die Luft flog und alles untereinander warf, es ist kurios mit anzusehen. Aus den vier Heften ist keins zu unterscheiden, was es behandlen soll, schon auf der dritten, vierten Seite ist's wie unterirdisch Feuer, das sich aus dem Schoss des Wissenschaftlichen hervorwühlt und wie eine Lava alles verschüttet. Das Erdreich, über das solche Lava sich ergiesst, soll am fruchtbarsten werden.
Ich hab schon sehr genug geschrieben! – Doch kann ich's nicht unterlassen, noch alles, was den ganzen Tag mich wie ein Bratapfel auf dem häuslichen Herde dem Feuer aussetzt und gar macht, hier zu notieren. – Auf die Darre bei der Grossmama komme ich auch jeden Tag ein paar Stunden, des Unendlichen unendlich viel, was da vorkömmt. – Vorzüglich eine Reise zweier Erdwürmer ihr vorzulesen, welche die Erdschichten untersuchen. Die Grossmama schluckt Kohlen, Kalk, Kreide, Kies, Kranitlager hintereinander (fünf K von ungefähr), ich bin immer froh, wenn die guten Herren ins Wirtshaus einkehren, wenn sie die Schnapsflasche herausholen und die Wurst, wenn sie die Nachtmütze überziehen und aufs Ohr sich legen, aber ich kann ja nicht mit ausruhen, ich muss gleich weiter – das ist meine peinlichste Zeit, ich sehe auch die Grossmama oft so stupid an, dass sich die Verwunderung darüber auf ihrem Gesicht malt. – Jetzt denke Dir die Emigrantenangelegenheiten noch alle unter meiner Obhut, alle Wege, wozu einer zu faul ist die Beine aufzuheben, fliege ich im gewaltigen Sturmflug hinab, hinan. Die frühen Morgentauwege, wo ich allemal mit nassem Schuhwerk heimkehre und bringe einen Strauss mit. – Und das ist doch noch nicht alles: Hühner und Hunde der ganzen Nachbarschaft wollen auch sich mit mir abgeben, und Deine Stiefelstrümpfe stellen sich nun gleich einer Heidukkenwache vor die Tür des Gartens des Lebens, "wo die wirbelnden Blüten im Winde sich drehen". – Lied komponiert von Sterkel. Adieu! –
Liebe Bettine!
Ich gebe Dir in wenig Worten eine recht erfreuliche Antwort auf Deinen lieben, tollen, wunderlichen Brief, der wie alle Deine Briefe nicht zu beantworten ist. Denke Dir – in vierzehn Tagen sehe ich Dich wieder! – Den 1. Juni bin ich in Frankfurt, und den 1. Juni ist mein lieber Freund Achim von Arnim in Frankfurt! Ritters grosser Nebenmann in der Physik. – Die eigentliche grosse Freude, die mich hinzieht, ist, dass Du meinen lieben göttlichen Arnim kennen lernen wirst und ein freundliches Bild mehr in Dein Leben tritt. Es wäre