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Spass und Freude gemacht. – Sehr artig wär's, wenn Du doch einmal Deine Träume gern näher überlegst, die Nacht drauf in einem neuen Traum den vorigen zu bedenken, bei Tag aber recht lustig und vergnügt und fleissig zu sein, denn sonst läufst Du Gefahr, einem gewissen Mann ähnlich zu werden, der sehr bewandert in der Sternkunde war und alle Augenblicke in einen Graben fiel; ja endlich elendiglich in einem Brunnen ersoffen ist, weil er immer gegen Himmel guckte; Du läufst Gefahr, dass die Leute sagen, sie ist sehr klug im Traum, aber nicht recht gescheut im Wachen. Ich bitte Dich um des Kaisers seinen Bart willen, werde nicht empfindsam, und lasse Dich nicht von dem Lied der Katzen sogar rühren, gehe spazieren, gebe Dich mit der Toni, mit der Lotte ab und freue Dich ihrer vernünftigen Kälte. Ich bitte Dich um alles in der Welt, werde nur keine Seraphine Hohenacker, die Geisterseherin! – Wahrhaftig, dann musst Du am ende verzweiflen, denn ich werde alle Tag gescheuter und unempfindsamer, es ist was Miserables um einen empfindsamen Menschen in der Welt; und zwar gerade, weil die Welt nichts weniger als empfindsam ist und einem kein Baum aus dem Wege geht oder beweint, wenn man sich ein Loch an ihm in den Kopf stösst. Wenn Du überdem wüsstest, wie man durch Kränklichkeit zu all diesen zärtlichen Empfindungen kommen kann, und dass die Besessenen und Hexen in den vorigen Jahrhunderten nicht anders als solche hypochondrische Personen waren, so würdest Du Dich noch mehr hüten, in eine solche Empfindsamkeit zu fallen. Dagegen hilft oft viel Bewegung, Springen, Singen und Tanzen, Beschäftigung, der Agnes helfen in der Küche, wenn sie allenfalls einen guten Kuchen backt, den auswäschern, kneten und in die Backschüssel hineinrunden, oder auch einen ordentlichen Aufsatz machen, selbst über die französische Revolution, wär mir lieber, und ich bin jetzt sehr bestraft dafür, dass ich dies Interesse bei Dir untergraben hab. Ich bitte Dich, wenn es noch Zeit ist, ergreif es wieder, hol Deine alten Tagebücher hervor, in denen wirst Du Anknüpfungspunkte genug finden, es war manches so Schöne, so wahrhaft Grosse darin; ja ich kann Dir sagen, dass ich manches draus erfasst habe als ganz neu gedacht und als gut gedacht, es hilft einem auch zur Vermeidung aller Liebesgedanken, das Grosse, das Wesentliche der Welt zu seinem Haupttema zu machen. Dort bist Du ja auch auf dem Boden, der Deinem Geist die wahre Elastizität gibt. – Der Empfindsame bringt auch nie etwas hervor, weil er sich keines Dinges bemächtigen kann, sondern nur von allem überwältigt wird. Ich habe überhaupt einen entsetzlichen Widerwillen gegen die Empfindsamkeit, denn sie wird über nichts empfindlicher, als wenn man sie für eine Kränklichkeit erklärt, da sie eine Feinheit der Seele sein will. Was ich aber unter Empfindsamkeit verstehe, wirst Du wohl wissen. –

Nichts vor ungut, Du weisst, dass ich Dich vernünftig liebe und es gut meine.

Es würde mich freuen, wenn Du etwas geschichte läsest, und ausserdem meistens Goete, und immer Goete, und vor allem den siebenten Band der neuen Schriften, seine Gedichte sind ein Antitodum der Empfindsamkeit. Aber als geschichte rat ich Dir Müllers Schweizergeschichte, es ist etwas Himmlisches, ich glaube, Leonhardi hat sie. Es sind zwar einige dicke Bände, aber desto länger dauert die Freude, setze Dir täglich ein paar bestimmte Stunden, wo Du drinnen liesest. – Wenn Du Dich meines heftigen Unwillens erinnerst, den ich in Offenbach hatte, so oft ich alberne Bücher bei Dir fand, so wirst Du mir das Recht zugestehen, mich sehr zu beklagen, dass Du jetzt vermutlich alles lesen magst, was Dir vorkommt. Überhaupt ist es mir sehr verdriesslich, dass Du mir nichts von Deiner inneren Bildung schreibst, mich nicht fragst, was Du lesen sollst und dergleichen. Was soll alles Phantasieren über dies und jenes, was nun einmal so ist, wie es ist. Besser wäre es, wenn Du Dein Vertrauen zu mir so benütztest, dass Du mir Einfluss in Deine Bildung gönntest. – Dass Du mich über alle Lektüre um Rat fragtestund dergleichen. –

Um eins bitte ich Dich noch in Deinen Briefen, nämlich gebe mir immer Nachricht, sobald irgend etwas Bedeutendes bei Euch vorfällt, von jeder Reise, sobald Du davon erfährst. – Meine Briefe an Dich zeige niemand, mit solchen, die betrübt sind, wie immer ohne Ursache, habe Mitleid mit ihnen, suche aber nicht etwa sie zu trösten, indem Du, beim Lichte besehen, in dieselbe erbärmliche Stimmung Dich herabsinken lässt und auch betrübt wirst. Der Umgang mit solchen Leuten ist deprimierend und zerstört alle Kraft in uns. Dass Du übrigens dieses nicht so wörtlich nimmst wie Eulenspiegel, hoffe ich. – Du könntest mir einen grossen Gefallen tun, wenn Du, doch ohne Übereilung oder Faulheit, mir ein halb Dutzend leinene Stiefelstrümpfe stricktest, aber nichts weniger als fein, sondern nur stark und derb. Toni wird so gütig sein, Dir das Garn nach Offenbach zu besorgen. Auch höre ich gar nichts mehr von Lulu und Meline, es tut mir leid, dass Du von diesen Deinen treuen Gespielinnen gar nichts zu schreiben weisst. Schicke mir doch mit umgehender Post einige Lot der besten schwarzen Kreide, auch etwas weisse, auch englische ist mir lieb; es ist für einen armen Jungen hier, der ganz