das nichts von sich weiss, und das mit einer von beiden zu sterben beginnt. Wenn wir mit Kaprize das Leben festalten wollen, so resignierte das Leben schon auf uns und ist im Abmarsch. – Wenn wir resignieren, so sind wir im Abmarsch, und das Leben hat die Kaprize, uns nachzulaufen oder nicht, und beides ist eine gegenseitige schlechte Koketterie, bei der man die Zeit verliert. Denn dass wir so oder so leben, ist grade der Beweis, dass wir so leben wollen und sollen, solange wir wollen; da das Leben die Durchdringung des Geistes und Stoffes ist, in der sich nach ewigen Gesetzen grade die Lebenserscheinung konstalisiert, so ist's in allem. Das ganze Leben kehrt in sich selbst zurück, und wo wir schon so in uns selbst zurückgegangen sind, dass wir von uns selbst und also von keinem Ding uns mehr getrennt denken können, heisst es, sei der Tod; der Tod aber ist in jedem Momente des Lebens, da das Leben nichts ist als das ewige Zurückkehren und Hervorgehen des Lebens aus und in sich in demselben Momente. – Ebenso ist das Leben in jedem Momente des Todes, denn Leben und Tod sind eins; um leben zu können, muss man ewig sterben, und um sterben zu können, ewig leben. Die Ansicht vom Leben im Gegensatze vom Tod ist eine sehr beschränkte Ansicht, und etwa so, als klage ein Handwerksbursch über die Flüchtigkeit der Zeit, weil der viele Spass am blauen Montag ihm den seinen so kurzweilig macht. Alle Menschen, die ihre eigne Biographie für ihr Leben halten und so lange einen Menschen für lebendig halten, als seine Stelle nicht vakant ist, sind solche Handwerksburschen, und ihr Leben sind blaue Montage. –
Wir leben nur durch das Bewusstsein unseres Lebens, aber ohne alles Leben überhaupt haben wir kein Bewusstsein, und wir leben daher nur durch die Ewigkeit des Lebens, die alles Leben ist und jedes Leben.
So gibt es denn nur ein Leben. Damit übrigens etwas lebe, muss es im Momente erscheinen und also von der Zeit gefesselt sein; insofern also unser eigentümlich Leben im Momente liegt, ist es in diesem von der Zeit gefesselt, und hinter jedem Momente liegt dessen Tod; der Tod also befestigt das Leben in der Zeit, die Zeit aber selbst ist ein Produkt von uns, denn wir können eine Ewigkeit denken, also liegt der Tod in der Ewigkeit, und Leben ist nichts als die Ewigkeit, die wir uns zueignen dadurch, dass wir uns ein Stückchen von ihr mit einem hinten vorgehaltnen Tod auffangen. – Doch ich kehr zu Dir zurück, liebes geliebtes Kind, ist doch diese Reflexion schon eine Sünde gegen Dich, ich habe in Dir meine Ewigkeit so schön gefangen, dass ich nicht länger grammatisieren darf; da das Leben der Sprache ein Gedicht mit mir lebt, das Du bist, Du Lied vom weib, von Liebe und von Gott. – Dass ich Dich so liebe, dafür danke Gott, wenn es Dich glücklich machen kann, ich danke ihm auch um Deiner Liebe willen. Es ist ein grosses Erbarmen von ihm, dass er uns alles in einander gegeben hat, und wir dürfen nicht stolz darauf sein, denn es ist nur Gott, den man liebt, den Gott im Menschen, und je schärfer und tiefer wir blicken, je mehr erkennen wir ihn, und je ruhiger und einfacher wird die Liebe. – Etwas Rührendes liegt in unserer Liebe; wenn ich Dir ernst über lebendige Stellen meines Lebens spreche, die nun gestorben sind, und wenn ich Deiner gedenke! – Aller Lärm wird dann stumm, alle Menschen werden mir steinern neben Dir, und dies Stille erwacht in eine Musik, ich möchte sie eine innere Musik nennen, die sich selbst hört. Wenn ich aufrichtig sein soll, spreche ich mich gegen niemand gern aus als gegen Dich, denn Du verstehst mich und freust Dich meiner. Mit den andern Menschen verbindet mich nichts als ihre Seltenheit. – Gute Nacht bis morgen! –
Clemens
Sollte die Günderode Dir einen sehr wunderbaren Brief von mir zeigen, so verwundre Dich nicht, ich bin begierig, was sie darauf spricht.
An Clemens
Es geht schlecht mit meinem Witz, Dein Brief ist wie der Blitz in mich eingeschlagen, und ich kann Dir Neues davon sagen, wie das einem tut! – Gar nicht – tut es einem. Geist samt Eindruck verschwunden! Erst hab ich mich besonnen, ob ich nicht Dir diese Lähmung verschweigen solle, dass ich nämlich mit Deinem Brief nichts anzufangen weiss und lieber Dir etwas vorzaubere vom Frühling, der hier gar nicht schlecht ist. Gibt's der Tage viele wie der gestrige Sonntag? – Himmelsbläue – unendliche! kräftige! vom Sonnenfeuer durchglüht, die Bäume vermählten ihre Schatten einander, alles im schönsten Frieden lautloser Stille, – die Orangen warfen als ihre Blüten herunter, – da hab ich gelegen im Boskett und alle Blüten aufgefressen, konnte nichts mehr zu Mittag essen, die Grossmama frägt, ob ich krank sei, in der Nachbarschaft sind die Rötlen. –
Dein Brief kam um zwei Uhr, ich wollt ihn studieren unter jenen duftenden Bäumen, ein narkotischer Balsam strömte aus seinen weisheitsvollen Blättern, der Sonnenschein ging, ich hatte den Brief nicht bedacht, aber beschlafen, aber doch blieb mein Begriff gelähmt. Der Mond kam, und der Tag war noch nicht vergangen, ich ging zum Gitter im Boskett, wo die Blumen alle