wer Teufel versteht es), aber es ist doch unendlich schön und reimt sich mit meiner lebendigen Seele.
Mir sind Ritters Briefe ein Zauberspiegel seiner Geistesnatur! Nichts von Ordnung darin. Aber "jeden Nachklang fühlt mein Herz" reimt sich auf diese Ausserordnung. Jeder Halm auf der Abendwiese wiegt sich in diesem Nachklang, und darauf reimt sich: "Es steht von goldnen Blumen die ganze Wiese so voll", und es ist schön, wie sie aus seinen Briefen mir zunikken, und das ganze Seelengeheimnis ist nur ein ewig Blühen und Fruchtbringen der natur, an dem der Vergleich des Herkömmlichen stumm vorübergeht; – es hat keinen teil an ihm. – Im Geheimnis ist der Mensch frei, er hat keinen Richter, sein Gewissen hält Wache für ihn auf der höchsten Höhe. Und übersieht und erkennt und erreicht alles, was dem Gewissen der Vorurteilsmenschheit ein furchtbarer Kampf ist.
Wer Ewigkeit glaubt, hat die Unsterblichkeit. Wer dem Geheimnis nicht einverleibt ist, hat keine Existenz. – Ich hab das antworten wollen auf Deine kunstvertiefte Schauung; und ich hab sie gar nicht verstanden und wieder gelesen und noch nicht verstanden. Und endlich hab ich aber gemerkt, dass ich mich immer zerstreuen liess durch einen schmalen Lichtstreif, der durch ein Astloch des zugemachten Ladens fiel, quer über meinen Schreibtisch, in dem tanzte der Demantstaub des Lichtes, und ich sah ihren Kontertänzen zu, anstatt nachzudenken über das, was ich nicht gleich verstand. – Jetzt hab ich aber dem Astloch den rücken gewendet. Und da hab ich mich besonnen, so scharf ich vermochte. Da sagst Du: "Es gibt nur ein einziges Leben, denn das Leben all ist ein gelebtes." – Ja, Clemens! – Ein gelebtes, wo jeder Atemzug ewig drin fortlebt. – "Die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich." – Ach, darauf hab ich mich stark besonnen; und immer schwankt's. – – Und jetzt weiss ich's! – Oder weiss ich's dennoch nicht? – Ein ungelebtes Leben! Mein Gott! Meine Götter, zu denen der Geist alle Sinne alle Augenblicke die Tempelstufen hinanträgt. – Wie die Lichtstäubchen dort den Sonnenstrahl hinantanzen, – in denen aller Geist sich einwebt oder auflöst. Ist das die ungelebte Kunst, die nicht möglich ist im Leben, – so lebt doch der Geist einzig in ihr und steigt bis zur obersten Sprosse der Himmelsleiter mit starkem Willen; – mir ist bang, sie muss ihm nachgeben. – Still! Hier verwirrt sich's! – "Das einzige Wissen ist das, dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte." Ich schäm mich, eine Antwort zu suchen. – Und doch hab ich sie: Das einzige Wissen ist der liebende Geist, die einzige Kunst ist das des zu liebenden Göttlichen, was des Geistes Streben an sich reisst durch seine magnetische Kraft. Die Kunst also ist ungelebte Magnetkraft, die alles Leben an sich reisst. – Ach! – In der fernsten Ferne meines Lebens sehe ich, fühle ich diese Magnetkraft mich beherrschen, – sie ist Kunst in sich. Feuerkraft ist sie, dem Geisteswillen sich zu unterwerfen. Das Ungelebte zwingt das Lebende! – Bist Du's zufrieden, Clemens? – – Adieu.
Bettine
An Bettine
liebes Mädchen! Hier ohne Dich zu wohnen, wenn ich das aushalte, so darf ich mich meiner Stärke rühmen. – Ach, wo ist's in der Welt wieder so schön als hier in diesem Frühling hoch in den Lüften zu schweben, dem Himmel so nah, dass jedes der sechs Fenster meiner stube eine prächtige Landschaft unter Rahm und Glas bringt. Nur das Grosse der Stadt berührt mich; die Türme sehen mir in die Fenster, und die Stadtuhren sind meine Wanduhren, ich kann nichts tun als an Dich denken, Dein Bild hinhalten. Der Frühling flieht von meilenweiten Bergen über die blühenden Felder und den sanften Strom und die klingenden, singenden, schwingenden Wälder her zu mir; und bringt Blumendüfte, Farben und Klänge mit, all herein zu den sechs Fenstern, und da halte ich Dein Bild in die Mitte, dass es der Reichtum der Jugend umwalle. Ach, warum bist Du nicht da? – Ich bin entsetzlich ungeduldig um Dich! – Überall entbehre ich Dich, und selbst an Dich zu schreiben macht mir Schmerz, weil Du mir auch dazu fehlst! Ja, zu den Gedanken an Dich, zu Dir selbst fehlst Du mir. Und wenn Du da wärst, so wärst Du überall in der Herrlichkeit. – Und alles Sprechen ist nicht wert, ein Wort darüber zu verlieren, so wie alles Schiessen keinen Schuss Pulver wert ist. – Wenn ich Dir sagen soll, wie es hier ist, wie es mir ist, wahrhaftig ganz anders als beim de Gabrielli, der Sonn und Mond, Wald und Tal und Ferne und Sturm auf ölgetränktem Papier uns so deutlich vormalte, und wir uns beide freuten so herzlich darüber. Nein, es ist auf dem Papier nicht zu erschwingen, was ich brauchte, Dir zu sagen, was man hier in einer Minute empfinden kann, ich müsste in einer Minute wahnsinnig und gescheut, dichtend und liebend und spottend und lebend und sterbend sein, um Dir dies Leben recht wieder zuzuströmen. Das Haus mitten in den Berg gebaut, aus allen Stockwerken in den Garten, selbst aus dem Keller. Wenige Schritte oben das prächtige Schloss