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und verzeih mir alle Schwächen, die ich heute so stark in mir fühle. Ich habe heute Morgen den Savigny persuadieren wollen, Dein Bild anzusehen und es schön zu finden, ich machte einen Versuch, ihn zum Sprechen zu bewegen, allein er sagt partout nichts. –

Lieber Clemens!

Der Savigny kann wohl ruhig Dir zusehen, wie Du schwärmst für ein Bildchen, das zwar nur gemalt auf ein kleines Brettchen doch Deine Schwester Dir lieblicher ins Gedächtnis ruft, als sie wirklich ist. – Der Savigny sieht still dem zu, wie Du und andre ausgreifen nach Glück, und tausend Missverständnissen dadurch begegnen; seine Glückseligkeitslehre geht ungestört über dem Gewirr Eurer phantastischen Neigungen weg, er sieht Eure Freuden und Leiden wie Tag und Nacht wechseln, denn wie könnte er Anteil nehmen an dem neugefundnen Glück, dass Ihr jeden Augenblick aus dem grossen Ozean der Zufälligkeiten herausfischet und gleichgültig wieder in diesen Ozean hineinfallen lasset, was Euch im ersten Augenblick geblendet hat. Ihm aber wächst im heimlichen Grund eine Blume, die nicht verblüht, Du nennst sie seine Studiermaschine, ich nenne sie seine Muse. Was er hört und sieht, das entgleitet seinen Sinnen wieder, sobald es nicht Bezug auf sie hat. Und das ist natürlich, was Dir unnatürlich deucht. Und wo er fühlt, mag er nur sich selber in diesem Wirken fühlen, seine Muse führt ihn mit freundlichem Anstand die Berge hinan, die andre unersteiglich finden, und bereitet ihm die Ordnung, die er notwendig fordert, wenn er sich einheimisch bei ihr fühlen soll, es muss ihr doch was an ihm liegen, sonst pflegte sie ihn nicht mit dieser Sorgfalt. Drum soll Dich auch sein Stillschweigen nicht verdriessen, denn Du und ich sind ausser aller Ordnung. – Das nennt er nun Verschliessen, – dass seine Ordnung mit Deiner Ausserordnung die Grenzscheide zieht. – Du bist ungerecht, ihm das zu verargen, aber Dir ist's zu verargen, dass es Dich ungeduldig macht; ich bitte Dich, was fragst Du danach, oder wie ist's möglich, dass Du nachträglich noch melancholisch darum sein kannst. – Welche Freude hab ich, wenn er mir schreibt, auch nur wenig Worte, seine Briefe sind mir Heiligtümer, aber welche Freude hab ich, auch wenn er nicht schreibt, an dem reinen Himmelsblau, das die schwarzen Schwalben durchjauchzen heute zum erstenmal, die alte Kordel freut sich und liest aus ihrer frühen Ankunft einen warmen Sommer, ihre neunzig Jahre sonnen sich gern. Wie schön ist's an ihr, dass sie an allem sich freut. Ja, es gibt viele Lesearten von dem, was die Seele begehrt. – Und alles tönt in die Wahrheit, die in Dir selber erklingt, und dazu kann Savigny immer schweigen. Was er Dir wörtlich sagen könnte, das ist nur Nebensache gegen diesen Hauptinhalt des Schweigens oder Nichtssagens, worüber Du klagst, dessen doch sein inneres Leben bedarf.

Ich bin nicht neugierig, was innerhalb seiner Geistesburg vorgeht; so wenig als auf das, was innerhalb von Klostermauern vorgeht. Wer einmal weiss, alles geht innerhalb der vier Wände der Ordnung, wie kann der noch Kunde davon haben wollen und sich kränken, wenn keine erschallt.

Weisst Du, es ist heute der 7. Mai, geh in den Wald, lausch der Nachtigall, die drauf losschmettert, trotz dem "schweigenden Haine", sie durchschallet das Revier allein, und allein hört sie begeistert sich zu. Schweigt, Ihr Nachbarn, denn sie antwortet eben ihr volles Leben dem Frühling, der hat sie darum gefragt. Mit Savigny und Dir ist solch Frag- und Anwortspiel nicht, wie der Frühling und die Nachtigall haben. – Was willst Du nun noch? – Du bist im Unrecht, und er ist im Recht in seiner Stummheit. – Du aber, Clemens, darfst nicht verstummen, Du lockst wie ein Vogelsteller die zärtlichen Waldsänger; o wer hat nicht Lust, ein Vögelchen in der Nähe zu sehen, zu haschen und zu liebkosen und dann wieder fliegen zu lassen. Du lockst mir sie herbei, die das Naturleben so glücklich, so ganz ergötzlich bevölkern. –

Die Briefe Deines Ritter! – Er singt ja zu mir! – Und Du hast mir's ganz verschwiegen? – Und jetzt bitte ich, schick ihm die beiliegenden Zeilen. –

Clemens! – Ich weiss, dass eine ganz eigne Polizei existiert, womit man die jungen Mädchen verfolgt. – Und das nennt man in der Ordnung. Und aber Ordnung umfasst nicht das Ausserordentliche, das sich reimt mit dem Göttlichen. Ordnung ist hölzern, sie kann sich nicht reimen! – Aber Göttlich und ausserordentlich reimt sich. Die Purpurröten! Sie wogen, sie durchleuchten und färben reizend die strömenden Lüfte, lasse sie das freie Blaue in sich trinken! –

Lieber Ritter! Dem Clemens zum Trotz zaubere Du doch ein wenig Rot mir in die blaue Ferne, ich schlürfe es wie das rote Blut der Traube, und wenn ich auch ein wenig trunken träume! –

Clemente, ich muss Deiner lachen! – "Wie sie so sanft ruhn, alle die Seligen." – Dies Lied fällt mir eben ein. – Ja, es ist in der Ordnung, dass sie ruhen, und es reimt sich nicht auf mich, die singt: Du, o Dionysos, umschlingst die Seele und trägst aus purpurtrunknen Gluten sie hinüber ins ewig frische Blau! – Das ist nicht in der Ordnung (denn