Pfad ist steil und schwer,
O Lieber, Herzlieber in Lüften,
O wenn ich bei dir wär!
Wohl bei dir über Wolken,
Wohl bei dir über Wind,
Wo fromme Vöglein schweben
In Himmelsluft so lind.
Meine Flüglein, die sind mir gebrochen
Und heilen auch nicht eh,
Bis ich zu der Herzliebsten
Durch Tür und Tor eingeh!
Dass ich so stolz in Lüften
Mein Haus gebauet hab,
Das muss mich gar betrüben,
Ich kann nicht mehr hinab;
Die Riegel sind alle verrostet,
Die Tore, sie gehen so schwer
O Liebchen, Herzliebchen im Tale,
O wenn ich bei dir wär!
Wohl bei dir in dem Garten,
Wohl bei dir in dem Wald,
Wo dichte Bäume stehen
Und Vogelsang erschallt.
Ich kann kein'n Kranz mehr flechten
Und singen auch nicht eh,
Bis ich zu dir, Herzliebste,
Durch Flur und Wald eingeh.
Sie dringt wohl durch die Wolken,
Geht ein durch Tür und Tor,
Die Flüglein schnell ihr heilen
Und heben sie empor,
Wohl über die Wolken und höher
Zu Gott wohl in die Höh,
Trägt sie das treue herz,
Ade, Herzlieber, Ade! –
Er dringt wohl durch die Wolke,
Geht ein durch Flur und Wald,
Ein Kranz wird ihm geflochten,
Ein Lied ihm auch erschallt,
Wohl unter dem Baum und wohl tiefer,
Wohl unter grünem Klee
Ruht nun sein stolzes herz,
Ade, Herzliebste, Ade! –
Mach doch eine Melodie darauf. Dein Clemens Und nun schliesse ich den Brief, als ob ich das geringste Dir geantwortet hätte auf alle Liebkosungen Deines Geistes, die in Deinem Brief in so schöner Konsequenz einander folgen. Deucht mir doch, als habe Gott Berg und Tale und alle Schönheiten der natur in so lieblicher Verwirrung untereinandergeworfen, als Deine Weisheit ihr gleicht, und die Gachet hast Du so warm in Deine Begeistrung eingebettet, als sei sie Dein Gast, dem Du den Ehrenplatz einräumst.
Du machst mich dennoch reich, obschon Du mich auch marterst, denn ich verbringe viele Stunden einsamer Zeit mit Nachdenken über einzelnes. Deine letzte Erzählung vom Töpfer hat mich wieder auf alte Sprünge geführt, ob Dein Platz nicht auf eine Künstlerwerkstatt sich beschränken möge! – Und doch könnte mich Deine Zukunft anklagen, Dich beschränkt zu haben mit diesem Begriff. Das Wort ist das allumfassendste Element, das den reinsten Genuss gewährt, aber auch ist es das gewagteste, aber wer kühn ist, der muss ein Feld dazu haben; – Du bist zu allem zu lebendig, schreitest über alles hinaus; Lernjahre kann ich Dir gar nicht zudenken, reflektieren. – Ach Kind, es ist was Trauriges, lies dies Blatt, was ich hier beilege, und was ich an meinem mondhellen Schreibtisch schrieb, gestern, als ich Deinen Brief in der Dämmerung zum zweitenmal überlesen hatte und über Kunst und Deine Verwandschaft zu ihr viel gedacht hatte.
Sobald wir geschichte der Kunst sagen wollen, setzen wir eine einzige Kunst voraus, die aber nur idee ist und als Kunst nie existiert hat, denn es liegt eine historische Unmöglichkeit in der Totalbildung aller Menschen, und sobald diese eine Kunst soll dagewesen sein, müsste diese Totalbildung dagewesen sein, und nach meiner Meinung ist nur nach dem Ende der Welt eine solche einzige Kunst dagewesen. Es gibt keine einzige Kunst, denn die Kunst kann nie gewusst werden, und nur die Künste waren da. – Diese einzige Kunst kann nie gedacht werden, denn solange noch gedacht wird, ist die Kunst noch nicht bewiesen einzig, da das Denken in der Kunst aufgehoben sein und als Gedachtes erscheinen muss. Es gibt ein einziges Leben, denn alles Leben ist ein Gelebtes, die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich. Das einzige Wissen ist das, dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte; da aber diese totale Kunst das ganze Wissen aufheben würde, indem diese sogenannte einzige Kunst das ungewusste Wissen ist, so kann diese einzige Kunst nur im allgemeinen tod liegen oder im allgemeinen Nichtwissen, wir wissen von keinem Wissen als durch unser Dasein, unser Dasein ist unsere Trennung von dem Äusseren durch die Sinne. Unsere Sinne sind der Gegensatz der Kunst oder der Künste, und je höher unsre Sinne gebildet sind, je mehr Künste sind da, denn jedem Grade des Wissens ist eine neue Kunst entgegengesetzt. Die Kunst ist also nimmer da als lebendig, sondern als Tod. Denn blosses vollendetes Dasein ist Tod, – Schönheit ist Tod – jede angenommene Kunst als einzige Kunst kann also nur ein verlornes sein und daher alle Erhebung, alle Rührung bei echten Kunstwerken nur religiös und nicht künstlerisch. Kunst ist daher Bedingung der Religion, wie Religion Unbedingung der Kunst; und Kunstwerk ist Bedingung dieser Bedingung in der Erscheinung. Wie Erscheinung Bedingung einer gewissen Konstruktion des Wissens ist; aber nie des totalen Wissens, denn dieses ist Nichtwissen, weil zum Wissen keine Gleichheit, sondern Sieg gehört. Es gibt also nur Künste, und Sterben ist nur der Sieg des grösseren zu wissenden Tod oder der allgemeinen Unsterblichkeit.
Freundschaft hat allein keine Gotteit, weil sie übersinnlich ist! –
Hier fielen mir die Augen zu; grade im Augenblick, als ich Deinem Genius widersprechen wollte, der in einem Deiner früheren Briefe Dir diktierte, Freundschaft sei Brudermord.
Ach, ich bin matt und müde und höchst traurig. – Der Geist Deines Briefes ist stark kompromittiert durch den meinen, dass er Dir nicht besser zu entgegnen weiss. Adieu, lieb mich