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die schändlichsten Blössen und werden meistens sehr verächtlich; dies ist sehr häufig bei den Weibern der Fall, die nach der bürgerlichen Ordnung, die jetzt sehr in Verfall ist, nichts als die Repräsentanten der erbärmlichen Bildung, die eigentlich das künstlerische Personale des praktischen Standes geworden sind. Ich wollte, hätte ich Zeit, leicht beweisen, dass alles Übel, häusliches und körperliches und geistiges, bloss durch das dumme Bestreben nach Geschmack, der Tochter der Verachtung der Künste, entstanden ist. Ich verstehe hier bloss das Verderben der Töchter, worüber von Familienvätern und ältern Brüdern, ja oft von den Verderbern selbst geklagt wird, und ich will gerne als Märtyrer für die Aussage sterben: kein treuer und unschuldiger Greis und Vater kann würdigere Tränen weinen, als um den Untergang der Religion; – so ganz, was der kräftige unschuldige gemeine Mann Religion nennt, nicht das neue Wort. Die Weiber oder Mädchen, sagte ich, sind die kränksten an dieser Afterbildung, ihre krankhafte unbefriedigte Laune ist Empfindung, ihr Fieber Begeisterung, ihre Sittenlosigkeit wird Philosophie. Ich sagte, sie bedeckten ihre Lumpen mit Bildung, und setze hinzu, dass sie dadurch meist sehr lächerlich werden, indem sie nur entblössen, was sie bedecken wollen. Die Bildung ist nichts als der höhere Glanz der Nackteit, die die freie Keuschheit der Schönheit ist. Nun aber heisst, sich mit Bildung ausflicken, nichts als die Löcher im Gewand mit einer Laterne beleuchten, denn die Bildung ist durchsichtig, und um so mehr erscheinen daher heutzutag die meisten gebildeten Mädchen äusserst miserabel, als sie grad darin die Ausbesserung nötig haben, was das Heiligste des Menschen ist, im verstand, der Liebe, im Herzen und der Zucht; und ich möchte sie die Laterne nennen, die die schlechten Strassen unsrer Städte nicht so erleuchten, dass man sie sicher durchwandle, um nicht den Hals zu brechen, nein sie leuchten nur, damit man diesen Dreck bewundere, denn dies ist die Prätension dieser kleinstädtischen Dummheit (ich sage kleinstädtisch auch von Paris in Hinsicht des Universums). Lass uns ihnen zum Trotz, meine liebe gesunde Bettine, ihre unsaubere Illumination nicht betrachten und kommen wir darauf zurück, dass alle die Abscheulichkeiten, die ich Dir hier zeigte, nur Folgen der Lüge sind, von der ich zu sprechen ausging, und dass wir deswegen Freunde sind, weil wir das bessere Leben unsrer Sitten, unsrer Gefühle, unsres Fleisses in Geselligkeit hinbringen und mit zu dem grossen geheimen Staat der vortrefflichen Menschen gehören wollen; willst Du aber hier in diesem land mein Nachbar sein, so darfst Du mir nicht eine einzelne Art von Reflexion bloss hinstellen, darfst nicht allein mir danken, wenn ich Dich grüsse, Du musst ordentlich hübsch mit mir schwätzen, denn was so mit Deiner person vorgeht, ist mir meist unbekannter und oft wissensnötiger, als was mit Deinem Gemüte vorgeht, drum schreibe mir jeden Schritt und Tritt von den Menschen, die mit Dir sprechen, was Du über diesen und jenen empfindest, was Du plauderst; denn ich habe mich nicht wenig geärgert, dass Du mir nicht erzähltest, dass Du bei Leonhardi getanzt, und wie Du dort warst, dass die vortreffliche Duchaget mit Dir sprach, die mir sagt, es sei Deine Pflicht, mir darüber zu schreiben, dass Du lange in Frankfurt warst, von allem dem nichts? In Deinen Briefen ist oft ein Ausbruch von Rührung über meine, aber ich will nicht Dich rühren, ich will durchaus, dass Du Dich selber rührst, das heisst, dass Du vor meinen Augen herumspringst wie ein junges lustiges Mädchen; Deine allzugrosse Ernstaftigkeit gegen mich musst Du Dir nicht so ernst werden lassen, sonst kömmst Du in Gefahr mich hoch zu schätzen, und dann bist Du auf dem graden Weg des Kindes, das aus besonderer achtung gegen den beinernen Löffel nie Selbstessen lernt, und am Ende kannst Du doch nicht immer Brei essen, der Mensch ist ein fleischfressendes Tier, und da hilft kein Löffel, und das Vorkauen wird ekelhaft. Lebe wohl, schreibe, sonst schreibe ich nicht mehr, oder bist Du krank, hast Du alle meine Briefe nicht erhalten, ich verstehe es nicht. Noch eins, hüte Dich sehr aufzufallen, sei oder scheine stets in der Gesellschaft lieber dumm als vorlaut und mit dem Händeklatschen der Toren belohnt, es verführt zu einer miserablen Selbstgefälligkeit, die alle Fortschritte auch bei dem besten Willen tötet, und kannst Du es nicht in Dir dahin bringen, so vermeide lieber die Menschen, denn es ist entsetzlicher, von gemeinen Menschen für genialisch als für einen Narren gehalten zu werden, am besten aber für einen guten ruhigen Menschen.

Dein Clemens

Soeben schreibt mir die Toni, wie sie Dich besucht habe, sie habe Dich munter und fleissig beschäftigt gefunden, aber Du sehest übel aus; wie ist Dir, liebes Kind, hast Du Kummer, quält Dich etwas, Du weisst nicht, wie mir der Gedanke meine Ruhe nimmt, Du seist bang und ängstlich im inneren; ich bitte Dich um alle Liebe, um alles, alles, giesse mir Dein Herz aus.

Dein Clemens

drei Briefe hast Du, diesen lasse der Toni lesen, wir müssen Freunde haben, sie liebt uns.

An Clemens

Der verminderte Septakkord hat seinen Satz auf dem Leitton des Grundtons.

Kleine 3.

Falsche 5.

Verm. 7. Die erste Versetzung auf der Sekunde des Grundtons: Quintsextakkord,

die zweite auf der Quart: Terzquartakkord, die dritte auf der Sext