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ihre harmonische Bildung in das Gewebe der Weltereignisse sich mit als ein notwendiger Faden einwirke, und Du meinst, es ist zu schwer für mich, das zu verstehen? – Lieber Clemens, dies alles spricht ja laut genug und täglich und stündlich zu mir! – Aber! – Freilich, ein grosses Aber fährt aus blauer Luft ein Blitz auf mich ein! Und ich schäme mich, meine Gedanken vor Dir auszusprechen. Wie soll ich denn anfangen? – Ja, ich müsste Dir von meiner Verwundrung sprechen über alles, was ich sehe und höre in der Welt! Über die Lehren, die jene Leute mir geben, die mich zu einem angenehmen und liebenswürdigen Mädchen erziehen wollen. Das kommt mir aber gar nicht angenehm, sondern sehr horribel vor, was andre Leute wohlerzogen oder gebildet nennen. Ach, und Du meinst, ich könnte diesen Anstandsforderungen genug tun? – Ach, Clemens, weisst Du, dass mich dies alles ganz dumm macht? – Ich verstehe entweder Deine Briefe nicht, oder alles, was Du willst, läuft stracks dem zuwider, was jene heischen! – Und ist das nicht eine sklavische Art des Seins, vor andern Menschen sich zu benehmen, und wird die Seele sich nicht an das Knechtische gewöhnen, die den Konvenienzen auf Kosten ihrer reineren Gefühle nachgibt! – Ich bin so ärgerlich, es hat mich was gekränkt. Das junge Mädchen, was uns sticken lehrt, ist eine Jüdin, sie heisst Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name, und ich fand letzt das erste Sträusschen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz früh zu ihr, um sie damit zu überraschen, ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie war beschämt, ich aber gleich nahm ihr den aus der Hand und sagte: "Ach, lassen Sie mich auch ein bisschen kehren." Da kam so früh schon, denn es war noch nicht sieben Uhr, der Hofmeister vom Eduard Betmann vorbei, der musste es der Tante gesagt haben, dass er mich vor der Haustür eines Juden auf offner Strasse kehrend fandich muss jetzt lachen; denn es ist auch recht lächerlichich will Dir die derbsten Ausdrücke von der Tante ihrer Merkuriale ersparen, sie meinte nur, ich sei verloren, für ein besseres Dasein verloren, ich habe mich gänzlich weggeworfen! Vous n'avez point de pudeur, point de respect humain, on vous trouve balayer la rue main en main avec une juive! Ich musste lachen! Nein, ich konnte nicht anders. Du weisst, ich fürchte die Tante und mag sie nicht gerne beleidigen oder reizen! Cachez vous devant le mond, qu'on ne lise point sur votre front les deshonorants signes de votre effronterie. Ach, ich musste noch einmal lachen, die Tante ging hinaus! Ich hätte sie gern wieder gutgemacht, keine Möglichkeit, ich fühlte, dass ich mich nicht ernstaft stimmen konnte. Die Bahn war plötzlich gebrochen, ich glaube, ich werde nie wieder dazu kommen, ihre Anstandsregeln zu respektieren. – Ach, und wenn Du wüsstest, wie hübsch es bei dem lieben Veilchen war! – Da war alles schon so sauber im Stübchen, ein kleiner Kaminherd, auf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Frühstück für den Grossvater, der sass dabei und strich seinen langen weissen Bart durch die Finger, Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schön in einen rosinfarbenen Sammet, so nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt, und sie bekommt dann viel Geld, wenn es fertig sein wird. Sie ernährt ihren Grossvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbnen Bruder, denen ist die Veilchen ganz wie eine Mutter, ich half ihr sticken, es ward recht gut, denn ich hab Augenmass und mache die Stiche sehr egal. Alles, was mit dem Geld angefangen werden soll! – 20 Louisdor! – Da ist so viel zu bestreiten in der Haushaltung, vom Hemd bis auf die Schuhe und Schüsselchen und Töpfchen, und der Herd, der eingefallen ist, und die Ofenplatte geplatzt; das muss geflickt werden und das Wohnzimmerchen frisch geweisst, wo die Leute eintreten, um die Arbeit zu bestellen. Veilchen ist von der Gattung Mädchen, die einen Nelkentopf vor ihrem Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen, die auch wohl ein Myrtenbäumchen zur Blüte bringen, aber kein Kränzchen daraus winden. Es wär auch schade, meinte sie heute morgen und lächelte. – Wir waren so vergnügt zusammen beim Sticken, ich fädelte die Flittern und Goldbouillon auf einen langen Faden, da ging die Arbeit viel geschwinder; wenn sie solche Hilfe hätte, meinte sie, dann würden die Sorgen ihr nicht so leicht über den Kopf wachsen; ich bat sie, dass sie mich alle Frühmorgen mit soll sticken lassen, dann wird's gewiss acht Tage früher fertig. Früh um vier Uhr geht schon die Sonne auf, da kann ich sticken bis acht Uhr, dann muss ich zur Grossmama zum Frühstückjetzt wird's aber die Tante nicht erlauben, denn weil ich die Gass' gekehrt habund sollt ich's heimlich tun, das wirst Du mir nicht erlauben, und sollt ich's gar unterlassen? das will ich nicht. Mein Wort brechen, einem Mädchen, was seinen Grossvater ernährt und seine Geschwisterkinder? – Sie weiss nichts davon, zum Tanze zu gehen oder schön geputzt in