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anführte, nur das praktische Leben haben und daher nie biographische Personen werden können, man müsste dann als Kunstprodukt einen einzelnen betrachten, nicht um ihn, sondern bloss um die Umstände seiner Zeit an ihm zu erlernen, denn diese Leute sind unglücklich genug, nichts als ihre Umstände zu sein, deswegen sind sie doch ebensowenig verächtlich als die Irokesen, obschon weniger merkwürdig. Sie sind die Besitzer des zeitlichen Lebens und werden auch bei der grössten Frömmigkeit nie selig werden, da der Himmel nicht zukünftig, sondern von jeher und ewig ist und in nichts anderm besteht als in dem Verstehen und Besitzen der Harmonie. Wir erwerben durch Tugend den Himmel, wir erringen durch Fleiss die Kunst, wir lernen durch Harmonie die Musik, wir gebären sie endlich selbst in leichter, ewig voller und ergossner und empfangener Lust des ewigen Lebens, das ist gleichbedeutend. Jene aber sind weit entfernt hievon und verhalten sich, wie das gebogne Holz, das noch am Stamme grünt oder dorrt, zur schön geschwungenen Mutter der Töne und der Liederder Lyra im arme des Sonnengottes. Aber auch der wilde Wald rauscht und grünt und ist lieblich oder mächtig, wenn ihn ein empfindend Gemüt begreift, aber er ist nichts ohne dieses. Hier trennt sich der Weg, und ich sage Dir, wo es recht ist, jene Menschen zu vergessen, und wo es recht ist, sie nicht zu verachten: wo Du mit dem Höchsten an sich, mit dem geist das Wesen des Geistes betrachtest, wo Du betest oder dichtest oder liebst, sollst Du jener vergessen und ständest Du unter ihnen; denn man soll auch im Haine Gott anbeten und die Bäume vergessen. Betrachtest Du aber die Welt historisch, so darfst Du sie ebensowenig verachten, um nicht in lächerliche Sentimentalität zu fallen, als der ins Lächerliche hineinfallen wird, der einen Acker verachtet, auf dem die Mäuse ihre Kornspeicher haben. Nur auf einem Punkte ihrer Erscheinung können sie mehr lächerlich als verächtlichdoch, wenn es etwas lange dauert, etwas fatal werden. Es ist dies der Fall, wenn sie sich auf Augenblicke emporheben, wenn sie von Bildung reden und Geschmack haben wollen, besonders erscheint dies in den Menschengattungen, in denen das praktische Leben am kondensiertesten ist, die nur eine Berührung mit dem Äussern kennen, die nichts wollen als brauchen, die den Geschmack, um ihn zu brauchen, zur Mode herabschänden und sogar auch manchmal jenes zweite Leben, das sie nicht haben, brauchen und es zur lächerlichsten Grimasse herabwürdigen, bis ein solcher das schimpft, was er nicht kennt, und verliebter, dürstender zu seinem praktischen Leben zurückkehrt. Auffallend ist es zu bemerken, wie er immer zu triumphieren scheint, und wie dieser scheinbare Sieg manchen an dem Kampf nach dem Vortrefflichen erlahmen macht, der sich dann in den Sold begibt, der für kein Vaterland und keinen Himmel streitet, der nur kümmerlich das Leben erwirbt und keinen Himmel. Doch scheint er dies nur, und so sehr uns oft der unwillige Ausruf gerecht scheint, die Kunst gehe betteln und die Dummheit grase, so halte ich ihn doch für die Erfindung einer sehr gemeinen Ansicht, und er hat sich auch schon als solche charakterisiert, da er nun schon ein Gemeinplatz geworden ist. Die Kunst geht nie betteln, wohl aber der Künstler, würde Kotzebue sagen, um aus seinem Reichtum zu beweisen, dass er kein Künstler ist. Wenn die Kunst betteln geht, ist es meistens nur ein Beweis, dass sie arm ist, denn die wahre Kunst beherrscht alles und öffnet alle Schätze, der selbstische Künstler aber, der aus Kaprize oder Unkenntnis nur für sich selbst dichtet, er mag darben und muss gern darben, um nicht erbärmlich zu sein.

Nun aber haben wir jetzt keine allgemeine Kunst und ist bloss eine Zeit des Krieges in der Bildung, drum gehen viele Künstler arm herum mit ihrem Reichtum, und mit Recht mögen jene keine Leute machen, die nur aus Bosheit, Unsitte und für kein Vaterland mitstreiten. Es ist eine wahre und sehr würdige Reflexion, dass die Welt keine moralische Anstalt ist, wo ein geschöpf das andre aufmuntern soll, so dass gleichsam der Elefant dem Esel nichts als ein gut Beispiel sei, ein Elefant zu werden, und so fort; denn die Progression geht nicht auf Erden, im leibsie geht im geist vor. Auch geht die Bildung nicht feldeinwärts oder der Quere, sie geht in die Höhe anbetend und in die Tiefe forschend. Jedes geschöpf ist als Kompositum beschränkt und als vollkommen mehr oder weniger frei; in es selbst aber ist sein Geist gesetzt, der, insofern er nur empfindet, als er nur in sich selbst ist, sich selbst als den Mittelpunkt des Ganzen betrachtet. So ist der Dünkel jedes Standes zu entschuldigen; aber dem ganz freien, gebildeten Menschen ist die stille Betrachtung erlaubt, den bloss praktischen Menschen zu verachten; wenn er spricht: "Ich triumphiere" – denn triumphiert ein geboren Tauber, der geigen will, aus Mode, und die Geige in den Ofen steckt, mit den Worten: "Ist es nicht viel edler, Tabak zu spinnen und zu rappieren, da habe ich doch was für meine Nase, ich weiss nicht, was die Leute an dem Kolophonium riechen."

In eben diesen Fehler verfallen alle Menschen, die sich krankhaft oder aus Trägheit zum Bessern zu erheben ausgeben und ebenso nur die Empfindung, Bildung oder Kunst brauchen, ihre Lumpen mit zu flikken; sie geben