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mich hinein fühl ich: – er ist der Mut, frei zu schweben über aller Gemeinheit. – Dinge, zu denen wir uns entschliessen müssen, die sind nicht. Wir schauen den einzigen Gott an in uns; er durchfährt elektrisch uns die Glieder; das ist Entschluss. Verstehen wir uns, lieber Clemens? – Mein alter Magnetiseur würde das verstanden haben, es sind seine Antworten auf meine fragen, es sind aber freilich keine Antworten auf Deine Forderungen an mich, – ich weiss, was Du mit Recht mir vorwirfst! – "Und doch könne ich keinen Willen mir erkämpfen, ruhig und einfach die Entwikkelung meiner Talente zu betreiben." Ach ich weiss ja, dass ich mich schämen muss, jeder blaue Berg wirft mir das vor, er sagt: "Ich stehe reiner und edler da als Du!" – Mich befällt auch oft eine tiefe Melancholie über mein Nichts. – Was kann ich dafür? – Die Sünden der Welt haben auch mir den Boden abgegraben. Was ist das, wenn die frische kraftvolle Erde, die den Baum nährt, ihm geraubt wird, und er soll zwischen kalten Steinen Nahrung hinaufsaugen in den Gipfel! – Ach, der Bach selbst muss traurig hinsickern über seine entblössten Wurzeln. – So viel Lebensansicht hab ich mir erworben in diesen Verhandlungen über Freiheit und Lebensrechte, dass ich weiss, dass dies die Sünde ist der Welt, für die ist der Gott gestorben, das glaube ich, das weiss ich, aber soll er auferstehen, so muss diese Sünde getilgt sein durch seine Auferstehung.

Ich fürchte mich vor Dir das auszusprechen, doch ist's die Mitte meines Denkens. Die unverständlichen Aufsätze von mir, die Du mit soviel Neugierde studiertest, sie sind Funken und glühende Asche von diesem Herd, dessen Flamme manchmal hell aufleuchtet; ein ewiges Menschwerden des Geistes durchbricht alles sinnliche Bedürfnis und wirft es nieder und steht aufrecht über ihm, und ja, das ist's, was ich Entschluss nenne, zu sein und zu werden, ob ich's verstehe oder nicht. Rechenschaft geben? – Warum? Die Geistesauferstehung selbst ist Rechenschaft allem Unsinn, der aber sie verwirft. Lass den Geist werden und seine grossen Zauberkräfte werden über dieses Fordern nach Rechenschaft über Höllenbrodem und Fegefeuer sanft hinüberwallen, und Satzung und Glaubensartikel, sie reichen nicht an seine Region, und wenn sie auch noch so grosse Staubwolken aufregen unter den Menschen.

Ich wollte Dir ja vom Kloster schreiben, ich wollte Dich überraschen mit der Erzählung dieser einförmigen Tage, wo viel träumerische Knöspchen auf feinen Stielchen rankten! – Aber da lass' ich mich überraschen vom Schauder über das Gewöhnliche, was die ganze Welt zum Narrenhaus umwandelt. O, Ihr Bienen alle, die Ihr mich umsummt habt im Klostergarten. Ihr Nelken- und Lavendelbeete, die Ihr mich gedeckt habt mit Euern Düften.

Ach, es ist Winter in mir, und der Schnee der Weisheit deckt die Erde. O Erde, lass den Frühling wieder treiben, halte den Atem nicht länger an, hauch deinen süssen Duft aus, er genügt mir statt Paradiesesfreuden. Willst Du deine Gräser herauslassen und deinen Bächen freien Lauf, Erde, dann küss' ich dich und schenke dir meine Seele.

Das heisst, das Unterhandlen mit dem Himmel bin ich ganz müde. Das heisst wieder: alles ist zwar in Richtigkeit und an der Tafel angekreidet. Ach käm nur einer und löschte mit dem Schwamm das ganze Fazit aus, dann wär noch Hoffnung, dass die natur im Menschen wieder aufwachte.

Deine Schwester Bettine

liebes Kind!

Ich fühle mich in eine ganz wunderliche Lage hineingeschoben durch Deine ausgreifenden und wieder tief im Lebensschacht herumwühlenden Mitteilungen. Oft ist mir, als stehe ich auf einem vulkanischen Boden, wo die verwitterte Lava von der schaffenden natur üppig begrünt hervorbricht in Flammen und verzehrt es wieder. Und hier und da liegen Brandstätten unter dem ewig blauen Himmel. Was nützt mein guter Wille, meine stimme, mein Wort. Wie könnte das diesen Boden erschüttern, in dem ein innerliches Wirken verborgne Wege schleicht und dann jeder Gewalt unerreichbar plötzlich das begonnene Gepflegte zerstörend aufflammt. – Weisst Du, was Du sprichst? – Nein! Denn ich kann Dir den Mut nicht zutrauen, Dich Nationen und Jahrtausenden gegenüberzustellen und denen Hohn zu sprechen. Das tust Du aber, blind wie Du bist, springst Du über Abgründe, und immer glücklich fühlst Du den Boden unter Deinen Füssen. Man sagt, der Blitz erschlage keinen Schlafenden, drum soll man während dem Gewitter keinen Schlafenden stören. Ich frage mich, ob Du schläfst, ob Du träumst, und dann mein ich, das Gewitter bist Du selber; es rollen Ideen donnernd in Deinem Geist, die aneinander zerschmettern; und vor meinen Augen sinkt in die tiefste Spalte, die plötzlich gähnt, was eben noch meine Hoffnung war, was ich mit demselben süssen Willen hütete, wie Du Deine Blumen und Kräuter. Deine unverständlichen Aufsätze, wie Du sagst, seien die glühende sinkende Asche und ausfahrenden Funken von dem Herd, auf dem der erwachende Geist sich seiner Unverständlichkeit entbindet. Einmal will ich mich vor Dir aussprechen darüber, sollte ich mich irren, so sage mir es. Ich war bis jetzt noch immer so sehr der einzige Gesichtspunkt, nach dem Du mit inniger Begierde hinsahst, in dem das meiste um Dich her nicht das war, was den Geist auf eine würdige Art fesseln kann. Deine Aufsätze, teilweise auch Deine Briefe, stellen