1844_Arnim_004_33.txt

hinübergeleitet wurden, dem der Schweiss von der Stirne rann, bis er uns in Ordnung hatte. Der Vorhang wurde hinweggezogen, und wir tanzten vor alten Hofmasken und Perücken einen trefflichen mimischen Tanz, der allerlei bedeuten sollte, es ging passabel, bis wo wir einen Ringeltanz um das Ysenburgische Wappen tanzten, an das wir unsre Kränze aufhängen sollten; mein Neunzehner fiel und riss mit seinem Kranz das Wappen herunter, das fiel auf ihn, und alle Kränze flogen im Saal herum. Ich richtete geschwind das Wappen wieder auf, damit es nicht sollte für ein bös Omen ausgelegt werden. Dann tanzten wir nach den Kränzen, als hätt es nur so sein müssen, und teilten diese den Herrschaften aus; dies Impromptu ging besser als das eingeübte. Die Damen traten vor den Spiegel und probierten sie auf, und mancher stand der Kranz recht schön. – Unterdessen verwandelten wir uns in Bauern, das ging auch sehr geschwind, wir Mädchen schürzten die Röcke hoch, zogen die Hemdärmel hervor und einen Brustlatz vor, ebenso schnell hatten die Ritter sich verwandelt, die als Bauern schon im Pappendeckelpanzer staken. Blumen, Bänder, Früchte, Obst in Körbchen standen schon bereit. Eh man drei zählen konnte, waren wir in Ordnung aufmarschiert, ein Erntezug, vorauf die Musikanten und Fahnen der Landleute, alles mit Silber und Goldpapier dekoriert, ein junger Mensch Bükes führte die Dorfmusikanten, er spielte auf dem Haberrohr, er hatte schon so viel Witze gemacht, er schnitt so närrische Gesichter, dass ich kaum konnte meine Verse deklamieren, da stolperte der Neunzehner hinter mir, und lässt seinen Korb mit Äpfeln über mich hinaus rollen, es erschallte ein gross lachen, kein Mensch denkt mehr an die Verse von Chateaubour. Der Dichter, der sich so viel Hoffnung gemacht hatte, quel effet que cela fera. – Die schönen zirkelrunden Borsdorfer waren bestimmt gewesen, in einem Akt in unserm Bauerntanz, nach der Rede, in der ich unterbrochen ward, zu figurieren. Wir sollten im Tanz einander gegenüberzustehen kommen und nach der Musik mit diesen Äpfeln ein Ballspiel aufführen. Und dies hatten wir nun wochenlang eingeübt, so sicher wie die besten Bombardiere. – Sollte nun dies beste Kunststück durchfallen? – Wir rafften schnell die Äpfel auf und stellten uns in Ordnung auf. Die Rohrpfeife wollte nun die Zwischenmusik überspringen und die Musik zum Ballspiel einleiten oder aufpfeifen. Aber die Geigen verstanden das nicht und kamen ihm nicht nach, sie blieben auf dem alten Satz; es gab ein Charivari. Die jungen prinzlichen und gräflichen Herrschaften, die dies Spiel nicht zum Ballett gehörig glaubten, hatten sich drein gemischt und warfen mit Äpfeln um sich her, mancher mag da getroffen worden sein, der nicht gemeint war. Doch es fing an menschlich zu werden unter ihnen, sie probierten ihre Kränze auf, wie sie nach ihrer Meinung ihnen recht gut standen, so ging man bekränzt herum und, als ob dadurch die Klausur der Etikette aufgehoben sei, lief alles untereinander, stiess sich mit den Ellenbogen und stolperte ohne weitere Entschuldigungen. Bükes mit seiner Pansflöte führte einen Satirtanz auf aus eignem Ingenium und spielte selbst dazu auf, er endigte dies Impromptu mit einer Ode von Ovid, die er langsam und deutlich mit allen möglichen Modulationen, bald mit Donnerstimme, bald mit sanftem Flüstern deklamierte und dazwischen mit der Pansflöte Intermezzos spielte. – Er wurde bewundert. Mehrere, die sich als Lateiner wollten zeigen, gaben ihm das beste Lob, was er mit grossem Pläsier anhörte, weil er allerlei lateinisches sinnloses Zeug zusammengewürfelt hatte, was ganz ohne allen Zusammenhang war gewesen.

Gestern, lieber Clemens, hab ich bis hierher geschrieben, vielleicht langweilt Dich's, es ist aber gleich aus, die bekränzten Herrschaften setzten sich zur Tafel, sogar die alte Prinzess Rotenburg hatte einen Kranz von Wacholder mit Perlen durchflochten auf ihre altmodische Blondencoiffüre gesetzt, die dadurch sehr verschönert ward. Tannen, Myrte, Orangen, Oleander und Lorbeer kränzten manchen alten Kopf, dessen grosse Hakennase unter dem Kranzschatten sich sehr vorteilhaft ausnahm. Die Musik dauerte während dem Essen fort, das Ballett aufführende Personal tanzte dazu auf eigne Faust allerlei groteske Sprünge. Alle Augenblicke wurde Tusch geblasen; wozu wir im Hintergrund das Vivat verstärkten. Um Mitternacht war gegenseitiges Umarmen, dazu tanzten wir die Ronde, alle an einem blauseidenen Band uns haltend, auf dem Verse gedruckt waren auf alle hohe Personen. Im Tanz machten wir Halt und schürzten das Band mit dem Vers über den, an den es gerichtet war, so bekam jeder seinen Vers zu lesen. Nun kam eine grosse Pastete, der Deckel wurde abgehoben, da sprang ein kleines Hündchen heraus, aber ganz klein, der Herzog hatte es, ich weiss nicht woher, aus dem südlichen Frankreich verschreiben lassen, zum Neujahrsgeschenk für die Fürstin von Ysenburg. Dies Pläsier war ganz apart, kaum besann es sich ein wenig, so bellte es die ganze Gesellschaft an, noch zwei andre kleine Hunde wurden herbeigeholt, um Bekanntschaft zu machen, die waren aber nicht so klein. Das Gebell der drei kleinen Hündchen übertönte alles und vermittelte die gegenseitigen Redensarten und Glückwünschungen. Das Lob dieses Festes läutet wie ein wohltönend Glockenspiel hier in der ganzen Umgegend unsern Ruhm aus, man will es noch einmal wiederholt haben. Einmal ist keinmal, aber noch einmal, das ist zuviel.

Liebster Clemens, noch Lebensgeschichte kann ich gar heute nicht mehr schreiben. Du lobst mir alles, aber um so mehr drückt das mich nieder, diesem Lob zu