Dämmerung seine dunkeln Augen es anleuchten, oder war das Einbildung? –
Der Vater hatte das Kind sehr lieb, vielleicht lieber als die andern Geschwister, seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen. Wollte die Mutter etwas vom Vater verlangen, da schickte sie das Kind, und es solle bitten, dass der Vater Ja sage, dann hat er nie es abgeschlagen. Nachmittags, wenn der Vater schlief, wo keiner Lärm wagte oder Störung zu machen, das Kind aber lief ins Zimmer, warf sich auf den schlummernden Vater und wälzte sich übermütig hin und her, wickelte sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schlief ermüdet auf seiner Brust ein. Er lehnte es sanft beiseite und überliess ihm den Platz; er ward nicht müde der Geduld. Viel Lieblichkeiten erwies er ihm, beim Spazierenfahren liess er halten auf der Blumenwiese, bis der Strauss gross genug war, das Kind wollte gern alle Blumen brechen, das nahm kein Ende, die Nacht brach ein, und den Strauss, viel zu gross für seine Händchen, bewahrte ihm der Vater.
Was ging denn noch Schönes vor und webte allerlei Lustiges ihm in den Lebensteppich. Das belebte Leben auf der Strasse! Gegenüber im Haus die offne Halle, in der vom Mai bis in den Herbst die Nachbarn kampierten den ganzen Tag, da spielten die Kinder mit dem Mops, und der Papagei auf der Stange plauderte Spitzbub, das wollten wir gern den ganzen Tag hören. Wie glücklich war das Kind mit dem Schlüsselblumenstrauss, den die Milchfrau mitbrachte morgens früh. Ach das Land! – Die Wege hinaus ins Freie! – Die Kinder schiebelten sich lustig den Wall hinunter ins tiefe Gras. Und das Klapperfeld, wo das Gespenst rumorte im bösen Haus, und der Herr Bürgermeister hatte Wache hinpostiert, zehn Mann von innen, und von aussen auch zehn an die tür gelehnt, hat das Gespenst in der Nacht umgeworfen, in der Nacht mit dem Glockenschlag zwölf. Der Doktor Faust habe da gewohnt ganz im Verborgnen und sei erst jetzt gestorben, seitdem rumort es. Da erzählten sich die Leute abends spät noch Wunder vom Doktor Faust, wie er die Bäume konnte blühen machen mitten im Winter und so schnell, dass man zusehen konnte, wie die Blüte herauskam. Das Kind schlief nicht, es erlauschte alles in seinem Bettchen und freute sich der Unmöglichkeiten.
Einmal starb eine vornehme fremde Frau, die in der Stadt krank gelegen hatte an unheilbarem Übel. Sie hatte das Kind oft kommen lassen an ihr Bett und ihm viele Spielsachen gegeben. Ein langgedehnter Grabgesang hallte durch die Strassen, schwarze Männer trugen den Sarg. Da wird die vornehme Frau begraben, hiess es, und man erzählte viel von ihrem schmerzlichen Tod! – Was ist das, Tod? Begraben! Nicht mehr da! – Das Kind kann's nicht begreifen, dass man nicht mehr da sein könne. Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht mehr sein. – Nein! Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht, ins Blumenelement, und nicht sich besinnt, nur taumelt lichttrunken, nur freudig schwärmt, so lösen die Kranken, die Müden sich ab vom Leib, so steigen sie auf ins reinere Freiheitsleben, das ist alles, was den Sinnen nicht sichtbar war. Wie die Raupe sich veredelnd umwandelt, so kann's der Mensch auch. – Hätte es doch wieder vergessen können, was das heisst, von der Erde scheiden! – Der nächste Frühling, vom Tod an der Hand geführt, kommt und geleitet ihm die schönste Mutter ins Grab. Da ist Zerstörung im Haus, die Freunde! – Und viele dankbare Tränen fliessen. Der Vater kann's nicht ertragen, wohin er sich wendet, muss er die hände ringen, alles scheuet seinen Schmerz. – Die Geschwister fliehen vor ihm, wo er eintritt, das Kind bleibt, es hält ihn bei der Hand fest, und er lässt sich von ihm führen. Im dunklen Zimmer, von den Strassenlaternen ein wenig erhellt, wo er laut jammert vor dem Bilde der Mutter, da hängt es sich an seinen Hals und hält ihm die hände vor den Mund, er soll nicht so laut, so jammervoll klagen! – Gesegnetes Haupt, das an seiner seufzenden Brust lag und von seinen Tränen überströmt ihm Linderung gab. – Werde doch auch so gut wie Deine Mutter, sagte in gebrochnem Deutsch der italienische Vater. –
Ach, lieber Clemens, heute kann ich nicht mehr von der Kindheitsgeschichte schreiben. Und es ist ja auch gar nichts, was ich da aufgeschrieben hab, und doch bin ich erschüttert und muss um die Toten weinen. Mein Licht geht gleich aus, es ist so kalt im Zimmer, jetzt spür ich erst, dass ich mit blossen Füssen die ganze Zeit am Schreibtisch sitze. Wenn ich wieder schreibe, will ich fortfahren vom Kloster zu erzählen, wo wir bald nach dem Tod der Mutter hingebracht wurden. Adieu Clemens, wenn wir nach Frankfurt kommen, geh ich gleich in die Karmeliterkirche und sehe, wie es da ist, ich hab Eltern und Geschwister so lange nicht besucht, wenn sie's fühlten, wenn sie sich wunderten, dass ihr Kind sie versäumt.
Deine Bettine
Liebe Bettine!
Ich habe Deinen Brief mit vieler Rührung gelesen, sei versichert, dass ich bald umständlich schreibe, heute ist keine Zeit, ich füge Dir einen Brief bei, den ich von Franz erhielt. Glaube, dass ich mich in gewisser Hinsicht