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Geist ist Zauberer, dies ist die Schöpfung, die in sich selbst geheim und heilig ist, eine ewige Tiefe der Freude und des unergründlichen Glückes, fern und unantastbar für die lärmende vernichtende Oberfläche des Lebens.

Wieder ein Posttag und nichts von Dir! – Wie ist das? – Hindert man Dich? – Der Buchhändler schreibt mir, er habe Dir den Homer geschickt, hast Du ihn? – Schreibe und liebe Deinen

Clemens

Ach manchmal möchte ich verzweiflen, manchmal ist mir's, als müsse dennoch alles im Rauch aufgehen, was mir so gut und so schön in Dir deucht, als könntest Du nicht zu Dir selber kommen, um was hab ich Dich alles gebeten? – Du hast mir versprochen, was mich so glücklich machen könnte. Versprochen hast Du's, aber wirst Du's auch halten, wo eine lederne Zeit sich Deiner anmasset? – Du könntestund doch kannst Du nicht. – Warum nicht? – Frag Dich das! –

Warum hast Du nicht von Deinen Kinderjahren die Erinnerungen aufgeschrieben? Du hattest mir's versprochen, Du hattest mir's gelobt. werde ich nicht auf Dich zählen dürfen?

Clemens

An Clemens

Clemente, Du warst bei der de Gachet und nicht zu haus im Stübchen, und jetzt klagst Du über Deine Einsamkeit, wo Du kaum den Fuss auf die Schwelle gesetzt hast. Und fragst ängstlich, warum ich nicht schreibe. Ei, weil Du nicht da warst. Weil bis zum 19. November keiner wusste, wo Du gewesen bist. Du schreibst mir endlich den schönen langen Brief, den ich nun schon acht Tage mit mir herumtrage, jetzt wirst Du denken, warum ich immer noch nicht antworte! was da dran schuld sein mag? – gar nichts ist schuld, als dass Dein Brief mich ganz betäubt hat, und ich hab ihn sehr vielmal gelesen und kann ihn nicht behalten, der Inhalt ist mir immer noch fremd. Ja, Du warst bei der de Gachet, dort hast Du an der galvanischen Batterie Dich elektrisch geladen, und nun fährst Du mit feurigen Zungen auf mich los. Soll ich denn wirklich schreiben heute? – Oder soll ich wieder den Posttag versäumen? denke, es liegt meinem Geist, dem Du die Schöpfung einer neuen Welt zumutest, wie Blei in den Gliedern. Ich mocht lieber nicht schöpfen. Die ästetischen Briefe von Schiller? – Freilich hab ich die nicht gelesen, denn ich kann nicht auf Komma und Punkt achtung geben. Der Grossmama hab ich wohl draus vorgelesen, aber in Gedanken war ich wo anders, aber wo, weiss ich nicht; aber von der Lektüre hab ich nicht profitiert, denn ich weiss nichts davon. Ist es Krankheit, dass ich so zerstreut bin? Es ist wohl Schwäche in dem geistreichen Kopf, lieber Clemens, dem Du so hohe Würden und Kräfte zuschreibst in Deinem Gedicht. Du schreibst aber von mir nicht, nein, gewiss nicht, ich bin kein solcher Einsamkeitskobold, kein solch Wolkengespenst, noch Schattenriss der Erhabenheiten.

Jetzt wirst Du böse, ich merk's. – Macht es Dich böse, Clemens, dass ich so Dir antworte auf Deinen treusten ernstesten Willen für mich? Von Spanien! – Ach, erst hat mir die de Gachet davon gesprochen, wie wir allein waren an jenem Sonntag, da hab ich ihr recht glücklich widersprochen, worüber sie sehr erstaunt war; und hab gesagt, was denken Sie, dass ich hier sollte den Garten verlassen, der mir so lieb ist, und mein Bruder Franz, der mich so lieb hat, wenn ich so weit von dem fort wollte, und mein anderer Bruder Dominikus, der mir Schmetterlinge bringt, wenn sie bald aus der Puppe sich losmachen, die fliegen dann zu Dutzenden im Garten herum auf den Blumen, und mein Bruder George, der vornehmste aller Menschen, und mein Bruder Christian, der eine matematische Korrespondenz mit mir führt, und mein Bruder Anton, der ist ein Phantast, mit dem dichte ich Fabeln, und mein Bruder Peter liegt in der Familiengruft in der Karmeliterkirche bei Vater und Mutter und noch drei Schwestern, die gewohnt sind, dass ich sie grüsse, wenn ich in Frankfurt durch die Mainzer Gasse gehe, wo die Karmeliterkirche steht. – Sie war verwundert über dies grosse Register unzerreissbarer Vaterlandsbande, sie sprach von einem grossen Weltteil, von Oliven und Orangenwäldern, von blauen Fernen, von heissem Mittag und kühlen Abendlüften, und dass Du mitgehen werdest, und dann könne ich ja immer mit Dir sein, und es seien so interessante Menschen dort, viel edler von Geist und Gestalt wie hierzulande. Ich sagte: "Ich will aber nicht immer mit dem Clemens sein, sonst könnten wir einander lästig werden, und mir ist das liebste beim Willkommen, ihm an den Hals springen und beim Abschied ihn vors Tor begleiten." "Vous êtes un enfant", hat sie gesagt, "sentez donc combien en voyageant votre âme et votre fantaisie se developeront et puis vous serez avec moi, je vous aimerais, et vous comprendrez, la vie, le mond, la nature tout autrement." Glaubst Du, das habe mir keinen Eindruck gemacht? – Gewiss hat es mich Überwindung gekostet. Ich sah ihr unter die Augen, plötzlich kam sie mir vor wie ein Seeräuber oder sonst eine edle Spitzbubengattung; sie glaubte schon, sie habe mich gefangen, da kam die Grossmama, ich riss mich los