Dich für die Pein; sie sind für eine kindliche Seele etwas hölzern. Hiervon schweige gegen die Grossmutter, sie tut Wunder der Güte in ihrer Art – und Du sollst sie ehren. Schreibe, wenn es möglich ist, Deine Empfindungen während oder nach der Lektüre nieder und schicke mir so etwas, überhaupt sprich in Deinen Briefen oft mehr über den ganzen Kreis Deiner Empfindungen, wie sie nämlich in die Welt hinausstrahlen, als über ihre Konzentration.
Was Du tust, erhalte Deine Seele in reiner jugendlicher Liebe zum Grossen und Schönen. Auch die Sinne wollen die Befriedigung in der Schönheit, sie suchen es in sich und in dem, was Einfluss auf sie übt. Du fühlst Dein Ohr beleidigt durch eine klanglose rauhe stimme, die keinen Geist widerhallt, so Dein Auge lenkt ab von dem, was seinem Schönheitsreiz widerspricht. Oder es forscht nach der tieferen Schönheit des Geistesadels und der Güte, wenn es mit hässlichen Zügen sich bekannt macht. So ist das unschuldige Auge der strengste, aber auch der edelste Richter, ja der König unter den Sinnen, denn es begnadigt den, der unverschuldet gegen die Schönheit sündigt, es erhebt und rächt ihn an den stumpfen Sinnen, die das Tiefe nicht von der Oberfläche unterscheiden. Seelenreinheit im Verkehr mit andern, ohne Vorbedacht, ohne Berechnung, die allein ist der helle Kristall, durch den das Leben in seiner Ursprünglichkeit begriffen wird, und die aus sich selbst die ewigen Motive immer wieder erzeugt, welche eine verwirrte Welt umwälzen und ihre primitive Kraft ihr wieder verleihen. Verstehst Du mich? – Nur solchen Naturen schliessen sich alle Lebenstiefen auf, nur sie werden gesund zwischen Lastern, ansteckenden Krankheiten der verwirrten Zeit hindurchgehen, nur sie werden Heilung ausströmen, nur sie werden taube Ohren hörend und blinde Augen sehend machen. Sei unbekümmert um die Zukunft, es gibt keine; wenn Du in jeder Minute rein und voll und ohne Langeweile lebst, so gibt es nur eine gegenwärtige Ewigkeit.
Es würde mich freuen, wenn Du wolltest Dich mit dem Englischen beschäftigen. Sprachen sind ein grosser Gewinn, sie entalten ausser der Verschiedenheit des Ausdrucks auch noch ein melodisches Genie, und dies erzeugt wieder auch ein tanzendes Genie im Geist. Und willst Du hinter alle Geheimnisse des Geistes kommen, so nehme nur Rücksicht auf das Leben, was die Sinne führen, es spricht Dir Befähigung und Kraft und Neigung aus. In unserer äussern Welt konstruieren sie eine erhabne Geisteswelt, die reifen muss in ihr und endlich sich selbständig zur Welt gebären muss. Das ist unsre Erlösung aus dem Irdischen ins Himmlische. – So wie der Tanz Dich lebendiger und rascher macht. – Als ob von frischem Frühlingswind angehaucht die Lebensglut aufflackert und spielend ihre Flamme hier- und dortin wirft; so ist's mit dem Geist. Sprachen lernen, ist mit dem Geist der aufregendsten Tanzmusik folgend, sich behagen in harmonischen Beugungen und zierlichen kecken labyrintischen Tänzen, und dies elektrisiert den Geist, wie die Tanzmusik Deine Sinne elektrisiert. In der Sprache aber vermählen sich die Sinne wirklich mit dem Geist, und aus dieser Verbindung erzeugt sich denn, was die Völker mit Erstaunen als ihr höchstes Kleinod lieben und erheben, und wodurch sie sich erhaben fühlen über andre Völker, was den Charakter ausspricht ihrer Nationalität, nämlich der Dichter. Drum, liebes Kind, ist's nicht so gemeint, wie die andern es meinen, wenn sie Dich zum Fleiss anmahnen, – wenn ich Dich drum bitte; es ist wahrhaftig aus einem tieferen Grund; aus dem heiligen Grund der Vernunft. Diese Vernunft, die immer über uns schwebt, selten den Fuss auf die Erde setzt, nach der schaue ich beständig und flehe sie an, dass sie Deine Muse soll sein. Dir kommt vielleicht das trocken vor. Ich hab schon oft Dich zürnen hören über Vernunft und vernünftig, Du hast dies Wort bei mir verklagt, dass es so wenig Klang als innerlichen Nachklang habe, und wenn ich Dir auch nachgebe, dass der Klang dieses Wortes nichts Anziehendes habe, was daher rühren mag, weil die Vernunftphilister es in falschem Gold nachmachen, so erinnere Dich nur, was Du mir noch vor einem halben Jahr geschrieben, die Pockengruben, die Lavater dem Mirabeau so bös auslegt, können Dich nicht hindern, in die Gruben seines Geistes und Herzens Dich einzubetten? – Nun so glaube mir, dass, wer im Begriff der Vernunft, ein edles Lager findet, das mit Rosen und Lorbeern und auch mit Myrten Dir bestreut ist.
Das Missverständnis der Welt ist der wahre Verleumder, sein Lügennetz verwickelt alle Hin- und Widerreden, alle sich aus gegenseitiger Opposition bildenden Meinungen, und wer sich oder seinen grundsätzen unrecht getan fühlt, tut wieder dem unrecht, den er selbst durch Irritation so weit gebracht hat, dass ihm die Ahnung in der Seele gelöscht ist vom Grossen und Schönen, und betäubt nicht mehr das Rechte erkennt. –
Aus Empörung gegen diese Missverständnisse gegenseitiger Opposition ist die Revolution entsprungen, und aus Eigensucht derer, die für die höchste Liberalität zu streiten behaupten, wird sie mit ihren schrecklichen Nachwehen, eine schauerliche Ruine für die Nachwelt, dastehen. Aber gebessert kann nur das ganze Weltverhältnis werden durch die heilige Vernunft, lass sie Dein Mirabeau sein, wenn dieser Name Dir besser klingt. Widme ihm Deine Begeistrungen, da er Dir doch nur aus den Wolken herabpredigen kann, so wird dies leicht mit der Vernunft übereinstimmen, die auch immer über allen Projekten der Menschheit schwebt.
Verzeih mir,