. – Was ich sage, sei es Frevel, o so ist mir dieser Frevel lieb. Wo war je ein Gebet stolz genug, dass ich gern es nachgesprochen hätte? –
Hier liegen wir im Staube vor dir, Gott Zebaot. So mussten wir im Kloster singen und nachdem ich's jedesmal mitgesungen hatte, besann ich mich eines tages, was es denn wohl heissen möge, es schwante mir, als ob dem Gott der Menschheit ein Götze gegenüber stehe, der Zebaot heisse, denn Gott und Mensch konnte ich nicht trennen und kann es noch nicht, und Staub lecken vor dem Zebaot, das heisst mich eine innere stimme bleiben lassen, wenn ich Frieden haben wolle mit dem rechten Gott, der in den mondverklärten Wolken abends sich ins Gespräch mit mir einliess über allerlei und mir recht gab, wo aberwitzige Menschen es besser wissen wollten. Und wie wunderliche Reden führte mit mir oft dies oder jenes auch in der natur.
Was hab ich alles erfahren in jenen Kinderjahren; – Wurzeln und Kräuter, eine Blumendolde, aus der bei leisem Druck der Same aufsprang – die waren mir Unterpfand und Beteurung vom Gegenteil alles Aberglaubens, sie sagen mir immer dasselbe: Frei sein, und jeder Glaubensbefehl leugnet mir das, und endlich, da die Überschwemmung der ganzen Erdenkultur auf mich losgeschwemmt kommt, da strecke ich die Hand allem Unschuldigen entgegen, um es zu retten in meinen Busen. Und jeder Begriff des Grossen, Kühnen, der Lüge zum Trotz Reinen, – das ist mir ein Lebendiges, das mich anwirbt mit schmeichelnder Verheissung. Und was war dagegen, was man mich lehrte? – Ach so unfasslich, dass man eine Maschine sein musste, um es nachzusprechen.
Du hast mir oft gesagt, ich solle meine Erinnerungen aufschreiben aus der Klosterzeit, über die ich nun schon mehr als drei Jahre hinaus bin. Es ist alles noch lebendig in mir, ich kann aber nicht die Blütenäste vom Baum abbrechen, der ich selbst bin. Dies Klosterleben hat Knospen in mir angesetzt, Ahnungen, die zur Wahrheit müssen reifen. Denn der Baum kann nicht selber sich berauben seiner Düfte, die noch verschlossen sind. – Denn alles ist mir ja nicht ein Gegenstand, ich bin es selber. Weil es aber heute in so nächtlicher Zeit ganz toll in mir hergeht, dass ich nicht schlafen kann vor dem Gaul, der Schimmel, der mir im Kopf herumtrabt, – so weckt er mir ja ganz leidige Erinnerungen, über die ich gleich damals als junges Kind schon den Bann ausgesprochen habe. Ach ich bin doppelt froh des Lichtes, das ich in Dir sehe, denn alles, was ich Dir schreibe und sage, kommt mir vor, als gehe es von Dir aus, und ich bin so stolz in Dir, weil Du oft mich anredest, als ob es die stimme der Weisheit sei, auf die ich lange gehorcht habe in die Ferne, und jetzt ist sie mir so nah in Dir, dass ich sie von mir selber nicht unterscheide. Aber ach! hege keine zu grossen Erwartungen von mir, bedenk, dass ja Deine Liebe mir keinen Wert mehr lässt, ich hab ihn alle für sie hingegeben. Und heute schreibe ich nun nichts mehr, aber morgen.
Nun ist's Morgen, Clemente, aber welch ein Morgen? – Die Gachet hat sich ansagen lassen mit noch merkwürdigen Begleitern, ein Chemiker Buch, ein Gottesgelahrter Maijer, ein Pferdemaler Dalton. Dies Pferdegenie soll sehr interessant sein, der blinde Dux wird auch da sein. Ich freu mich schon auf alles, und mir klopft das Herz, aber ich werde mich doch auch selbst fühlen gegenüber der Frau, die ein Pferd regiert wie ein Mann! – Denn kann ich nicht vielleicht auch etwas regieren, was dem Gaul gleich ist, oder mehr noch? –
Eben ruft die Grossmama, wir sollen ihr Blumen holen im Garten und die Urnen frisch mit Sträussen versehen. Ich werde alle Blumenbeete rasieren, ich muss fort.
Clemente, sie ist da gewesen, wie ist doch alles durcheinandergegangen. – Nach dem ganzen Abenteuer haben die Franzosen im Garten einen fürchterlichen Äpfelkrieg geführt, ich kann Dir's heute nicht mehr schreiben, ich muss erst noch eine Nacht drauf schlafen. Aber morgen kommt sie wieder, sie hat mir's im Vorübergehen ins Ohr geflüstert, sie ist des Teufels, aber ich bin auch des Teufels, ich will keine Freundschaft mit ihr, ich bin zu jung. Wär ich schon so, wie es in mir werden will, dann ritt ich stehend auf zwei Gäulen und spränge dazu durch den Reif. Mit Kunststreichen und Übermut wollt ich ihren kühnen Ritt ausparieren.
Lieber Clemens, heute am Montag erzähl ich fort vom Samstag und Sonntag, diesmal gingen hexenmässige, die Grossmama in höchster Spannung haltende Dinge vor, eine galvanische Batterie! – Der kleine rotwangige Apoteker Buch trug Blumenkörbe und Urnen hinaus auf den Hausflur.
Mit Salzwasser in einer grossen erdnen Schüssel wurde ein gross Geplätscher gemacht, runde Filzlappen und Taler und Kupferplatten aufeinander gelegt, viele Stimmen und hände gingen durcheinander bei dem Aufbau der Säule. Der Herzog im Hintergrund hielt mich bei der Hand, ich musste ihm erzählen, was vorgehe. Nachdem die Säule unter den Händen der Gelehrten mehr wie einmal umgestürzt war, baute die Vendéerin sie selbst auf, und sie blieb stehen; es wurden negative und positive Versuche gemacht, davon kann ich nichts sagen, als dass es nicht ganz so